Pollo-Museumswagen 970-855 im Porträt

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Anfang Mai 2013 wird der Verein „Prignitzer Kleinbahnmuseum Lindenberg e.V.“ (PKLM) einen aus Sachsen stammenden vierachsigen Personenwagen mit Oberlicht als Museumsfahrzeug in Betrieb nehmen. In den vergangenen Monaten war über diesen als 970-855 geführten Wagen schon mehrfach im PK kurz berichtet worden. Im Vorfeld seiner Wiederinbetriebnahme soll nun hier ein ausführliches Portrait dieses Fahrzeugtyps im Allgemeinen und des Museumswagens im Besonderen gezeichnet werden.

Die Wagen der lfd. Nr. 715/716

Bereits in den 1880er Jahren experimentierten die K.Sächs.Sts.E.B. auf ihren schmalspurigen Sekundärbahnen mit verschiedenen vierachsigen Personenwagen. In den 1890er Jahren setzte sich ein Typ mit durchgehendem Oberlichtdachaufbau und Zwillingsfenstern durch. Doch die 20 zwischen 1891 und 1896 gebauten Fahrzeuge dieser Art (als BCC unter der lfd. Nr. 717 und als CC unter der lfd. Nr. 726 geführt) wiesen die von den zweiachsigen Wagen dieser Zeit bekannte Breite von lediglich 1,99 m auf.

Kurz vor der Jahrhundertwende stimmte die Generaldirektion der K.Sächs.Sts.E.B. dann dem Bau eines zwei Zentimeter kürzeren, aber dafür fast 20 Zentimeter breiteren vierachsigen Wagens 2. und 3. Klasse zu. Von diesen Fahrzeugen der Gattung BCC (im Fahrzeugverzeichnis unter der lfd. Nr. 716 geführt) entstanden von 1898 bis 1901 in den Eigenen Werkstätten der K.Sächs.Sts.E.B. in Leipzig und Chemnitz insgesamt 79 Exemplare. Die über Puffer 10,60 m langen und über Schienenoberkante 3074 mm hohen Vierachser hatten einen Drehzapfenabstand von 7,10 m, der Achsstand im Drehgestell betrug 1,30 m. Das kleinere 2.-Klasse-Abteil bot acht oder neun Sitzplätze (abhängig vom Vorhandensein eines Ofens), das größere 3.-Klasse-Abteil ohne Ofen 21 – mit Ofen und ab 1908 teilweise nachgerüstetem Abort hingegen 18 Sitze. Dank ihrer Stückzahl waren derartige Wagen auf sehr vielen, wenn nicht im Laufe ihres Einsatzzeitraumes sogar auf fast allen sächsischen Schmalspurbahnen anzutreffen.

Um der hohen Nachfrage der Reisenden nach Plätzen der 3. Klasse gerecht zu werden, ließ die Generaldirektion von 1910 bis 1914 bei 71 der 79 Wagen die Sitze der 2. Klasse durch Bänke 3. Klasse ersetzen. Für die auf diese Weise zu Fahrzeugen der Gattung CC umgebauten Wagen legten die das rollende Material verwaltenden Beamten im Bestandsverzeichnis die lfd. Nr. 715 an. Die Wagennummern blieben nach diesen Veränderungen bis 1927 unberührt – die 79 „Oberlichtwagen“ belegten die Gruppen von 261K bis 265K sowie 271K bis 344K. In den 1920er Jahren kam es zu weiteren Änderungen bei der Bestuhlung und Klassenzuweisung der Wagen. So wurden 1922 z. B. 51 Wagen der 3. Klasse in die 4. Klasse herabgestuft, bei anderen Wagen ließ die RBD Dresden in dieser Zeit ein Traglastenabteil einrichten oder im kleineren Abteil alle Sitzbänke entfernen.

Bei der Vergabe neuer Betriebsnummern erhielten die 1927 noch im Bestand befindlichen 78 Wagen deshalb heterogene Betriebsnummern: die 20 reinen 3.-Klasse-Wagen „Dresden K424“ bis K442 und K446, die vier Wagen 3./4. Klasse K701 bis K704 sowie die 54 reinen 4.-Klasse-Wagen K1245 bis K1298. Durch Verkäufe an andere Bahnverwaltungen, Ausmusterungen oder Abgaben für den Einsatz in östlichen Direktionen bzw. im Raum Kiew reduzierte sich der Bestand an einst unter der lfd. Nr. 716 geführten Wagen bis 1945 um knapp 30 Wagen.

