Dampflok 99 1542-2

I. Vorbemerkung

Im vergangenen Jahr feierten die Dampflokomotiven 99 1539-8 (DB Regio) und 99 1542-2 der Preßnitztalbahn formal ihr 100jähriges Dienstjubiläum. Aus diesem Anlaß schmückte bis zum 31. Dezember 1999 ein Schriftzug die Wasserkästen der Jöhstädter IV K. Nachdem die 542 ihr "100." Betriebsjahr zuverlässig und störungsfrei absolviert hat, heute ein Bericht über die wechselvolle Geschichte der kleinen Schmalspurdampflok.

II. Exkurs: Die sächsische IV K

Zwischen 1892 und 1916 lieferte die Sächsische Maschinenfabrik vormals Richard Hartmann Chemnitz (SMF) insgesamt 95 Lokomotiven der Gelenkbauart Günther/Meyer an die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen (K. Sächs. Sts. E. B.). Diese ordneten die Maschinen seit 1900 der Gattung IV K zu. Wahrscheinlich aus noch vorhandenen Teilen der letzten Lieferserie von 1913-16 setzte das Werk 1921 eine 96. Lok zusammen, der die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) 1925 die Nummer 99 608 zuteilte.

III. Bau und erster Einsatz von 99 542

Die spätere 99 542 wurde innerhalb der vierten Bauserie Anfang 1899 mit der Fabriknummer 2384 von SMF in Chemnitz gefertigt. Für einen Kaufpreis von 35.211 Reichsmark erwarben die K. Sächs. Sts. E. B. die Lok und reihten sie mit der Nummer 135 noch als K IV in ihren Bestand ein. Am 29. Juli 1899 erfolgte die Anlieferung und am 8. August 1899 die Endabnahme durch die Staatsbahnen.

Die erste Heimatdienststelle der 135 wurde der Lokbahnhof (Lbf) Oberwiesenthal. 1905 verließ die nunmehrige IV K die Fichtelbergbahn. Erst nach 86 Jahren sollte sie das Erzgebirge wiedersehen. Der neue Einsatzort der 135 hieß Mügeln bei Oschatz. Im März 1926 kam die IV K zu einer Untersuchung in das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Dresden. Dort erhielt sie die neue Nummer 99 542. Bis 1931 war für Untersuchungen das RAW Dresden zuständig, ab 1932 das RAW Chemnitz. Buchmäßig wechselte die Lokomotive am 16. Januar 1936 zum Bahnbetriebswerk (BW) Nossen, dem der Lbf Mügeln unterstand.

IV. 99 542 nach dem Zweiten Weltkrieg

Den Zweiten Weltkrieg überstand 99 542 in Mügeln unbeschadet. Ab 1. März 1946 zählte die IV K zum Bestand der Dienststelle Döbeln. Zum 1. April 1951 wurde das selbständige Bw Mügeln geschaffen, das zunächst bis 29. Januar 1956 Heimatdienststelle der 99 542 blieb. Gleichzeitig wechselte die Unterhaltungszuständigkeit zum Raw Schlauroth.

1956 unternahm 99 542 eine längere Reise in den Norden. Zuerst kam die Sächsin zum Bw Wustermark Verschiebebahnhof, wo sie auf der Schmalspurbahn Nauen Senzke Kriele eingesetzt werden sollte. Dort gastierte 99 542 nur 48 Tage. Nach drei Abstelltagen wurde sie in Betrieb genommen, erlitt aber gleich an diesem Tag einen Schaden, so daß sie die weitere Zeit kalt blieb. Immerhin erreichte 99 542 an ihrem einzigen Betriebstag in Nauen laut Betriebsbuch 97 Kilometer Laufleistung.

Nach erfolgter Ausbesserung in Schlauroth gelangte 99 542 am 25. April 1956 nach Putbus. Hier kam die IV K auf dem Streckennetz der ehemaligen Rügenschen Kleinbahnen zum Einsatz und erreichte im August 1956 bei 28 Betriebstagen mit 5.934 Kilometern den höchsten Monatslaufwert ihrer gesamten Lokomotivgeschichte. Das entspricht einer durchschnittlichen Tageslaufleistung von 212 Kilometern.

Nach drei Jahren verließ die Lok am 21. April 1959 die Insel Rügen und kehrte über einen Raw-Aufenthalt Anfang August 1959 ins sächsische Mügeln zurück. Hier setzte man 99 542 hauptsächlich auf der Strecke nach Neichen ein. Nach 815.444 zurückgelegten Kilometern seit Indienststellung 1899 absolvierte die IV K zunächst am 9. Februar 1963 ihren letzten Betriebstag im ersten Leben. An diesem Tag überstellte man die Lok anläßlich einer fälligen Hauptuntersuchung in das Raw Schlauroth/Görlitz.

V. Der Neubau von 99 542

Was am 17. März 1963 aus Görlitz nach Mügeln zurückkehrte, hatte kaum noch etwas von 99 542 an sich. Offiziell als L4 getarnt, erwies sich die Rekonstruktion bzw. Generalreparatur in Wirklichkeit als ein Totalneubau: Die weiterhin als 99 542 bezeichnete Maschine besaß einen neuen Rahmen, neuen Kessel, neue Drehgestelle, neue Wasserkästen, ein neues Führerhaus und einen neuen Kohlenkasten in Schweißkonstruktion.

