Vor 50 Jahren:

Der letzte Zug auf der Mülsengrundbahn

Im Jahre 1951 fielen drei sächsische Schmalspurstrecken bzw. Streckenabschnitte dem akuten Materialmangel der damals jungen DDR zum Opfer. Dies waren die Schwarzbachbahn Goßdorf-Kohlmühle – Hohnstein in der sächsischen Schweiz, der Abschnitt Eppendorf – Großwaltersdorf der Schmalspurbahn Hetzdorf – Großwaltersdorf sowie die in der Nähe Zwickaus gelegene Mülsengrundbahn von Mosel nach Ortmannsdorf. Begründet wurde der Streckenabbau damals in allen drei Fällen mit dem Schienenmangel für die Realisierung des Berliner Außenrings und der Tatsache, daß die Industrie der Bundesrepublik Deutschland die hierfür benötigten Gleisbaumaterialien nicht liefern würde, obwohl sie dazu ohne weiteres im Stande wäre.

Die beim Rückbau der Schmalspurbahnen gewonnen Materialien, vom Profil für Regelspurgleise vollkommen untauglich, dürften jedoch nur für den Hochofen gewesen sein und höchstens über diesen Umweg im Berliner Außenring Verwendung gefunden haben. Dabei fielen dieser „Opferungstaktik“ 1951 nicht nur Schmalspurbahnen anheim. Auch regelspurige Nebenbahnen demontierte man für den gleichen Zweck. So zum Beispiel die heute kaum geläufige Strecke von Lottengrün nach Oelsnitz/Vogtland, wo es sogar einmal Schnellzugverkehr gab. Einen ganz anderen Charakter hatte zeitlebens die schmalspurige Mülsengrundbahn. Hier herrschte stets ein bescheidenes Verkehrsaufkommen vor. Ihre Stillegung jährt sich am 20. Mai 2001 zum 50. mal.

Eröffnet am 1. November 1885, gehörte die Strecke Mosel – Ortmannsdorf zu den recht zeitig errichteten Schmalspurbahnen Sachsens. Geht man davon aus, daß tendenziell die Linien mit dem größten prognostizierten Verkehrsaufkommen zuerst gebaut wurden, müßte man meinen, die Mülsengrundbahn hätte sich zu einer stark frequentierten Bahnlinie entwickeln sollen. Doch wie bereits erwähnt, war dem nicht so.

Der Mülsengrund wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von vielen Weberfamilen bewohnt, für die die Schmalspurbahn eine Verbesserung der Verkehrsverhältnisse bringen sollte. Eine starke Industrialisierung, wie beispielsweise im Kirchberger Raum, hat es im Mülsengrund nie gegeben. Zeitlebens behielt die Strecke ihr typisches Bimmelbahnflair. Beginnend in Mosel, durchfuhr der Zug auf seiner 13,95 Kilometer langen Fahrt die Stationen Wulm, Niedermülsen, Thurm, Stangendorf, Mülsen St. Micheln, Mülsen St. Jacob, Mülsen St. Niclas und erreichte schließlich Ortmannsdorf. Dabei lag der dortige Bahnhofs nahezu komplett auf Flur der Gemeinde Mülsen St. Niclas. Lediglich Teile des Empfangsgebäudes berühren das Ortmannsdorfer Gebiet.

Für den Lokomotiveinsatz gab es zwei Heizhäuser, in Mosel und in Ortmannsdorf. Als in den 30er Jahren im Regelfall eine Lokomotive für den täglichen Betrieb ausreichte, erfolgte der Lokeinsatz ausschließlich von Ortmannsdorf aus. Wie auf anderen sächsischen Schmalspurstrecken auch, kam anfangs die Gattung I K zum Einsatz, später die IV K. Aus den zwanziger und dreißiger Jahren existieren eine Anzahl von wunderschönen Fotografien der Mülsengrundbahn mit frühzeitig ausgemusterten Exemplaren der IV K, so z. B. mit 99 520, 99 521 und 99 525.

Ortmannsdorfer Maschinen wurden häufig mit Kirchberger Lokomotiven getauscht, so daß vor dem Zweiten Weltkrieg eine Vielzahl IV K auf der Mülsengrundbahn zum Einsatz gekommen sind. Die bekannten Fotos der Nachkriegszeit zeigen stets 99 535 als Zuglok. Die Aufgabe des Streckenrückbaus fiel 99 530 zu.

Um die Bedeutung der Strecke zu erhöhen, gab es bis 1899 Pläne, eine Verbindung mit der Schmalspurbahn Wilkau-Haßlau – Carlsfeld herzustellen, jedoch blieb dieses Vorhaben im Stadium der Petitionen stecken. Als die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft in den 30er Jahren erstmalig die Wirtschaftlichkeit ihrer Schmalspurstrecken im Visier hatte, gehörte Mosel – Ortmannsdorf schon damals zu den gefährdetsten Linien. Sie war eine der unwirtschaftlichsten Strecken der RBD Dresden schlechthin. In Folge dessen rollte am 14. Mai 1939 der vorerst letzte Personenzug durch den verträumten Mülsengrund. Mosel – Ortmannsdorf ist damit die aller erste Schmalspurbahn Sachsens überhaupt, auf der es eine Betriebseinstellung aufgrund der Konkurrenz des Straßenverkehrs gab.

Die Ursache für die mangelnde Rentabilität der Bahn ist hauptsächlich darin zu suchen, daß schon in den 30er Jahren die Hauptverkehrsströme aus dem Mülsengrund über die heutige B 173 in Richtung Zwickau und über die Landstraße nach Glauchau führten, während die Eisenbahnfahrt über Mosel einen beträchtlichen Umweg darstellte. Den Güterverkehr behinderte zudem der fehlende Rollwagenbetrieb. Alle Güter mußten wegen maximal 14 Kilometern Beförderungsstrecke im Spurwechselbahnhof Mosel umgeladen werden. Dieser damals einsetzenden Entwicklung setzte der Zweite Weltkrieg vorerst ein Ende. Durch den Mangel an Omnibussen und Kraftstoffen wurde der Reiseverkehr ab 1944 wieder eingeführt. Sechs Jahre lang dauerte diese Renaissance. Unter Tränen der Bevölkerung und mit überfüllten Zügen verabschiedete sich die Eisenbahn aus dem Mülsengrund.

Heute zeugen noch immer einige Relikte von der einstigen Schmalspurbahn. In Ortmannsdorf sind der zweiständige Lokschuppen und das Empfangsgebäude erhalten. Vom Ortmannsdorfer Viadukt gibt es noch den Mittelpfeiler und Reste der Widerlager. Der Bahndamm ist an vielen Stellen noch erkennbar. Teilweise dient er mittlerweile als Straße. In Mülsen St. Niclas existiert der Güterschuppen, jedoch ist er nach einem Komplettumbau kaum mehr als solcher zu erkennen. Der Nachwelt erhalten bleiben eine Reihe von Fotos aus einer Epoche sächsischer Schmalspurgeschichte, wie sie der Eisenbahnfan heute nicht mehr erleben kann.

Holger Drosdeck

Der Autor dankt seiner Studienkommilitonin Sylvia Markert aus Mülsen St. Niclas für die Zurverfügungstellung wertvollen historischen Bildmaterials aus Betriebszeiten der Strecke.


zum Preß-Kurier | Artikel älterer Ausgaben