Einsätze in der SBZ/DDR außerhalb Sachsens

Nachdem 1945/46 fast alle Kreis- und Kleinbahnen auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in Volkseigentum überführt worden waren, baten die damals auch für den Betrieb der Schmalspurbahnen in der Prignitz, um Pasewalk und im Raum Berlin zuständigen Landesbahnen Brandenburg (LBB) bei der RBD Dresden leihweise um Lokomotiven und Wagen. Die nun von SED-Mitgliedern geführte und von sowjetischen Offizieren überwachte Direktion kam diesem Hilfsgesuch nach und forderte die Dienststellen zwischen Zittau und Wilkau-Haßlau auf, für diesen Zweck Fahrzeuge zu benennen und 1948/49 bereitzustellen. Vor Ort legten die Wagenmeister fest, vor allem ältere und vom Zustand her schlechte Fahrzeuge abzugeben. Dabei handelte es sich häufig um vierachsige Oberlichtwagen …

Nachdem die Deutsche Reichsbahn 1949/50 die Betriebsführung aller auf dem Gebiet der SBZ/DDR befindlichen Schmalspurbahnen mit Reiseverkehr übernommen hatte, kam es zwischen 1950 und 1954 zu weiteren Abgaben sächsischer Fahrzeuge in nördlichere Direktionen, z. B. nach Bergen und Putbus auf Rügen, aber auch nach Burg (b Magdeburg).

Zwischen 1948 und 1954 verließen (neben zahlreichen Fahrzeugen anderer Bauart) letztendlich insgesamt 13 vierachsige Oberlichtwagen die RBD Dresden nach Norden. Dabei handelte es sich um:

  • 1 Abgabe ins spätere Netz Dahme
  • 1 Abgabe ins spätere Netz Pasewalk *
  • 2 Abgaben ins spätere Netz Perleberg
  • 2 Abgaben ins spätere Netz Burg
  • 3 Abgaben ins spätere Netz Nauen
  • 4 Abgaben ins spätere Netz Bergen/Putbus
* später um einen weiteren, zuvor nach Rügen umgesetzten Wagen ergänzt – wie es später auch zu anderen Umsetzungen innerhalb der nördlichen Direktionen kam

In den Reichsbahndirektionen Berlin, Magdeburg, Schwerin und Greifswald erhielten diese Wagen spätestens 1958 entsprechend ihrer Beheimatung neue Betriebsnummern:

  • 970-201, -202 und -213 in Nauen
  • 970-204 in Dahme
  • 970-764, -773 bis -775 auf Rügen
  • 970-751 in Pasewalk
  • 970-802 und -813 in Burg
  • 970-855 und -856 in Perleberg

Erwähnung sollen aber auch die beiden ursprünglich aus Sachsen stammenden Oberlichtwagen 970-203 und 970-211 im Netz Dahme finden. Bei diesen handelte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die 1940 von der RBD Dresden an die Wehrmacht abgegebenen Wagen „1260 Dre“ und „1258 Dre“.

Beide Fahrzeuge gelangten auf den durch das Militär genutzten Schmalspurbahnen im Raum Rehagen-Klausdorf und Sperenberg zum Einsatz, zu denen damals auch die Strecken der ehemaligen Jüterbog-Luckenwalder Kreiskleinbahnen gehörten. Nach Kriegsende wurden viele der verbliebenen Lokomotiven und Wagen wieder zivilen Zwecken zugeführt und auf der als Luckenwalde-Jüterboger Kleinbahn (später umbenannt in Luckenwalde-Jüterboger Eisenbahn) genutzt, wodurch die beiden genannten Oberlichtwagen 1949 in das Eigentum der RBD Berlin wechselten.

Damit waren Mitte der 1950er Jahre auf DDR-Gebiet in Summe 15 aus Sachsen stammende Oberlichtwagen außerhalb der RBD Dresden im Einsatz. Nach Stilllegung der Netze Pasewalk, Dahme, Nauen und Burg (b Magdeburg) kam es zu bereits erwähnten Umsetzungen – meist nach Bergen und Putbus. Der Einsatz von Oberlichtwagen außerhalb Sachsens endete im September 1978 auf der Insel Rügen mit der Ausmusterung von 970-202, der zu diesem Zeitpunkt allerdings mehrere Umbauten hinter sich hatte.