Auch die Zylinder wurden neu angefertigt. Von der alten 99 542 stammten nur wenige Teile wie Radsätze, Läutewerk und einige Gestängeteile. Der ebenfalls von der Altbau-IV K übernommene typische Führerhaustritt zählt bis heute zu den Besonderheiten der neuen 99 542. Lediglich zwei weitere Neubau-IV K (99 516 und 99 594) erhielten ebenfalls die Altbautritte. Ende der sechziger Jahre wurde der Neubau von 99 542 im Raw Görlitz noch um eine Dampfheizung, eine Körting-Saugluftbremse und durch Scharfenbergkupplungskästen ergänzt.

VI. Die Neubaulok bei der Deutschen Reichsbahn

Von etwa 1969 bis 1972 verkehrte die seit 1. Juli 1970 als 99 1542-2 bezeichnete Maschine auf den von Lommatzsch ausgehenden Strecken und kehrte danach nach Mügeln, seit 1967 wieder Einsatzstelle des Bw Nossen, zurück. Hier lief die IV K bis zum 19. Dezember 1990, als sie bei einem Unfall einen Schaden am mechanischen Verbinder und am hinteren Drehgestell erlitt und nach 589.806 Kilometern seit dem Neubau 1963 abgestellt werden mußte.

Eine Wiederaufarbeitung kam aufgrund des nach der Währungsunion extrem zurückgegangenen Güterverkehrs und des damit verbundenen gesunkenen Lokomotivbedarfs nicht mehr in Betracht. So schien sich auch das zweite Leben von 99 542 seinem Ende zuzuneigen. Doch es kam anders.

VII. Übernahme und Einsatz durch die Preßnitztalbahn

Am 22. November 1991 verkaufte die Deutsche Reichsbahn die schadhaft abgestellte 99 1542-2 an die Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn e. V. nach Jöhstadt. Noch im Dezember transportierte die IG die Lok nach Wilischthal, wo sie einen sicheren Standplatz auf der Werkbahn der dortigen Papierfabrik fand. Zugleich begannen die Verhandlungen mit dem Raw Görlitz um einen Untersuchungstermin.

Im April 1992 trat 99 1542-2 die Reise nach Görlitz an, wo sie von September bis November 1992 als erste Privatlok eines ostdeutschen Vereins eine Hauptuntersuchung (HU) erhielt. Nach erfolgter HU plante die IG die Lastprobefahrt auf der damals noch der Deutschen Reichsbahn gehörenden Fichtelbergbahn, wo die Lok 1899 in Dienst gestellt worden war. Seit dem Eintreffen von 99 1542-2 in Cranzahl, Anfang Dezember 1992, gab es darum ein zähes Ringen mit Institutionen der DR (Rbd Dresden, Raw Görlitz und Hauptverwaltung). Am 7. April 1993 fand endlich die Probefahrt vor einem Bauzug statt.

Unmittelbar danach reiste 99 1542-2 ins Mansfelder Land, um dort ein kurzes Gastspiel auf der Bergwerksbahn zu geben. Zum Himmelfahrtstag war die IV K wiederum auf der Fichtelbergbahn. Sie bespannte einen "Männertagssonderzug", der nach der Rückkehr nach Cranzahl aufgrund des Ausfalls der Planlok 099 749 infolge eines Tragfedernbruchs noch einmal als Planzug nach Oberwiesenthal verkehren mußte. Am folgenden Tag transportierte die IG Preßnitztalbahn 99 1542-2 nach Jöhstadt, wo sie erstmals auf der Preßnitztalbahn zum Einsatz kam.

Noch kurz vor Pfingsten 1993 bauten die Eisenbahner der Museumsbahn 99 1542-2 wieder eine Dampfheizung an. Nach Einstellung des Reiseverkehrs in Mügeln (1975) war diese entfernt worden. Da bei der HU 1992 verschiedene für einen Weiterbetrieb auf lange Sicht notwendige Arbeiten nicht ausgeführt werden konnten, entschloß sich der Verein, 99 1542-2 im Jahre 1996 nochmals eine Reise nach Görlitz zu gönnen. Hier erfolgte eine komplette L5 mit Rahmenvermessung, wobei eine Neubereifung der Radsätze, eine Umstellung auf Rotgußlagerschalen und der Neubau der Wasserkästen erfolgte. Seitdem dampft 99 1542-2 wieder kräftig in Jöhstadt.

Insgesamt hat sie für die Preßnitztalbahn von 1993 bis zum 2. Januar 2000 schon etwa 7.970 Kilometer zurückgelegt. Seit 1994 absolvierte die IV K aber auch wiederum mehrere Dienste auf anderen sächsischen Bahnen. So gastierte sie im Juli 1997 anläßlich der 100-Jahr-Feier der Strecke Cranzahl Kurort Oberwiesenthal zusammen mit weiteren sieben Loks ihrer Gattung auf der Fichtelberbahn. Im August 1999 feierte sie gemeinsam mit der "sächsischen 132" (99 1539-8) auf dem "Lößnitzdackel" von Radebeul nach Radeburg ihren "100." Geburtstag.

In Jöhstadt kommt 99 1542-2 neben 99 1568-7 und 99 1590-1 regelmäßig vor den Zügen im Preßnitztal zum Einsatz. Gemeinsam mit Zugführerwagen 97-30-06 und weiteren ex Mügelner Wagen können mit ihr jederzeit Garnituren aus ihrer Zeit in der Lommatzscher Pflege nachgebildet werden. Obwohl 99 1542-2 früher nie auf der alten Preßnitztalbahn eingesetzt gewesen ist, erfreut sich die Maschine bei Personal und Fotografen großer Beliebtheit. Wir wünschen ihr gute Fahrt in Jöhstadt.

Dirk Lenhard


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