Reisezugwagen 4. Klasse 970-583

I. Vorbemerkungen

Beim Anblick des mit Holz beplankten Personenwagens 970-583 rief so mancher Besucher der Preßnitztalbahn im letzten halben Jahr überrascht aus: ,Toll, schon wieder ein neuer Wagen.' Dabei ist der 4.-Klasse-Wagen bereits seit 1993 auf der Museumsbahn unterwegs. Als erster vom Verein reaktivierter Personenwagen stand er sechs Jahre lang außen mit Blechen verkleidet im Einsatz. Im vorigen Jahr unterzog ihn der Verein einer grundlegenden Aufarbeitung. Im Zuge derer erhielt der Wagen auch seine ursprüngliche äußere Holzverkleidung zurück. Nach Abschluß der ,,Generalreparatur" soll 970-583 heute näher vorgestellt werden.

II. Reisezugwagen mit Traglastenabteil

1907 begannen die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen (K. Sächs. Sts. E. B.) neue vierachsige Reisezugwagen für die 750-Millimeter-Schmalspurstrecken zu beschaffen. Nach Wagen 2. und 3. Klasse lieferten die Waggonfabriken in Bautzen und Werdau 1913/14 exakt 95 Fahrzeuge 4. Klasse. Diese versah man mit einem Traglastenabteil, indem zwei Bänke längs der Fahrzeugachse an den Innenwänden angeordnet wurden. So entstand ein relativ großer Raum, in welchem Kinderwagen, Schlitten oder Ski bequem mitgeführt werden konnten. Außen wie innen erhielten die Waggons einfache Holzbeplankungen.

Nach dem Ersten Weltkrieg bestellte die Deutsche Reichsbahn weitere 144 Wagen dieses Typs. Von 1922 bis 1926 rollten sie in Bautzen, Werdau und Zwickau vom ,,Band". 1928/1929 folgte von Linke-Hofmann-Busch (LHB) in Bautzen nochmals eine Nachbauserie von 22 Wagen, die jedoch außen mit Blechen verkleidet waren. Insgesamt entstanden zwischen 1913 und 1929 genau 261 der schmalfenstrigen Personenwagen mit Traglastenabteil.

III. Bau & technische Beschreibung von 970-583

Der heutige 970-583 wurde 1926 von der Waggonfabrik Werdau gebaut. Er erreicht mit Kupplungen der Bauart Scharfenberg eine Länge über Puffer (Lüp) von 12,80 Metern, eine Breite von 2,40 Metern und einen Drehzapfenabstand von 7,50 Metern. Der Wagenkasten ist 10 Meter lang. Als Bremse dient eine Saugluftbremse der Bauart Körting und eine Handspindelbremse. Mit den auf dem Dach angebrachten Heberlein-Seilzugrollen kann der Wagen auch in dieser Art gebremste Züge eingestellt werden.

Im Innenraum von 970-583 sorgt eine Niederdruck-Umlaufheizung für mollige Wärme. Die ursprünglich bei Auslieferung vorhandenen Kohleöfen wurden vermutlich in den sechziger Jahren entfernt, aber in diesem Jahr erneut eingebaut. Als Gestühl dienen einfache Holzbänke der 4. Klasse. Sie bieten 50 Sitzplätze. Im Traglastenabteil sind die Bänke wie erwähnt längs der Fahrzeugachse, im Sitzabteil quer als Doppelbänke angeordnet. Getrennt werden die Abteile durch den Abort-Bereich. Die heutige elektrische Beleuchtung ersetzt die ursprüngliche Gasbeleuchung.

Vermutlich baute die Reichsbahn den jetzigen Lampentyp aus Messing in den fünfziger Jahren ein. Original hingegen sind die über den Fenstern angebrachten Gepäckablagen und die Notbremsgriffe.