Wie 970-203 und 970-211 (ex Dahme), 970-764, 970-773 und 970-774 auf Rügen; 970-802 und 970-813 im Burger Netz sowie 970-856 in der Prignitz war auch 970-202 in seinen letzten Einsatzjahren auf Rügen ohne Oberlichtaufsatz unterwegs. 970-774 hatte nicht nur ein flachgewölbtes Dach, sondern auch eine völlig neue Fensteraufteilung erhalten, wodurch er nur noch an seinem Fahrwerk als ehemaliger Oberlichtwagen zu erkennen war.

Oberlichtwagen nach 1945 in Sachsen

Ende der 1940er bis Anfang der 1950er Jahre strich die RBD Dresden mehr als 20 sächsische Reisezugwagen mit Oberlicht-Dachaufsatz aus ihrem Bestand. 13 weitere gab sie wie berichtet an andere Direktionen ab. 1958 erhielten in Sachsen nur noch elf (nicht wie im Wagenbuch von SSB-Medien Band 1 angegeben nur zehn) im regulären Reisezugdienst genutzte Oberlichtwagen eine neue Betriebsnummer: 970-301 bis 970-309 sowie 970-315 und 970-316. Unter den Nummern 970-310 bis -312 führte die Rbd Dresden ihre drei noch vorhandenen Aussichtswagen, die Anfang der 1930er Jahre aus Wagen der lfd. Nr. 715 entstanden waren. Als 970-313 und 970-314 waren ehemalige ZOJE-Wagen der lfd. Nr. 727 eingereiht.

Ein weiterer einst unter der lfd. Nr. 716 geführter Oberlichtwagen befand sich als Bahndienstwagen 979-003 im Bestand. Die letzten regulären Einsätze von vierachsigen Oberlichtwagen in Sachsen gab es im Mügelner Netz, wo 970-301 und 970-303 im Jahr 1968 ausgemustert wurden. Als Reservewagen befand sich zu diesem Zeitpunkt außerdem noch 970-316 im Cranzahler Bestand. 1971 wurde er ebenfalls ausgemustert, blieb aber wie die zwei zwischenzeitlich zu Bahndienstwagen umgezeichneten Schwesterfahrzeuge 979-014 (ex 970-302) und 979-024 (ex 970-309) erhalten. Diese drei Wagen brachte die Reichsbahn später zur Traditionsbahn Radebeul, 979-003 gelangte nach Rittersgrün.

Der Wagen 970-855 Erstbesetzung

Den 25. Wagen der lfd. Nr. 716 – 1899 in den Eigenen Werkstätten der K.Sächs.Sts.E.B. gebaut – stellte die Generaldirektion mit der Betriebsnummer K.290 in Dienst. Gemäß einer Beschriftungsvorgabe war der die Spurweite von 750 mm angebende Großbuchstabe K ab 1900 hinter die Wagennummer zu setzen. Da der Wagen 290K Mitte der 1920er Jahre über eine der 3. und 4. Klasse zugeordnete Bestuhlung verfügte, erhielt er 1927 die Betriebsnummer „Dresden K704“. Diese Bezeichnung änderte sich 1938 in „704 Dre“, zwölf Jahre danach (1950) in 7.0704 sowie 1958 letztmalig in 970-855.

Eine vermutlich Mitte der 1920er Jahre auf der Linie Kohlmühle – Hohnstein entstandene Aufnahme des Wagens als 290K belegt seinen Einsatz in dieser Zeit auf der Schwarzbachbahn. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1937 zeigt den als „Dresden K704“ beschrifteten Wagen auf dem Gelände des Bahnhofes Köttewitz im Müglitztal. Diese Fotografie beweist, dass der Wagen – nachdem 1928 die 4. Klasse entfallen war – inzwischen vollständig der 3. Klasse zugeordnet war. Von 1944 bis 1948 ist der Oberlichtwagen im Bestand des 1936 in Goßdorf-Kohlmühle umbenannten Ausgangsbahnhofes der Schwarzbachbahn nachgewiesen. Von hier erfolgte im Jahr 1948 die Abgabe des nunmehrigen „704 Dre“ gemeinsam mit dem Schwesterwagen „446 Dre“ an die Landesbahnen Brandenburg (LBB) für den Einsatz im Prignitzer Schmalspurnetz. Ab 1949 befanden sich beide Wagen in der Obhut der RBD Schwerin, wo sie als Wagen des „Netzes Perleberg“ 1958 die Betriebsnummern 970-855 und 970-856 (ex „446 Dre“) erhielten.

