Der Triebwagen T1 der ehemaligen Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn

In diesem Jahr wurde der Triebwagen 1 (T1) der ehemaligen Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn-Gesellschaft (GHE) 80 Jahre alt. Das einzige erhaltene originale Triebfahrzeug der GHE wurde im Jahr 1933 von der Dessauer Waggonfabrik AG gebaut und sollte in den verkehrsschwachen Tagesrandlagen die lokbespannten Züge ersetzen. Es war seinerzeit geplant, einen zweiten Triebwagen zu beschaffen. Die Direktion der GHE entschied sich jedoch für den Kauf von Kraftomnibussen, um den Busliniendienst im Selketal auszubauen.

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges stand der GEHE-T1 im Lokschuppen des Bahnhofs Eisfelder Talmühle und wurde von dort nach Wernigerode gebracht. Dadurch gelangte der Triebwagen nicht wie fast alle anderen Fahrzeuge sowie der Großteil der Schienen der Selketalbahn als Reparationsgut in die Sowjetunion.

Die Nachkriegseinsätze

Ab 1946 kam der GHE-Triebwagen auf dem nicht demontierten Reststück der Selketalbahn von Eisfelder Talmühle über Stiege nach Hasselfelde zum Einsatz. In den Jahren von 1963 bis zur Abstellung im Jahr 1978 war der Triebwagen als Bahndienstwagen auf der Selketalbahn im Einsatz. Da der Triebwagen das letzte aus der GHE-Zeit stammende Triebfahrzeug ist, ließ ihn die Deutsche Reichsbahn 1989 im Bw Haldensleben zu einem betriebsfähigen Museumsfahrzeug mit der Beschriftung „G.H.E. T1“ aufarbeiten. Bei der Gestaltung des Fahrgastraums verzichtete man auf den Einbau von Sitzen nach historischem Vorbild. Man baute Sitze ein, wie sie in den Wagen der Doppelstockeinheiten aus den 1950er Jahren zu finden waren.

Nach Ablauf der Unterhaltungsfrist im Jahr 2007 stellte die Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) den Triebwagen ab. Von Herbst 2008 bis Anfang Oktober 2010 befand sich das Fahrzeug im Dampflokwerk Meiningen (DLW). Neben der technischen Aufarbeitung erfolgte die Restaurierung des Fahrgastraums. Verschlissene Holzteile erneuerten die Beschäftigten des DLW, die Sitze erhielten Textilbezüge. Nach der Rückkehr aus Meiningen baute die HSB in der Wernigeröder Werkstatt eine Sicherheitsfahrschaltung (Sifa) ein, um den Triebwagen ohne Beimann einsetzen zu können. Die HSB beschriftete den Triebwagen anschließend als 187 001, wie er Anfang der 1970er Jahre bei der Deutschen Reichsbahn eingesetzt worden war.

Aktuelle Nutzung

Zum Einsatz kommt der Triebwagen ausschließlich für Sonder- und Charterfahrten. Aus Anlass des 80. Dienstjubiläums dieses Unikats unternahm der Freundeskreis Selketalbahn e. V. am 13. Juli 2013 eine Vereinsfahrt von Gernrode nach Tiefenbachmühle und zurück. Der T1 besitzt derzeit einen Dieselmotor mit 92 kW (125 PS) Leistung und einem pneumatisch gesteuerten 4-Gang-Schaltgetriebe der Bauart Mylius. Über eine Kardanwelle wird eine der zwei Achsen angetrieben. Als Bremse dienen mit Druckluft betätigte Scheibenbremsen. Der Achsstand beträgt 4000 mm. Als zulässige Höchstgeschwindigkeit haben die HSB 40 km/h festgelegt. Das Fahrzeug hat eine Länge über Puffer von 8600 mm. Seit der Aufarbeitung von 1989 sind 28 Sitzplätze vorhanden.

Schwesterfahrzeuge des T1

Unter Eisenbahnfreunden weniger bekannt ist, dass es zum GHE-T1 mehrere Schwesterfahrzeuge gab, wovon eines noch existiert. So beschaffte beispielsweise die Thüringer Eisenbahn AG (THEAG) 1934 für ihre meterspurige Strecke Weimar – Großrudestedt einen Triebwagen, der die Bahnnummer T 06 erhielt. Der T 06 wurde von der Dessauer Waggonfabrik AG gebaut. Er unterschied sich vom T1 der GHE nur dadurch, dass der Raddurchmesser 745 statt 700 mm betrug und die zulässige Höchstgeschwindigkeit höher war. Wie im Selketal so verfügte die sowjetische Besatzungsmacht 1946 auch den Abbau der WRE-Gleise sowie den Abtransport des Rollmaterials in die Sowjetunion. Das weitere Schicksal des T 06 ist nicht bekannt.

Die Mittelbadische Eisenbahn-Gesellschaft (MEG) beschaffte für ihre Meterspurstrecken von 1934 bis 1941 insgesamt acht von der Gothaer Waggonfabrik AG gebaute zweiachsige Dieseltriebwagen (T 1 bis T 8). Die jüngeren Fahrzeuge erhielten 4500 mm Achsstand. Beim Bau wurden offensichtlich die Konstruktionsunterlagen des GHE T1 genutzt, denn die MEG-Triebwagen sind nahezu baugleich mit dem GHE-Triebwagen. Die Dessauer Waggonbau AG gehörte ab 1930 und die Gothaer Waggonbau AG ab 1931 zur Orenstein & Koppel AG Berlin. Von den acht zweiachsigen Triebwagen der MEG wurden sieben verschrottet. Die Interessengemeinschaft Historischer Schienenverkehr e. V. (Selfkantbahn) kaufte 1972 den verbliebenen MEG T 7. Das Fahrzeug wurde äußerlich aufgearbeitet. Es ist aktuell nicht betriebsfähig.
Steffen Rienecker, Klaus Gottschling


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