Vierachsiger offener Güterwagen Gattung OO
97-23-66

I. Vorbemerkungen

Der Park der betriebsfähigen Güterwagen der Preßnitztalbahn hat einen Neuzugang: den vierachsigen offenen Güterwagen 97-23-66. Am Himmelfahrtstag soll er knapp 81jährig seinen ersten Einsatz auf der Museumsbahn absolvieren. Dabei war er bereits einmal 1977 für ein Jahr in Wolkenstein. Doch dies ist eine lange Geschichte:

II. Offene sächsische Güterwagen

Nachdem die sächsischen Schmalspurbahnen ursprünglich lediglich mit zweiachsigen offenen Wagen ausgerüstet waren, begann die Staatsbahn 1899 Fahrzeuge mit Drehgestellen zu beschaffen. Diese Vierachser hatten eine Ladefähigkeit von zehn Tonnen und wurden der Gattung OOw zugeordnet. Bald genügte dieser Typ jedoch nicht mehr den Anforderungen. Deshalb lieferten die Waggonfabriken in Werdau, Bautzen und Görlitz ab 1913 Wagen mit 15 Tonnen Ladefähigkeit, die Gattung OO.

Bis 1922 kam es zum Bau von 342 solcher Güterwagen. Mit einem verbesserten Fahrwerk, einer Bremserbühne, modernen Drehgestellen der Einheitsbauart und vier statt zwei Ladeklappen versehen, lieferte das Linke-Hofmann-Busch Werk Bautzen (LHB) 1938 nochmals 15 offene Vierachser der Gattung OO. Damit war die Beschaffung dieses Typs abgeschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen lediglich einige aus anderen Gattungen in offene Wagen umgebaute Fahrzeuge hinzu.

III. Bau und techn. Beschreibung von 97-23-66

97-23-66 stammt aus einer Serie von 142 Wagen, die nach dem Ersten Weltkrieg von 1818 bis 1922 geliefert wurden. Den heutigen Museumswagen stellte Busch in Bautzen im August 1919 fertig.

Die Länge des Fahrzeuges über Puffer (Lüp) beträgt 10,22 Meter, die Breite 1926 Millimeter. Diese Maße ermöglichen eine Ladefläche von 9,48 Metern Länge und 1,85 Metern Breite. Die Bodenfläche mißt 17,5 Quadratmeter. Im Vergleich zur Gattung OOw ist die Gattung OO mit höheren Bordwänden versehen der OO bringt es auf 1,05 Meter, der OOw nur auf 80 Zentimeter Höhe. Zwischen den sächsischen Fachwerkdrehgestelle liegt ein Drehzapfenabstand von 6,70 Metern. 97-23-66 besitzt geteilte Zugstangen mit Scharfenbergkuppelköpfen und eine Saugluftbremse.

IV. Geschichte des Museumswagens

Werksneu ging der OO 1919 zunächst als 5130 K an die Sächsischen Staatseisenbahnen. Über seinen Einsätze in den ersten Jahrzehnten ist nichts überliefert. Von 1927 bis 1950 führte die Reichsbahn den Vierachser unter der Nummer "K 7081 Dresden". Für etwa ein Jahr laut Statistik in 7.7081 umgezeichnet, bekam er 1951 seine heutige Nummer.

Wie aktuelle Nachforschungen ergaben, war der Wagen bis in die siebziger Jahre nicht in Thum, sondern in Kirchberg stationiert. (Die Angabe im Museumsführer der Preßnitztalbahn "Schmalspurromantik im Erzgebirge" basiert auf einer Verwechslung d. A.) Bereits ausgemustert, gelangte der OO am 17. Juni 1977 von Schönheide-Süd nach Wolkenstein. Hier wurde der Wagen lediglich abgestellt. Einsätze auf der alten Preßnitztalbahn von 97-23-66 sind ausgeschlossen.

Anfang 1978 beantragte der VEB Papierfabriken Penig, Werk Wilischthal bei der Deutschen Reichsbahn den Kauf von ausgemusterten Güterwagen, um daraus Werkwagen für den innerbetrieblichen Kohle-Transport zu bauen. Die Bahn stimmte der Abgabe von 97-23-66 und 97-23-83 zu. Am 30. August 1978 wurde ersterer, am 25. September 1978 letzterer nach Wilischthal überführt. Während in der Papierfabrik der geplante Umbau von 97-23-83 vollzogen wurde, blieb dies 97-23-66 erspart. Bis Herbst 1989 stand der OO lediglich seiner Seitenwände und Kuppelköpfe beraubt abgestellt.

V. Übernahme durch die Preßnitztalbahn

1991 fanden die Mitglieder der IG Preßnitztalbahn 97-23-66 als Untergestell in Wilischthal vor. Da die Leitung des damals noch arbeitenden Werkes einen Umbau des Wagens ausschloß, gestattete sie dem Verein zunächst die Übernahme der Drehgestelle. Mit diesen wurde der erste geschlossene Wagen des Vereins (97-10-57) wieder rollfähig.

Beim Kauf der letzten noch in der Papierfabrik Wilischthal vorhandenen Fahrzeuge erwarb die IG 1995 auch den Rahmen des einstigen OO. Ursprünglich sollte dieser Materialspender für den in Vereinsbesitz befindlichen OOw 97-28-02 werden. Doch dessen Rahmen erwies sich für eine betriebsfähige Aufarbeitung als zu abgezehrt, so daß sich die Preßnitztalbahn entschied, 97-23-66 als Museumswagen vorzurichten.

VI. Die Aufarbeitung von 97-23-66

Nachdem lange Zeit kein Geld und keine Möglichkeiten für die Aufarbeitung von Güterwagen in Jöhstadt zur Verfügung standen, ließ die IG Preßnitztalbahn im Mai 1996 die Reste von 97-23-66 und 97-28-02 nach Zwickau bringen. Im dortigen Ausbesserungswerk sollten die notwendigen Stahlarbeiten vorgenommen werden. Doch in Zwickau fand sich knapp vier Jahre keine Zeit, den Sonderauftrag auszuführen.

Erst Anfang 2000 konnten die Arbeiten beginnen. Im Eiltempo und mit viel Geschick wurden verschlissene Teile erneuert. Beschäftigte der Preßnitztalbahn und Vereinsmitglieder halfen vor Ort bei Montage des Wagens. Selbst mit den Drehgestellen von 97-28-02 und der Beschriftung wurde der OO außerhalb Jöhstadts versehen.

Schon am 2. Mai konnte er auf einem Tieflader durch das Preßnitztal nach Schmalzgrube gebracht werden. Nach Komplettierung der Bremse und verschiedenen Einstellarbeiten in Jöhstadt absolvierte der OO am 4. Mai seine Probefahrt. Wenn die Landesbehörde Ende Mai den Wagen abnimmt, steht seinem ersten Einsatz am Himmelfahrtstag nichts mehr entgegen.

André Marks


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