War letzterer in der Prignitz in seinen letzten Einsatzjahren ohne Oberlicht, aber mit Blechverkleidung unterwegs, so behielt 970-855 sowohl seinen Dachaufsatz als auch seine hölzerne Außenbeplankung. Und noch etwas war in ursprünglicher Form erhalten geblieben: Obwohl 1956 die 3. Klasse abgeschafft wurde, war der Wagen (wie so viele andere Fahrzeuge in Europa auch) im Inneren unverändert. Er war mit Holzlattenbänken bestuhlt! Am 16. Mai 1969, also zwei Wochen vor der Einstellung des Betriebes auf dem Kernnetz um Lindenberg am 31. Mai 1969, beantragte die Rbd Schwerin bei der Hauptverwaltung Wagenwirtschaft (HvW) die Absetzung des Wagens vom Bestand (Ausmusterung) zum 1. Juni 1969. Die HvW stimmte dem zu, so dass der inzwischen 70-jährige Sachse – wie alle anderen in Lindenberg, Pritzwalk und Perleberg noch vorhandenen gedeckten Güter- und Reisezugwagen – ab Juni 1969 zum Verkauf stand.

Nach der Zahlung von 350 Mark (der DDR) wurde gemäß Kaufvertrag vom 29. Juli 1969 schließlich Ernst Schulze aus Lindenberg zum neuen Eigentümer des Wagens. Um den Wagenaufbau besser in seinen Hof bugsieren zu können, blieben in diesem Fall die Drehgestelle unter dem Fahrzeug – eine Lösung, die in der Prignitz häufiger zur Anwendung kam!

Etwa zehn Jahre nutzte der Lindenberger den mit Drehgestellen, Kupplungen, Dachlüftern und Heberleinbremse technisch kompletten Schmalspurwagen in seinem Garten als Hühnerstall. Um 1978 zerlegte er das Fahrzeug, da sich der Zustand der hölzernen Außenverkleidung stark verschlechtert hatte. Drehgestelle, Rahmen und alle übrigen Stahlteile führte er den Rohstoffkreislauf zu – 970-855 in Erstbelegung war 1980 nicht mehr existent!

Der Wagen 970-855 Zweitbesetzung

Zum Aufbau eines für die Prignitz typischen Museumszuges prüften die Mitglieder des PKML in den 1990er Jahren natürlich auch, ob der in Wahrenberg bei Wittenberge noch vorhandene Kasten von 970-856 für eine Reaktivierung geeignet wäre. Doch dieser „sächsische Oberlichtwagen ohne Oberlicht“ wies bereits damals starke Korrosionsschäden im Rahmenbereich auf, so dass die Eisenbahnfreunde von einer Bergung dieses blechverkleideten Aufbaus Abstand nahmen.
André Marks


(Teil 2)

Anfang Mai 2013 wird der Verein „Prignitzer Kleinbahnmuseum Lindenberg e.V.“ (PKLM) einen aus Sachsen stammenden vierachsigen Personenwagen mit Oberlicht als Museumsfahrzeug in Betrieb nehmen. In den vergangenen Monaten war über diesen als 970-855 geführten Wagen schon mehrfach im PK kurz berichtet worden. Teil 1 dieses Porträts stellte den Fahrzeugtyp im Allgemeinen sowie die Geschichte des 970-855 Erstbesetzung vor. Vorliegender Teil 2 widmet sich nun dem Museumswagen:

Der Wagen 970-855 Zweitbesetzung

Da der in Wahrenberg noch vorhandene Kasten von 970-856 für eine Reaktivierung ungeeignet erschien, nahmen die Mitglieder des PKLM von seiner Bergung Abstand. Als sich 2005 die Auflösung des ehemaligen Ferienlagers des Reichsbahnamtes (Rba) Bautzen hinter dem Putbuser Bahnhof andeutete (siehe PK 107 und 108 von 2009), meldete der Pollo-Verein sein Interesse an einem der zwei zu diesem Zeitpunkt noch dort vorhandenen Oberlichtwagen an. Letztendlich erhielten die Eisenbahnfreunde aus der Prignitz den Zuschlag für den Kasten von 970-775.