IV. Betriebseinsatz bei der Deutschen Reichsbahn

Die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) ordnete den Wagen 1926 werksneu zunächst als 744 K in den Bestand ein. Sein erster Heimatbahnhof ist unbekannt. Seit 1928 trug der ,,Traglaster" die Nummer K 1031. Der älteste Stationierungsnachweis des Wagens stammt aus dem Jahr 1944. Seitdem zählte er bis zu seiner Ausmusterung zum Bestand des Bahnhofes Freital-Hainsberg.

Von 1950 bis 1958 führte er die Nummer 7.1031. Im letztgenannten Jahr erhielt der Kasten außen eine Blechverkleidung und änderte die DR die Wagennummer in 970-583. Neun Jahre später musterte die DR den Wagen aus. 1968 erwarb ein Privatmann den Kasten des Wagens und ließ ihn in Zethau bei Mulda als Lagerraum aufstellen.

V. Übernahme durch die IG Preßnitztalbahn e. V.

Im August 1991 kaufte die IG Preßnitztalbahn e. V. den bis dahin als Schuppen dienenden Wagenkasten und überführte ihn Ende Dezember nach Jöhstadt.
Im Frühjahr 1992 begannen die Vereinsmitglieder im Lokschuppen mit der mühsamen Aufarbeitung des Kastens. Rahmen und Außenbleche mußten dazu sandgestrahlt und neu lackiert werden. Im Inneren galt es, fast alle Sitzbänke nachzufertigen, da die meisten bereits fehlten.

Unter dem Wagen war unter anderem die Bremsanlage zu komplettieren. Als besonders schwierig gestaltete sich das Nieten des neuen Sprengwerkes, welches von einem zerlegten Untergestell geborgen werden konnte (970-279, ex Putbus). Drehgestelle für den Wagen spendete 970-317, der im alten Mügelner Volksgut bis Sommer 1991 als Lagerraum diente. Bei seiner Zerlegung hatte die IG alle verwendbaren Teile gerettet.

Im Frühjahr 1993 arbeiteten die Aktiven mit Hochdruck an der Inbetriebnahme des Wagens zu Pfingsten. Nach Einbau der Dampfheizung und der Bänke erhielt der Wagen im Innenraum eine neue Bierlasur, einem Anstrich, der natürlicher Holzmaserung nachempfunden ist. Noch ohne Beschriftung, aber in strahlend frischem ,,reichsbahngrün" stand 970-583 schließlich im Mai zum Einsatz bereit. Über Pfingsten 1993 nutzten sofort Tausende Besucher die Möglichkeit, in dem nostalgischen Viertklässler auf den ersten Hundert Metern der neuen Museumsbahn zu pendeln. Dabei hatte er eine harte Bewährungsprobe zu bestehen.

VI. Einsatz für die Preßnitztalbahn

Seit Pfingsten 1993 stand 970-583 über sechs Jahre lang zuverlässig im Dienst der Preßnitztalbahn. Als einziger 4.-Klasse-Wagen der Museumsbahn ist er sehr beliebt. Im Juli 1997 setzte ihn der Verein auf die Fichtelbergbahn um, wo er die Festzüge zum 100jährigen Jubiläum der Strecke bereicherte. Von Ende des Jahres bis April 1998 ergänzte er den Traditionszug der SOEG in Zittau.

Im August vergangenen Jahres begann die grundlegende Aufarbeitung des Wagens. Neben der Holzbeplankung des Kastens galt es, die Bühnenbereiche zu erneuern und zahlreiche andere Bauteile einer umfangreichen Revision zu unterziehen, die an vielen Stellen einem Neubau gleichkam.

Seit 27. November 1999 steht 970-583 wieder für den Regelbetrieb auf der Museumsbahn zur Verfügung. Mit seiner Holzverkleidung ist der 4.-Klasse-Wagen nun auch von außen ein besonderer Blickfang und fügt sich hervorragend in das Museumskonzept der Preßnitztalbahn ein.

André Marks


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