Die Döbelner Pferdebahn

Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Döbeln will nach rund 80 Jahren ohne Hufgeklapper seine Pferdebahn zurück. Von der künftig 500 m langen meterspurigen Strecke ist bereits ein großer Teil der neuen Gleise verlegt, im Frühjahr 2007 soll unter der Obhut eines Traditionsvereins der Neustart erfolgen.

Wir möchten heute an die 34 Jahre währende erste Pferdebahnepoche in Döbeln erinnern. Ende des 19. Jahrhunderts hatten mehrere Fabrikanten und Kaufleute der Stadt angeregt, das Döbelner Zentrum mit dem verhältnismäßig weit entfernt liegenden Hauptbahnhof durch eine Pferdebahn zu verbinden. Als daraufhin am 20. Februar 1891 die Döbelner Straßenbahn AG gegründet wurde, gab es im Deutschen Kaiserreich schon 64 Pferdebahnen. Bereits am 10. Juli 1892 wurde auf einem Teilstück der insgesamt 2450 m langen Strecke zwischen dem Haupbahnhof und der St.-Georg-Straße der Betrieb aufgenommen. Täglich verkehrte zwischen 5 und 23 Uhr je Richtung 33 Mal ein Pferdewagen. Elf Haltestellen wurden mit einem „Gaskandelaber“ (Gaslaternen) versehen, an welchem das Haltestellenschild befestigt war.

Zum Inventar der AG gehörten zehn Mann Personal sowie zwölf Pferde mit vier, später sieben - teils größere - rot-gelb lackierten Wagen, die über 12 Sitz- und 16 Stehplätze verfügten. Technisch waren sie z. B. mit einer Spindelbremse und einem Signalhorn ausgerüstet. Die Zugtiere waren eher schmächtig als groß und kräftig. Ihre tägliche Arbeitsleistung betrug 18 bis 20 km Strecke, wovon zwei Drittel im Trab absolviert werden mußten. Die Pferdebahn, die bereits 1893 täglich knapp 600 Personen (1916 waren es täglich etwa 750) beförderte, wurde auch zum Posttransport herangezogen, wobei dieser - der Schnelligkeit halber - meist zweispännig erfolgte. 1926, nach 34 Jahren Pferdebahnbetrieb, zeigten sowohl die Gleisanlagen als auch das rollende Material Verschleißerscheinungen. Doch die Hauptursache der am 20. Dezember 1926 erfolgten Betriebseinstellung lag in der Einführung der motorisierten Straßenfahrzeuge. Die Aktionäre hatten erkannt, daß sich die Personenbeförderung mit Pferdekraft nicht mehr auf der Höhe der Zeit befand. Mit dem Kauf eines ersten Vomag-Autobusses am 19. August 1926 wurde der Pferdebahnbetrieb in einen Kraftverkehrsbetrieb umgewandelt.

Während der letzte einstige Pferdebahnwagen, der zuletzt als Gartenlaube genutzt worden war, Ende der sechziger Jahre zerlegt wurde, blieben im Pflaster des Obermarktes mehrere Gleisabschnitte erhalten. Die Erinnerung an die Pferdebahnzeit ging so in Döbeln nie verloren. Die „neue“ Döbelner Pferdebahn soll nun andere Zielvorstellungen als ihre Vorgängerin erfüllen. Bestand einst ein ernsthaftes Transportbedürfnis, so wird die neue Bahn vor allem als Touristenattraktion angelegt. Inwieweit dieses bisher in Deutschland einmalige Konzept aufgeht, wird sich zeigen. Als Fahrzeuge stehen der zuletzt in Naumburg genutzte Pferdebahnwagen 145 (seit 1897 bei der Schweizer Pferdebahn Neuchatel/Neuenburg, 1986 nach Darmstadt verkauft, Anfang der neunziger Jahre nach Naumburg abgegeben) sowie der im Preß´-Kurier 66, Seite 33, vorgestellte Meißner Straßenbahnwagen zur Verfügung. An welchen Tagen wie oft die Pferde zwischen Ober- und Niedermarkt pendeln werden, muß noch festgelegt werden. Die erste Saison wird jedoch im Preß´-Kurier beworben werden.

Reiner Scheffler


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