Dieser Wagen war nur zwei Exemplare vor dem späteren 970-855 ebenfalls im Jahre 1899 in den Eigenen Werkstätten der K.Sächs.Sts.E.B. entstanden. Die Generaldirektion stellte ihn als K.288 in Dienst, im Jahr 1900 wechselte das K hinter die Betriebsnummer. Vor 1914 erhielt er im kleineren Abteil anstelle der 2.-Klasse-Bestuhlung neue Bänke 3. Klasse. Danach führten die K.Sächs.Sts.E.B. diesen Vierachser nicht mehr unter der lfd. Nr. 716 als BCC, sondern als CC entsprechend unter der lfd. Nr. 715. Die junge RBD Dresden wies dem Wagen 1922 der 4. Klasse zu, wodurch er 1927 von der DRG die Nummer „Dresden K1279“ erhielt, aber 1928 erneut der 3. Klasse zugeordnet wurde.

1944 ist der seit 1938 als „1279 Dre“ geführte Wagen in Mügeln nachgewiesen. Von dort gelangte er im März 1950 – kurz zuvor in 7.1279 umgezeichnet – zur RBD Greifswald auf die Insel Rügen, wo er 1958 die neue Betriebsnummer 970-775 erhielt, mit welcher er bis zum 12. Juni 1967 zum Betriebsbestand zählte. An diesem Tag ausgemustert, wurde der Wagenkasten später in Putbus in das ab April 1968 aufgebaute Ferienlager der Betriebsberufsschule (BBS) Schirgiswalde des Rba Bautzen integriert.

1995 überließ der Landkreis Rügen als Verwalter des Geländes die ungewöhnlichen „Gebäude“ – bestehend aus acht Schmalspurwagenkästen – dem Förderverein für die RüKB e.V. Dieser löste die Sammlung zwischen 2001 und 2009 auf. Als erstes kam der Kasten des Oberlichtwagens 970-751 nach Sachsen. Durch die IG Preßnitztalbahn e.V. mit Unterstützung der Stellmacherei Michel in Zwönitz betriebsfähig aufgearbeitet, ist dieser blechverkleidete Oberlichtwagen inzwischen schon mehrfach in der Prignitz zu Gast gewesen. Der Pollo-Verein übernahm hingegen im Februar 2006 in Putbus den Kasten von 970-775. Recht schnell war klar, dass er die idealen Voraussetzungen dafür bot, den 970-855 in Zweitbesetzung wiederauferstehen zu lassen. Die erneute Vergabe einer Betriebsnummer wird oft damit gekennzeichnet, dass man hinter die Betriebsnummer eine hochgesetzte römische Zwei hängt, was im Preß’-Kurier durch zwei Striche hinter der Wagennummer zum Ausdruck gebracht wird – deshalb also 970-855’’.

Der Museumswagen entsteht

Die betriebsfähige Aufarbeitung von 970-855´´ begann beim Brücke e.V. in Blankenburg (Harz). Nachdem dort die Tätigkeiten an Objekten von Eigentümern mit Sitz außerhalb Sachsen-Anhalts im Jahr 2010 eingestellt werden mussten, fand der Pollo-Verein in der Tischlerei Veikko Hübner in Zwönitz ein Unternehmen, welches zur Erneuerung des hölzernen Aufbaus in der Lage ist. Am 29. September 2011 traf der angearbeitete 970-775 im Erzgebirge ein. Im großen Saal an der Von-Otto-Straße 10a in Zwönitz entstand anschließend Stück für Stück ein fast neuer Wagenkasten – nur wenige Teile des „Materialspenders“ kamen erneut zum Einbau.

Die Aufarbeitung des Fahrzeugrahmens setzten Mitarbeiter der Pressnitztalbahn GmbH in Jöhstadt fort. Dabei galt es, Bereiche der Bühnen zu erneuern, den Anbau einer Saugluftbremse und einer Druckluftleitung vorzubereiten sowie von der RüKB stammende Drehgestelle anzupassen. Neu zu fertigen waren u. a. viele Teile für die Zug- und Stoßvorrichtung, waren doch die Balancierkupplungen in Putbus vor der Aufstellung im Ferienlager entfernt worden.

