Sächsische Staatseisen- ...Bahn oder ...Bahnen?

Anlaß für folgenden Beitrag ist ein Paradoxon in der Bezeichnung von Sachsens Länderbahn. Obwohl in aktuellen Publikationen überwiegend richtig von den "Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen” im Plural geschrieben wird, taucht auch immer wieder die historisch inkorrekte Bezeichnung von der Sächsischen Staatsbahn auf.

Die Gründe und Ursachen dafür zu suchen, ist sicherlich kaum möglich. Umgangssprachlich hat sich scheinbar bei den meisten Menschen die Einzahl "Staatsbahn" eingeschliffen. In den Anfang der neunziger Jahren bei Schweers + Wall erschienenen Broschüren "Schmalspurdampf in Sachsen”, im "Modelleisenbahner” und selbst im "Preß-Kurier” stolpert der Kenner ebenfalls immer wieder über die Königlich Sächsische Staatsbahn im Singular.

Während bei gedruckten Publikationen wenigstens teilweise Korrektoren auch inhaltliche Fehler aufspüren, ist im Internet das Wirrwar an Bahn und Bahnen unüberschaubar. Ebenso konfus sind die verwendeten Abkürzungsvarianten in Büchern, Broschüren und im Internet. Anstelle der exakten originalen Abkürzung "K. Sächs. Sts. E. B." findet man "Kgl. Sä. Stsb." oder "K. Sä. Sts. E." noch am akzeptabelsten. Aber sie sind formal falsch. Auf die Wiedergabe noch anderer Abkürzungen soll deshalb verzichtet werden.

Die Geschichte:

Doch wieso nannte der sächsische Staat seine Bahngesellschaft "Königlich Sächsische Staatseisenbahnen" und nicht "-Bahn" ?

Sachsens erste Eisenbahn wurde bekanntlich als Privatbahn von der "Leipzig-Dresdner Eisenbahn Compagnie" erbaut.
Am 8. April 1839 ging die Strecke zwischen der Residenzstadt und der Messemetropole in Betrieb (LDE).

Nach dem Erfolg dieser Linie gründeten sich in Sachsen eine Vielzahl an Komitees zum Bau von weiteren Eisenbahnen. Am 12. Juni 1841 konstituierte sich beispielsweise die Sächsisch-Bayerische Eisenbahnkompagnie. Sie begann mit dem Bau einer Eisenbahn von Leipzig über Altenburg nach Hof. Am 19. September 1842 konnte der erste Abschnitt in die Skatstadt eröffnet werden, am 31. Mai 1846 nach Reichenbach im Vogtland. Für den Weiterbau nach Hof fehlte jedoch Geld, galt es bei der geplanten Linienführung doch unter anderem, das Göltzsch- und das Elstertal mit Brücken zu überspannen.

Motiviert durch den hohen Gewinn der LDE entschloß sich schließlich das Königreich Sachsen zur Übernahme der begonnenen Strecke. Seit 1. April 1847 war somit der sächsische Staat in Besitz einer Eisenbahn – er hatte seine erste Staatseisenbahn.

Mit der Übernahme der Gesellschaft verband sich für ihn jedoch auch die Verpflichtung zum Bau der Göltzschtal- und Elstertalbrücken. Am 15. Juli 1851 ging die Gesamtstrecke Leipzig – Hof in Betrieb.

Auch beim Bau der Sächsisch-Böhmischen Eisenbahn, Dresden – Bodenbach (1945 in Decin umbenannt), ging der privaten Gesellschaft das Geld aus. Der Staat sprang ein. Mit Übernahme des Teilstückes Dresden – Pirna (eröffnet am 1. August 1848) hatte Sachsen seine zweite Staatsbahn. Dazu wurde die "Königliche Direktion für den Betrieb der Sächsisch-Böhmischen Staatseisenbahn” mit Sitz in Dresden eingerichtet.

Ende 1850 lagen im Königreich Sachsen insgesamt 475 Kilometer Gleise. 180 Kilometer davon gehörten dem Staat. Am 31. Januar 1851 ging ebenfalls die am 1. September 1847 eröffnete private Sächsisch-Schlesische Eisenbahn, Dresden – Görlitz, in sächsischen Staatsbesitz über. Damit erweiterten sich die Kompetenzen des Dresdner Direktoriums auch auf diese Strecke. Im Dezember 1852 entstand daraus die "König- liche Staatseisenbahn-Direktion zu Dresden".

