Vor 25 Jahren

Einstellung des Reiseverkehrs auf der Schmalspurbahn
Wolkenstein - Niederschmiedeberg

Am 30. September 1984, vor 25 Jahren und genau nach 5387 Tagen seit der Aufnahme des öffentlichen Personenverkehrs am 1. Juni 1892, wurde auf dem verbliebenen Reststück der Schmalspurbahn Wolkenstein - Jöhstadt zwischen Wolkenstein und Niederschmiedeberg der Reiseverkehr eingestellt. Damit setzte sich der schrittweise Prozeß der Einstellung von Betriebsabschnitten auf der Preßnitztalbahn weiter fort. Wenige Tage vor dem 35. Jahrestag der DDR am 7. Oktober sollte die Bedienung des Preßnitztales gänzlich auf den Busbetrieb umgestellt werden.

Hinter den Kulissen, bei den verschiedenen Dienststellen der Deutschen Reichsbahn, liefen bereits Monate vorher die Abstimmungen zum Verkehrsträgerwechsel. Denn im Gegensatz zum 14. Januar, der nur einen „Schienenersatzverkehr“ zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt zur Folge hatte, sollte nun die Strecke endgültig in die Verantwortung des VEB Kraftverkehrs übergehen. Eine neue Buslinie war dafür einzurichten und Freifahrtregelungen zu treffen, so daß die im Preßnitz- und Schwarzwassertal wohnenden Eisenbahner weiterhin kostenfrei entlang der ehemaligen Bahnstrecke fahren konnten. Aus den Besprechungsprotokollen geht aber auch hervor, daß der Kraftverkehr wenig Begeisterung für die neue Linie mitbrachte, schätzte man das Reisendenaufkommen doch als sehr gering ein. Höchstwahrscheinlich auch, um „den Genossen vom Kraftverkehr“ die Übernahme der Verkehrsleistung etwas zu versüßen, wurde ab 1. Oktober 1984 für den Eilzug E771 Leipzig - Cranzahl ein Halt in Wolkenstein eingelegt. Eine Fahrplanänderung, die viele Jahre vorher aufgrund „technologischer Erfordernisse“ nicht möglich war.

Für den verbleibenden Güterverkehr auf der Schmalspurbahnstrecke - der Termin 30. September 1986 wurde als Ende des Betriebes bereits avisiert - mußte nun ein neuer Fahrplan aufgestellt werden. Dieser hatte wiederum Rücksicht auf die An- und Abreise der Mitarbeiter von und zum Dienst mit der neuen Buslinie zu nehmen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß der Bahnhof Jöhstadt - inzwischen bereits mehr als acht Monate ohne Gleisanschluß - weiterhin als Tarifstelle bestehen blieb. Selbst der Transport von Reisegepäck- und Expreßgut verblieb in Verantwortung der Deutschen Reichsbahn, obwohl diese wiederum aus Mangel eigener Kapazitäten ein Gütertaxi des VEB Kraftverkehr dafür anmietete. Der Bahnhofsvorsteher des Bahnhofes Jöhstadt blieb weiterhin für die Einsatzplanung der Personale zuständig.

Im Gegensatz zu der - selbst für einige Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn vor Ort überraschenden - Einstellung des Betriebs zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt am 13. Januar 1984, die deshalb auch nur sehr wenige Eisenbahnfreunde persönlich erleben konnten, hatte sich der Termin vom September bereits „in der Szene“ herumgesprochen. In den lokalen Ausgabe der „Freie Presse“ wie auch im „modelleisenbahner 9/1984“ wurde der geplante Verkehrsträgerwechsel zum 1. Oktober vorab gemeldet.

Eine „offizielle Abschiedsfeier“ zum Verkehrsträgerwechsel sollte es nicht geben. Über das „Warum?“ wird man sicherlich noch viel spekulieren können, doch spielte wahrscheinlich die Sorge mit, ein derartiger offizieller Termin könnte Anlaß bieten, gegen die Einstellung der Bahn zu protestieren. Es war den staatlichen Behörden und auch den Sicherheitsorganen aus zahlreichen Veranstaltungen, Petitionen, Leserbriefen an Zeitungsredaktionen schon bewußt, daß es teils erheblichen Widerstand zu der schrittweisen Stillegung der Schmalspurbahn geben könnte.

Welche Menschenmassen dann tatsächlich an diesem Sonntag das Preßnitztal bevölkerten, um Abschied von der Bahn zu nehmen, wird aber auch die staatlichen Organe mehr als überrascht haben. Entlang der Strecke standen unzählige Fotografen postiert, die Züge waren seit langer Zeit mal wieder richtig gut gefüllt und die Plätze auf den Bühnen natürlich besonders begehrt. Mangels Automobilen waren viele Eisenbahnfreunde zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs - oder bildeten Fahrgemeinschaften in der Verfolgerkolonne.

Doch auch am letzten Tag mit Personenverkehr sollte es eigentlich keine Losung an Lok oder Wagen oder Blumenschmuck geben. Erst zum Nachmittagszug gab es dann doch die Erlaubnis, unverfängliche Beschriftungen an die Lok anzubringen. In Niederschmiedeberg sorgten die Zugankünfte am 30. September und das folgende Wassernehmen der Lok jeweils für großen Auflauf.

Der ab Montag, dem 1. Oktober 1984, verbleibende Güterverkehr auf der Strecke wurde in einem Fahrplan mit zwei Zugpaaren realisiert. Damit sollten alle Transporte zum bzw. vom dkk-Kühlschrankwerk in Niederschmiedeberg realisierbar sein. Bis zum 21. November 1986 sollte der Güterverkehr auf der Strecke nun noch Bestand haben, bis auch dieser Abschnitt in der Geschichte der Preßnitztalbahn vorüber war.
Jörg Müller


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