Reisezugwagen 970-003

I. Vorbemerkung

Bevor das Jahr 1999 endgültig dem Jahr 2000 weicht, soll nochmals auf ein Fahrzeug hingewiesen werden, welches in diesem Jahr einen "runden Geburtstag" begeht: 970-003. Vor genau 70 Jahren wurde der Waggon als Wagen der zweiten Klasse in Dienst gestellt.

Mühevoll restauriert steht er als Wagen der ersten Klasse seit Pfingsten 1995 bei der Preßnitztalbahn wieder im Einsatz. Mit seinen komfortablen Polstern und breiten Fenstern ist 970-003 bei den Fahrgästen äußerst beliebt. Insgesamt zählt er wohl zu den attraktivsten Fahrzeugen der Museumsbahn. Grund genug, einmal seine Geschichte vorzustellen.

II. Das "Einheitswagen"-Programm

Ende der zwanziger Jahre war die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) bemüht, den Wagenpark der staatlichen Schmalspurbahnen zu verjüngen und zu vereinheitlichen. Linke-Hofmann-Busch (LHB) entwickelte dazu einen völlig neuen Waggontyp, bei dem durch die freitragende Konstruktion des Kastens auf ein Sprengwerk verzichtet werden konnte. Die höhere Masse nahmen sogenannte Preßrahmendrehgestelle auf, mit denen LHB seit 1929 einheitlich auch alle Pack- und Güterwagen lieferte. Als Außenverkleidung kam bei den Reisezugwagen ausschließlich Blech zum Einsatz.

Technologisch wurden viele Baugruppen in auch bei Normalspurfahrzeugen üblichen Verfahren gefertigt. Ab 1929 lieferte LHB bis 1930 exakt 33 Wagen der zweiten Klasse für 750-mm-Spurweite an die DRG. Während bei den ersten 20 in Werdau hergestellten Exemplaren die Außenbleche den Blick auf die Längsträger frei ließen, zog das LHB-Werk Bautzen das Blech bis über den Rahmen. Innen waren die in sechs Sitzgruppen unterteilten Wagen mit vornehmen Sitzpolstern versehen.

Als Schmalspurwagen wurden sie dennoch ursprünglich als Fahrzeuge der zweiten Klasse klassifiziert. Bei einer Reisegeschwindigkeit von maximal 30 Kilometern pro Stunde waren sie damals der ersten Klasse nicht für würdig befunden worden. Ab 1930 folgte den Wagen zweiter Klasse bis 1932 eine Serie von 34 Wagen mit sieben Sitzabteilen der dritten Klasse und 33 Packwagen.

Alle 100 "Einheitswagen" übernahm die Reichsbahndirektion (RBD) Dresden. Die Wagen der zweiten Klasse nummerte man als Gattung B4 von K 1 bis K 33 in den Bestand ein. Nach dem Krieg waren die sogenannten "sächsischen Einheitswagen" sehr beliebt, wenngleich ihre Verwendung auf wenige Strecken beschränkt blieb. Einige der Wagen kamen umgespurt aber auch im Spreewald und im Harz zum Einsatz.

III. Technische Daten von 970-003

970-003 wurde Ende 1929 von LHB in Werdau gebaut. Von Werk an mit Scharfenbergkupplungsvorrichtung und Körtingbremse versehen, erreicht der Wagen eine Länge über Puffer von 14,46 Metern. Der Wagenkasten ist dabei 11,96 Meter lang und 2,22 Meter breit. Der Drehzapfenabstand beträgt neun Meter. Beheizt werden kann 970-003 mit einer Niederdruckheizung der Bauart Pintsch (bis zu 3,5 atü Dampfdruck) sowie zwei Öfen.

Die breiten Fenster sind in Messingrahmen eingepaßt, die sich über einen 1929 neuartigen Senkmechanismus relativ weit und bequem öffnen lassen. Auf den Federkernpolstern mit Kopflehnen finden 35 Fahrgäste einen Sitzplatz. Das Wagengewicht von etwa 14 Tonnen nehmen zwei der erwähnten Preßrahmendrehgestelle auf (oft auch "Einheits-Drehgestelle" genannt).

IV.Betriebseinsatz bei der Reichsbahn

Die DRG stellte noch 1929 den neuen Waggon der Gattung B4 als K 12 bei der RBD Dresden in Dienst. Sein erster Einsatzort ist unbekannt, war aber vermutlich bereits Radebeul Ost. Von 1944 bis 1959 ist er dort nachweislich beheimatet gewesen.

1950 erhielt er bei der Deutschen Reichsbahn die Nummer 7.0012. Als mit Sommerfahrplan 1956 bei der DR die damalige erste Klasse abgeschafft wurde, rückten alle anderen Fahrzeuge eine Klasse auf. Bis 1964 verkehrte somit der seit 1958 als 970-003 bezeichnete Wagen als KA4, erster Klasse. Doch auch nach Abschaffung der ersten Klasse auf den Schmalspurbahnen der DR behielt 970-003 weiterhin seine Polster.

Heimatstrecke blieb sicherlich bis zur Ausmusterung des Fahrzeuges (1972) die Linie Radebeul Ost Radeburg. Von hier erfolgte 1972 die Umsetzung an die Baubetriebsleitung der Rbd Dresden, die den Kasten nach Wülknitz bei Riesa verfügte. Im dortigen Oberbauwerk (Obw) diente 970-003 ohne Drehgestelle neben 970-408 als Aufenthaltsraum.

