Eisenbahn-Geschichte

Von Echterdingen nach Grumbach

Über Gütertransporte mit der Eisenbahn gibt es ganz allgemein die Kenntnis, dass nahezu alles, was sich in einen Wagen mit etwa 2,5 m Breite hinein stapeln oder schütten lässt, auch damit transportiert werden kann. Über bestimmte Transportgüter wie Kohle, Feuerlöschgeräte oder Kühlschränke gibt es aus dem Preßnitztal aber genauere Kunde. Ansonsten war und ist es natürlich kaum üblich, dass durch einzelne Verlader öffentlich über ihre Waren und Versandziele berichtet wird. Auch die bahnamtlichen Akten mit den Frachtbriefen geben selten Auskunft über das Ladegut im Detail. Umso interessanter sind Geschichten, die aus gänzlich anderen Richtungen Auskunft über die Aufgabe der Eisenbahn geben können.

Eine neue Orgel für Grumbach

Im Frühjahr 1927 bestellte die Evangelisch-Lutherische St.-Margarethen-Kirchgemeinde in Grumbach bei Jöhstadt beim Orgelbaumeister Friedrich Weigle in Echterdingen bei Stuttgart eine neue pneumatische Orgel für ihre Kirche. Warum diese gerade im württembergischen Echterdingen bestellt wurde, ließ sich bisher auch durch Recherchen des früheren Bürgermeisters von Grumbach und heute als Kantor für die Kirchgemeinde tätigen Andreas Schmidt-Brücken nicht in Erfahrung bringen. Die Vermutungen gehen in die Richtung, dass durch Geschäftsbeziehungen zwischen erzgebirgischen und württembergischen Textilunternehmern und Maschinenbauern eine Vermittlung zum Orgelbauer zustande kam und dabei vielleicht auch eine namhafte Spende zur Entscheidungsfindung beitrug. Denn an für ihre hochwertigen Arbeiten über Sachsen hinaus bekannten Orgelbaufirmen bestand hierzulande kein Mangel, so dass für die Wahl einer für damalige Transportverhältnisse weiter entfernten Firma schon gewichtige Gründe vorgelegen haben müssen. Eine weitere Weigle-Kirchorgel ist nur noch in der St.-Trinitatis-Kirche in Königswalde bekannt, die 1929 geliefert wurde und für die es eine ähnliche Argumentation bei der Wahl des Produzenten gegeben haben könnte.

Jedenfalls waren sich auch Pfarrer Behr aus Grumbach und sein Kirchenvorstand bereits frühzeitig darüber im Klaren, dass man die Orgel auf keinen Fall im Winter ins Erzgebirge geliefert bekommen wollte. Deshalb machte man den Orgelbaumeister auch darauf aufmerksam, dass die Anlieferung des Musikinstrumentes bis Ende Oktober erfolgen müsste und setzte auch gleich den 6. November 1927 als Termin fest, bis wann die Orgel aufgebaut sein sollte. Für die Herstellung, Lieferung und Aufstellung berechnete der Orgelbauer insgesamt 10 450 Reichsmark. Die ersten 30 Prozent des Auftragswertes stellte der Hersteller tatsächlich erst nach der Anlieferung in Rechnung.

Kleine Orgelkunde

Bei der in Echterdingen produzierten Orgel handelt es sich um eine pneumatische Orgel mit Kegellade (detaillierte Informationen dazu gibt es im Wikipedia-Artikel zur „Windlade“). Die Grumbacher Orgel hat 670 Pfeifen, verteilt auf zwölf Register (Klangfarben oder Sounds), spielbar über zwei Manuale (Tastenreihen für die Hände mit jeweils 56 Tasten) und Pedal (Tastenreihe für die Füße mit 27 Tasten). Für jedes Register und jede Taste gibt es ein Bleirohr, das vom Spieltisch in die Orgel führt. Komplexer als bei der Zeichnung bei Wikipedia gibt es aber auch noch Zwischenrelais, die das pneumatische Signal nochmals verstärken und besonders empfindliche Teile sind.

Die pneumatische Steuerung der Orgel basiert auf dem Prinzip einer logischen Schaltung. Es gibt nur „An“ oder „Aus“. Mit diesem System waren, anders als bei der mechanischen Orgel, einfache Vorprogrammierungen (freie Kombinationen) möglich. Wenn man so will, handelt es sich also um einen pneumatisch geschalteten Vorläufer des Computers. Damals hochmodern, gilt heute die pneumatische Orgel zumindest in Europa als sehr wartungsintensiv und störanfällig. Neue Orgeln werden heute meistens wieder mit mechanischer Steuerung (Traktur) gebaut. Wo gewünscht, kommt dann ein richtiger Computer mit allen gängigen Schnittstellen zum Einsatz, der dann elektronisch mittels Magneten in die Mechanik eingreift.