1858 taucht schließlich zum ersten Mal in "Königliche Direktion der westlichen Staatseisenbahnen" und "Königliche Direktion der östlichen Staatseisenbahnen" die Mehrzahl von Eisenbahn auf. Grund war die Betrachtung der einzelnen Strecken in ihrer Gesamtheit als verschiedene Eisenbahnen. Die Trennung in Ost und West erschien sinnvoll, weil bis zur Vollendung der Sachsenmagistrale 1869 die westlichen und östlichen Staatseisenbahnen nur durch die private LDE verbunden waren.

Erst mit Eröffnung der letzten Teilstrecke Freiberg – Flöha am 4. März endete dieser aus heutiger Sicht kuriose Zustand. (Die LDE wurde übrigens erst am 1. Juli 1876 Bestandteil der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen.) Mit Verbindung des östlichen und westlichen Netzes wurden die bisherigen Direktionen aufgelöst.

Seit 1. Juli 1869 leitete die "Königliche Generaldirektion der Staatseisenbahnen" in Dresden den Betrieb auf allen staatseigenen Strecken und den unter Staatsverwaltung befindlichen privaten Eisenbahnen. Für den Zeitraum von 1869 an ist bis 1918 deshalb die Bezeichnung "Königlich Sächsische Staatseisenbahnen”, abgekürzt "K. Sächs. Sts. E. B." amtlich.

Somit zählen auch alle bis 1918 vollendeten Schmalspurbahnen – inklusive der 1906 übernommenen vormaligen einzigen schmalspurigen Privatbahn, der Zittau-Oybin-Jonsdorfer Eisenbahn (ZOJE) – zu den Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen.

Für den Bau von Strecken und die Beschaffung von Fahrzeugen und Material war in oberster Instanz immer die Direktion/ Verwaltung der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen zuständig. Entsprechend war jede staatliche sächsische Strecke für sich eine sächsische Staatsbahn.

Als Überbegriff sollte deshalb immer der Plural zur Differenzierung verwendet werden.

1918 bis 1920:

Mit Abdankung des letzten sächsischen Königs, Friedrich August III., ("...macht doch euren Dreck alleene..."), 1918 und Umwandlung des Königreiches in einen Freistaat innerhalb der Weimarer Republik entfiel zwischen 1918 und 1920 bei allen Bezeichnungen und Abkürzungen das "Königlich".

Entsprechend nannte sich die Eisenbahnverwaltung in Sachsen: "Sächsische Staatseisenbahnen", abgekürzt "Sächs. Sts. E.B." Die Mehrzahl von Eisenbahnen wurde auch hier beibehalten. Erst mit Gründung der Deutschen Reichsbahn (-Gesellschaft) bezog man den singulären Begriff Eisenbahn auf die Gesamtheit aller einzelnen Eisenbahnen.

Die Sächsischen Staatseisenbahnen brachten 1920 immerhin 3370,04 Kilometer Strecken in die Reichsbahn mit ein. Davon waren über 500 Kilometer in 750 Millimeter Spur ausgeführt.

André Marks


Tip:

Wer an originalen Beschreibungen der Länderbahnzeit interessiert ist, der sollte sich im Antiquariat oder in Bibliotheken nach zwei Reprint-Ausgaben des Zentralantiquariats der DDR erkundigen. Das wären.

Johann Ferdinand Ulbricht:
Geschichte der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen,
Leipzig 1889, Reprint Leipzig 1989.

Gustav W. Ledig und Johann Ferdinand Ulbricht:
Die schmalspurigen Staatseisenbahnen im Königreich Sachsen,
2. vermehrte und verbesserte Auflage Leipzig 1895, Reprint Leipzig 1987.

Als aktuelles Buch ist Erich und Reiner Preuß: Sächsische Staatseisenbahnen, Berlin 1991 teilweise noch erhältlich. Es gibt einen umfassenden Ueberblick zur Geschichte der saechsichen Bahnen mit einer muehevoll erstellten Beschreibung aller Strecken - ein Standartwerk. Allerdings ist es politisch an einigen Stellen verzerrend und fehlerbehaftet.


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