V. Übernahme durch die Preßnitztalbahn

Auf der Suche nach zur Reaktivierung geeigneten Wagenkästen stieß die Preßnitztalbahn 1993 auf das Oberbauwerk (Obw) Wülknitz. 970-003 fanden die Vereinsmitglieder fast seiner kompletten Inneneinrichtung und Sitze beraubt in einem dennoch guten Zustand vor. Obwohl auf der alten Preßnitztalbahn einst lediglich Packwagen der Einheitsbauweise eingesetzt gewesen waren, entschloß sich der Vereinsvorstand zur Bergung des Kastens aus Wülknitz.

Ein so seltenes Fahrzeug durfte nicht wie 970-408 ein Opfer der Flammen werden. Am 9. Juli 1993 holte die Preßnitztabahn den Kasten von 970-003 gemeinsam mit dem Rahmen von 970-408 nach Jöhstadt.

VI. Die Reaktivierung

Nachdem der Wagenkasten von 970-003 bis November 1993 am Lokbahnhof Jöhstadt hinterstellt war, entschied sich die IG Preßnitztalbahn e. V. zum Wiederaufbau des Fahrzeuges. Dazu wurde der Kasten am 1. Dezember 1993 nach Chemnitz in das Aufarbeitungswerk überführt. Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (Raw) "Wilhelm Pieck" Karl-Marx-Stadt war immerhin jahrzehntelang Aufarbeitungsstätte von Schmalspurwagen gewesen.

Am 21. Dezember 1966 hatte jedoch der letzte Schmalspurwagen das Raw verlassen. Nach fast 30 Jahren "Pausierung" war die Ankunft des Reiszugwagens schon ein Ereignis. In den folgenden Monaten erhielt 970-003 in Chemnitz eine grundlegende Aufarbeitung. Die Innenverkleidung und die Seitenwandbleche mußten dazu total erneuert werden. Mühsam gestaltete sich die Suche nach neuen Drehgestellen.

Nachdem in verschiedenen Dienststellen der Eisenbahn Teil für Teil gefunden worden war, konnte auf die geplante Übernahme der Drehgestelle von Packwagen 974-378 verzichtet werden. Zwei Zugstangen bargen Vereinsmitglieder im Dezember 1993 aus dem im Februar 1994 zerlegten Wagenkasten von 970-352 in Döbeln, sowie aus dem Kasten von 970-809 in Wiesa. Neue Bühnen und viele andere Teile konnten aus dem Wagenkasten von 970-432 in Falkenstein gewonnen werden.

Das Dach von 970-003 wurde 1994 im mittlerweile zur DB AG gehörenden Werk mit einem neuen Leinen-Gewebe überzogen und geteert. Während der Feierlichkeiten zum 100jährigen Jubiläum des Werkes in Chemnitz präsentierte sich 970-003 vom 24. bis 26. Juni 1994 erstmals wieder äußerlich komplett und beschriftet der Öffentlichkeit. Im September fanden Arbeiten an Bremsanlage und Heizung statt. In die auf Hochglanz polierten Messing-Fensterrahmen wurde Sicherheitsglas eingebaut.

Im Erzgebirge hatte in Steinbach ein Sattlermeister die Neuanfertigung aller Sitzpolster übernommen. Die je zwei ein- und zweisitzigen noch vorhandenen alten Polster waren nicht mehr verwendbar. Der Innenraum wurde an den Seitenwänden original mit einer Ledertapete ausgekleidet. Ende 1994 konnte der äußerlich fertiggestellte Reisezugwagen nach Jöhstadt transportiert werden. Hier erfolgte der Einbau der Heizung, Öfen, Lampen und Sitze.

VII. Wiederinbetriebnahme

Nach der Abnahme des Wagens durch den Landesbevollmächtigen für Bahnaufsicht (LfB) ist 970-003 seit Pfingsten 1995 bei der Preßnitztalbahn zugelassen. Zur Eröffnung des Streckenabschnittes Jöhstadt Schmalzgrube konnte der über 14 Meter lange Reisezugwagen sein Fassungsvermögen sofort unter Beweis stellen. Allein in dem 1.-Klasse-Wagen reisten an diesen Tagen vermutlich Tausende Gäste.

Nach Ausführung einiger Restarbeiten wie dem Einbau fehlender Gepäcknetze ist 970-003 seit Sommer 1995 als Museumswagen unverändert in Betrieb. Beschriftet als KA 4 mit Heimatbahnhof Radebeul, erinnert er an die Epoche sächsischer Schmalspurgeschichte, als man auch mit 30 Kilometern pro Stunde erster Klasse durch Sachsen reisen konnte.

VIII. Gasteinsätze von 970-003

Als ordnungsgemäß zugelassener Privatbahnwagen kann 970-003 jederzeit auch auf anderen 750-mm-Schmalspurbahnen eingesetzt werden. So sorgte er während der 100-Jahr-Feier der Strecke Cranzahl Kurort Oberwiesenthal im Juli 1997 gemeinsam mit dem Radebeuler Traditonswagen 970-006 auf der Fichtelbergbahn für hohen Reisekomfort.

Der zweite "Leiheinsatz" führte den Einheitswagen in seine alte Heimat nach Radebeul, wo er im August 1999 gemeinsam mit anderen Wagen die Preßnitztalbahn vertrat, um das 100-jährige Jubiläum der Indienststellung von 99 1539-0 und 99 1542-2 zu feiern.

Den gegenwärtig letzten "Fremdeinsatz" absolvierte 970-003 bei der Sächsisch-Oberlausitzer Eisenbahn-Gesellschaft (SOEG). Anläßlich der Zittauer Schmalspurbahntage pendelte der 1.-Klasse-Wagen zwischen Zittau und Kurort Oybin/Kurort Jonsdorf. Weitere Gasteinsätze sind auch in Zukunft nicht auszuschließen.

André Marks


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