Eine Orgel in vielen Kisten

Per Brief vom 21. Oktober 1927 bestätigte Friedrich Weigle dem Pfarrer der Erzgebirgsgemeinde, dass er am 20. Oktober alle Einzelteile der Orgel sowie die zur Montage und für die Einstellarbeiten erforderlichen Werkzeuge auf der Versandstation in Echterdingen aufgegeben habe. Dem Frachtbrief der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft ist zu entnehmen, dass die 56 Teile der Ladung insgesamt 3275 kg auf die Waage brachten. Die aus Kisten und größeren unverpackten Einzelteilen bestehende Sendung war mit den Transportscheinen Nr. 115 bis 171 beklebt und im Wagen 46115 befördert worden. Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um einen Zweiachser der Verbandsbauart A2 mit 15 t zulässigem Ladegewicht, wie es auch bei der Preßnitztalbahn mit dem G-Wagen 05-63-98 ein Exemplar gibt.

Mit den nachgewiesenen Zwischenstationen Nürnberg, Kirchenlaibach (23. Oktober), Hof, Zwickau und Buchholz (25. Oktober) erreichte die Fracht am 26. Oktober 1927 Wolkenstein. Nach Aufladen des Güterwagens auf ein Rollfahrzeug wurde die Lieferung am selben Tag zur Zielstation Schmalzgrube der Preßnitztalbahn gefahren. Hier händigte die DRG die Ware unterschriftlich der Kirchgemeinde um 11 Uhr aus. Der komplette Transport von Echterdingen nach Schmalzgrube kostete letztendlich 259,70 Reichsmark.

Da es im Jahre 1927 nur zwei Personenkraftwagen in Grumbach gab und man diese kaum für den Transport von über 3 t schweren Maschinenteilen genutzt haben dürfte, blieb für das letzte Stück nur die Fahrt mit einem Pferdewagen über die steile Verbindungsstraße von Schmalzgrube nach Grumbach. Nicht umsonst dürften dabei die eindringlichen Worte des Orgelbauers an den Pfarrer gewesen sein, sehr sorgsam mit den Teilen umzugehen und diese nur in aufrechter Lage zu transportieren. Mit Ankunft in Grumbach telegraphierte der Kirchenvorstand an Friedrich Weigle: „… Bitte so viele Monteure senden, dass die Orgel unbedingt am 6. November fertig ist.“ Nachdem die Orgelteile dann in Grumbach bereitstanden, begann spätestens am Montag, dem 31. Oktober 1927, das Auspacken und Sortieren der Teile sowie der Aufbau des Musikinstrumentes in der Kirche. Pünktlich zum 5. November konnte die Fertigstellung der Montage vermeldet werden.

Informationsquellen

Dem Druck zur schnellen Fertigstellung der Montagearbeiten haben wir wohl heute zu verdanken, so detailliert über den Transportablauf Bescheid zu wissen. Bei einer fälligen Revision und Reparatur der Orgel im Jahre 2014 durch die Großolbersdorfer Orgelbaufirma Georg Wünning fielen den Mitarbeitern der Firma die Beschriftungen an Teilen der Orgel auf. Dieser Zeitdruck beim erstmaligen Aufbau im Jahr 1927 führte vermutlich auch dazu, dass die Transportscheine an einigen Orgelteilen noch immer angebracht sind – denn üblicherweise werden solche Fremdbestandteile an Orgelbauteilen nach der Montage aus ästhetischen Gründen akribisch entfernt. Einmal neugierig geworden, fand Grumbachs Pfarrerin Mehnert auch den originalen Frachtbrief in den Orgelunterlagen.

Die Echterdinger Orgel in Grumbach erklingt nach den Wartungsarbeiten und der Abnahme durch den Orgelsachverständigen seit Dezember 2014 wieder regelmäßig zu den Gottesdiensten der Gemeinde sowie anlässlich besonderer Konzerte. Auf ihrer Webseite www.bergfisch.de informiert die Gemeinde über derartige Termine.
Joachim Jehmlich/Jörg Müller

Anmerkung JM:
Die Redaktion des „Preß´-Kurier“ dankt Joachim Jehmlich für seine Fotos, Informationen über den Orgelbau und die technischen Hintergrundinformationen sowie der Kirchgemeinde Jöhstadt/Grumbach für das Verfügbarmachen der verwendeten Unterlagen und die Bereitstellung des Fotos von 1927.

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