Anfang Mai 2012 transportierte der Tieflader der PRESS GmbH den in der Zwönitzer Stellmacherei fertiggestellten Wagenkasten nach Jöhstadt, wo er am 4. Mai im Beisein des PKML-Vorstandes auf das vorbereitete Untergestell gesetzt wurde. Danach konnte die Montage der Bühnenbleche und vorbereiteter Anbauteile wie Fenster einschließlich Riemen beginnen. Exakt nach Vorbild von 970-855´ verfügt der Museumswagen wieder über verschlossene Oberlichtfenster und Dachlüfter der Bauart Growe.

Ein Mitglied der IG Wagen brachte schließlich im Herbst 2012 in der Ausstellungs- und Fahrzeughalle in Jöhstadt die Außenbeschriftung an. Seitdem prangen das korrekte „DR“, die Wagennummer 970-855 sowie alle anderen Anschriften an dem neuen Fahrzeug des Pollo-Vereins. Am 13. November 2012 war es dann soweit: Der Vierachser traf per Tieflader in der Prignitz ein. Seitdem läuft in Mesendorf der Innenausbau des Wagens.

Nach Vorbild des letzten Einsatzzustandes von 970-855´ erhält er Sitzgestühl 3. Klasse, das kleinere Abteil ist dabei für Traglasten geeignet. Wie das Original verfügt 970-855´´ über zwei Kanonenöfen, um auch im Winterhalbjahr genutzt werden zu können. Diese Öfen stammen aus Wahrenberg, wo sie im Schwesterwagen 970-856 erhalten geblieben waren.

Außerdem haben die Vereinsmitglieder des PKML bereits Gepäcknetze und zahlreiche Hinweisschilder wie „Nichtraucher“ oder „Bitte nicht hinauslehnen“ angebracht. Im Februar/März dieses Jahres fanden die Installation der Elektrik und der Einbau der Beleuchtung statt. Die bahnamtliche Abschlussuntersuchung ist für April dieses Jahres anberaumt. Anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Prignitzer Kleinbahnmuseum Lindenberg e.V.“ wird der Wagen anschließend in der ersten Maiwoche 2013 erstmals einer breiten Öffentlichkeit im Einsatz vorgestellt. Sowohl die Fahrgäste als auch die Museumsbahner des PKML können diesen Moment schon heute kaum erwarten, wenn erstmals seit 1969 ein vierachsiger Oberlichtwagen mit korrekter Nummer der Rbd Schwerin und der Aufschrift „Heimatbahnhof Perleberg“ an den Langträgern zwischen Lindenberg und Mesendorf wieder unterwegs sein wird …

Andere erhaltene Oberlichtwagen

Neben dem 970-855’’ in der Prignitz sind aktuell insgesamt fünf andere Oberlichtwagen museal erhalten, davon vier betriebsfähig:

  • 970-302 als 286K in Radebeul
  • 970-309 als 325K in Radebeul
  • 970-316 als 343K in Radebeul
  • 970-751 in Jöhstadt
  • 979-003 als „Dresden K1297“ in Rittersgrün abgestellt

In einem äußerst schlechten Zustand existieren aber auch noch zwei sächsische Oberlichtwagen im Depot des polnischen Schmalspurbahnmuseums in Sochaczew bei Warschau. Ihre genaue Identität ist bisher noch ungeklärt. Für eine spätere Aufarbeitung sind in Deutschland die Kästen von 970-201 in Prora sowie von 970-764 der IG Preßnitztalbahn e.V. in Espenhain hinterstellt. Noch seiner Bergung harrt auf Rügen der Kasten des völlig umgebauten 970-774. Ob sich für den Kasten von 970-856 in Wahrenberg noch einmal ein Interessent findet, erscheint Kennern der Szene eher unwahrscheinlich.

Auf dem Rahmen von 970-204 entstand bei der Museumsfeldbahn in Leipzig-Lindenau in den 1990er Jahren ein offener Aussichtswagen, der seitdem auf Drehgestellen mit 800 mm Spurweite zum Einsatz kommt. Beim Interessenverband der Zittauer Schmalspurbahnen e.V. ist in Bertsdorf der Rahmen von 970-303 aus Naundorf bei Mügeln vorhanden. Auf diesen wieder einen Oberlichtwagenkasten zu setzen, gehört zu den langfristigen Zielen des Vereins in der Oberlausitz. Dies zeigt, dass es auch in Sachsen unverändert interessante Betätigungsfelder für nachwachsende Eisenbahnfreunde und potente Geldgeber gibt …

André Marks


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