Zugführerwagen 974-333

Am 18. November 2011 erreichte mit dem vierachsigen Zugführerwagen 974-333 der – nach dem vierachsigen Sitzwagen 970-241 aus Zittau – zweite Neuzugang im vorigen Jahr den Schwarzbachbahn e. V. Handelt es sich bei dem Sitzwagen um eine Leihgabe der SOEG, so befindet sich der Gepäckwagen nun im Eigentum der Schwarzbachbahner. Die Sächsische Dampfeisenbahngesellschaft mbH (SDG), bei der sich 974-333 seit der Firmengründung als BVO Bahn 1998 im Schadwagenpark befand, hatte das bisher in Cranzahl abgestellte Fahrzeug 2011 verkauft.

Geschichte

Die Geschichte des Wagens beginnt im Jahr 1922 mit der Auslieferung durch die Waggonfabrik Werdau an die noch junge Deutsche Reichsbahn. Er gehörte zu einer Serie von 34 Nachbauwagen der Gattung Pw4 (lfd. Nr. 751), die von 1922 bis 1927 nach dem Vorbild der 35 zwischen 1910 und 1915 in Dienst gestellten Gepäckwagen gebaut wurden. In Fortführung des Nummernschemas der K.Sächs.Sts.E.B. erhielt er von der RBD Dresden zunächst die Betriebsnummer 1394K. Im August 1927 ordnete die RBD Dresden dem Wagen die neue Betriebsnummer K1762 zu. Anfang 1950 änderte sich diese in 7.1762. Die Ziffer 7 kennzeichnete ihn dabei als 750-mm-Fahrzeug.

1952 legte die Hauptverwaltung Wagenwirtschaft für den Gepäckwagen als Ersatz für die bisherige Karteikarte ein Betriebsbuch an. Zu diesem Zeitpunkt war er in Freital-Potschappel beheimatet und wurde durch die Wagenmeisterei Dresden unterhalten. Heimat-Raw war zum 1. Januar 1952 das Raw Karl-Marx-Stadt. Das Betriebsbuch vermerkte folgende technische Ausrüstung und Details:

  • Körting-Bremse
  • Heberlein-Leitung
  • Handbremse
  • Scharfenbergkupplung
  • Kastengerippe und Bekleidung aus Holz
  • eisernes Untergestell
  • 1 Dienstraum und 1 Abort
  • „Tonnendach“ mit 4 Luftsaugern
  • ungeteilte Bremsklötzer
  • Plattformbeleuchtung
  • Scheibenradsätze
  • elektrische Beleuchtung 85 V
  • ein Ofen sowie eine Niederdruck-Umlauf-Dampfheizung
Das Ladegewicht wurde mit 7,5 t angegeben, die Ladefläche mit 13,3 m². Das Hundeabteil war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vorhanden. Für eine Krankenbeförderung bezeichnete das Betriebsbuch den Gepäckwagen als ungeeignet.

Vom 19. August bis zum 8. September 1953 erhielt der Wagen im Raw „Wilhelm Pieck“ in Karl-Marx-Stadt eine Hauptuntersuchung. Für diese berechneten die Beschäftigten 3984,– Deutsche Mark. Am 16. September 1953 stellten die Wagenabnahmestelle und der Raw-Direktor dem Pw4 abschließend eine Abnahmebescheinigung aus, die den weiteren Einsatz des Fahrzeuges genehmigte. Fortan erhielt der Wagen jährlich im Spätsommer eine Zwischenuntersuchung, bis 1958 die nächste HU anstand. Diese wurde vom 27. August bis zum 1. Oktober 1958 ausgeführt. Bei der Neubeschriftung erhielt er die ein reichliches halbes Jahr zuvor dem Fahrzeug zugewiesene neue Betriebsnummer 974-333. Die ersten drei Zahlen waren dabei ein Code mit folgender Auflösung:

  • 9 = Schmalspurwagen
  • 7 = 750 mm Spurweite
  • 4 = vierachsiger Gepäckwagen
  • 974 = vierachsiger Reisezuggepäckwagen mit 750 mm Spurweite
Von den folgenden drei Zahlen – 333 – gibt die erste 3 an, daß der Wagen 1958 zur Rbd Dresden gehörte. Die Gattungsangabe wurde in diesem Jahr um ein großes K als Kennbuchstaben für schmalspurige Reisezugwagen der DR von Pw4 auf KPw4 ergänzt (per 1. April 1964 in KD4 geändert).

Um das Jahr 1960 traten in den Raw fünf neue Instandhaltungsstufen in Kraft. Ihre Kürzel begannen mit dem Großbuchstaben R und beinhalteten folgende Arbeitsumfänge:

  • R0: außerplanmäßige Instandsetzung
  • R2: Revision
  • R3: Revision mit umfangreichen Instandsetzungsarbeiten/Anstrich
  • R4: Grundinstandsetzung mit Anstricherneuerung
  • R5: Umbau
Im Rahmen einer R0 wurde am 974-333 beispielsweise im November 1960 eine gebrochene Scharfenbergkupplung zum Preis von 154,– DM ersetzt. Im Jahr 1964 war die äußere Holzbeplankung des Wagenkastens offensichtlich so weit verschlissen, daß sie während der R5 durch eine Blechverkleidung ersetzt wurde.

Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt kam der Wagen von Freital-Potschappel zum neuen Heimatbahnhof Klingenberg-Colmnitz. Von dort aus erfolgte der Einsatz auf den Strecken nach Oberdittmannsdorf und Frauenstein. Die Entgleisung von 99 715 am 20. Oktober 1971 beendete den Verkehr auf der Strecke Klingenberg-Colmnitz – Frauenstein. Der Verkehr nach Oberdittmannsdorf ruhte bereits seit September 1971, so daß zu diesem Zeitpunkt kein Bedarf mehr an dem Wagen im Osterzgebirge/Tharandter Wald bestand.

Während der vom 10. bis zum 31. Januar 1972 in der Werkabteilung (WA) Perleberg des Raw Wittenberge ausgeführten R3 stellten die Eisenbahner aus der Rbd Schwerin den Kollegen in der Rbd Dresden am 26. Januar die Frage, ob die Heberleinrollen angesichts der bevorstehenden Umstationierung nach Cranzahl noch erforderlich seien. Dies verneinten die Sachsen, woraufhin die Beschäftigten der WA Perleberg die Rollen entfernten. Ihre Befestigungsbohrungen befinden sich jedoch noch heute in den Brettern der Dachschalung. Aufgrund des Alters von 50 Jahren war 1972 eine erste Beurteilung über die weitere Verwendungstauglichkeit von 974-333 nicht verwunderlich. Das offizielle „Urteil“ vom 31. Januar 1972 lautete: „Das Fahrzeug befindet sich nach erfolgter R3 in einem relativ guten Zustand (sichtbarer Bereich) und könnte, falls weitere REV planmäßig erfolgen, den Zeitraum von 9–12 Jahre betriebssicher erreichen!“

Nach zwei Einsatzjahren auf der Strecke Cranzahl – Oberwiesenthal erfolgte im September 1974 in der WA Perleberg im Rahmen der nächsten R3 eine erneute Beurteilung des Wagens. Dabei bewerteten die dortigen Beschäftigten den Zustand des Wagens noch mit „genügend“. Die Reichsbahn ging von einem weiteren Verwendungszeitraum von drei bis sechs Jahren aus. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß alle Beurteilungen ohne Begutachtung des tragenden Holzaufbaus getroffen wurden, der vermutlich letztmalig 1964 bei der Verkleidung mit Blech freigelegt worden war.

Im März 1977 entgleiste der Wagen auf der Fichtelbergbahn. Die Reparatur kostete die Reichsbahn 3366,83 Mark. Diese Summe wurde für die vier Monate dauernden Arbeiten vermutlich nur investiert, weil die letzte Beurteilung über die weitere Verwendungsfähigkeit des 974-333 erst vom 20. Januar 1977 datierte und ihm eine Restnutzungsdauer von sechs bis neun Jahren attestierte. Die bisher letzte an dem Gepäckwagen ausgeführte große Schadgruppe war eine R2, welche sich laut Betriebsbuch vom 12. August 1985 bis zum 20. August 1986 hinzog. Die entsprechende Untersuchungsanschrift befindet sich noch heute am Fahrzeug.

Ende der achtziger Jahre war der Wagen auf der CW-Linie hauptsächlich im Güterverkehr im Einsatz. Mit der Einstellung des Güterverkehrs und der Umrüstung des Reisezugwagenparks auf Druckluftbremse stellte die Rbd Dresden den Wagen 1992 ab. Am 30. Januar 1993 lief er jedoch nochmals im Foto-Gmp hinter 99 1586-9 mit. Seitdem wurden an ihm keine Erhaltungsarbeiten mehr ausgeführt, trotzdem präsentiert sich das Fahrzeug in einem kompletten und aufarbeitungswürdigen Zustand.

Erwerb durch den Verein

Im Oktober 2011 erwarb der Schwarzbachbahn e.V. den Gepäckwagen und bereitete seinen Abtransport aus dem Erzgebirge vor. Dazu wurde noch in Cranzahl die alte Dachpappe vom Wagen entfernt und das Dach anschließend neu gedeckt. Ebenso befestigten oder entfernten Mitglieder des Vereins zahlreiche lose Teile, um ihr Abfallen während der Fahrt auf der Autobahn auszuschließen.

In den Morgenstunden des 18. November 2011 war es soweit: Ein 70-t-Autokran der Firma Gerlach Krandienst Ehrenfriedersdorf verlud den Wagen innerhalb einer Stunde auf einen bereitstehenden Tieflader von Hein-Baumaschinen Annaberg-Buchholz, danach begann gegen 8.40 Uhr die Reise in die Sächsische Schweiz. Um 12.20 Uhr war Lohsdorf erreicht, und nach einer kurzen Kaffeepause rollte der Wagen über die mobile Fahrzeugrampe der SDG auf die Gleise des Bahnhofes Lohsdorf, wo ihn mehrere Vereinsmitglieder in Empfang nahmen. Bei der Schwarzbachbahn sind zunächst weitere Sicherungs- bzw. Werterhaltungsmaßnahmen geplant, welche einer späteren Aufarbeitung bereits vorgreifen. Der bereits vorhandene Kasten des baugleichen 974-335 soll dabei als Ersatzteilspender dienen.
André Dörfelt/AM


zum Preß'-Kurier | Artikel ältere Ausgaben