Eisenbahn - Geschichte

Die 750-Millimeter-Werkbahn der Maxhütte in Unterwellenborn

In den letzten Jahren sind mehrere 750-mm-Diesellokomotiven im Erzgebirge aufgetaucht, die ursprünglich im Stahlwerk in Unterwellenborn eingesetzt waren. In einem Rückblick soll heute an diese Werkbahn erinnert werden.

I. Die Maxhütte Unterwellenborn

Schon 1871 wurde das Werk als Ableger der Maxhütte Haidhof in Oberfranken gegründet. Die Nähe umfangreicher Erzvorkommen in Kamsdorf bei Saalfeld sowie ein günstiges Arbeitskräftereservoir trugen zu dieser Entscheidung bei. 1929 ging das Werk in den Besitz der Familie Flick über. In der Weltwirtschaftskrise von 1931 bis 1934 war das Werk teilweise stillgelegt, erst 1936 erreichte die Produktion wieder volle Ausmaße.

Nach Zerstörung in den letzten Kriegstagen lief die Produktion unter der Leitung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) wieder an, 1947 kam das Werk in Volksbesitz. Unterwellenborn entwickelte sich rasch und war für die Rohstoffversorgung der DDR sehr wichtig. 1970 ging ein neues Ringwalzwerk in Betrieb. Nach 1990 wurden die Altanlagen stillgelegt und durch die ARBED aus Luxemburg ein neues Werk gebaut.

II. Die Werkbahn und ihre Lokomotiven

Über die 750-mm-spurige Werkbahn und ihre Fahrzeuge gibt es bisher nur wenig Informationen. Die Bahn diente dem Transport von Roheisen und Schlacke zwischen dem Elektrostahlwerk, Walzwerk, Thomasmühle und dem Schlackenplatz. Übrigens gab es im Mutterwerk in Haidhof ebenfalls eine 750-Millimeter-Bahn, die wohl in den achtziger Jahren stillgelegt wurde.

Zuerst waren auf der Unterwellenborner Bahn natürlich Dampflokomotiven eingesetzt. Ein Foto in der Deutschen Fotothek in Dresden zeigt einen B-Kuppler. Schon zu Beginn der fünfziger Jahre wurden Dieselloks eingesetzt – zunächst Loks der Bauart Ns3, später auch V10C.

Schon in den fünfziger Jahren gab es übrigens Beziehungen zur Preßnitztalbahn, speziell zum DKK Scharfenstein. Sie wurden von Holger Neumann recherchiert und im Werkbahnreport 5 der Historischen Feldbahn Dresden veröffentlich. So erhielt das Werk Niederschmiedeberg am 17. Juli 1957 als Verstärkung für die vorhandene Deutz-Lok eine fabrikneue Babelsberger Ns3 mit 60-PS-Leistung. Diese Lok war jedoch für die anstehenden Aufgaben zu schwach. Man suchte also eine stärkere Lok. Hier kam nun die Maxhütte ins Spiel. Sie benötigte offenbar eine weitere Ns3 und konnte als von der Bürokratie bevorzugter Betrieb eine fabrikneue V10C mit 100-PS-Leistung besorgen. So kam die am 28. November 1962 an die Maxhütte gelieferte V10C 250311/1962 am 31. Januar 1963 nach Niederschmiedeberg, während die Ns3 249235/ 1957 nach Unterwellenborn gelangte.

III. Der Verbleib der Loks

Mit der Stillegung der Altanlagen 1991 und der Übernahme durch die Treuhand standen auch die verbliebenen drei Ns3 und drei V10C zur Disposition. Die Treuhand dachte dabei an einen „Im-Block-Verkauf“. Als Käufer waren Bauunternehmen der Stollenbaubranche angedacht, konkrete Gespräche wurden angeblich mit einer Firma in Italien geführt. Nach langwierigen Verhandlungen mußte die Treuhand jedoch schließlich einsehen, daß die Loks für die Baubranche ungeeignet waren.

Mit Hilfe der Betriebseisenbahner, speziell des Werkstattleiters, sollte nun eine museale Lösung gefunden werden. Je eine Ns3 und V10C wurden unter Denkmalschutz gestellt und für eine spätere Präsentation aufbewahrt. Die anderen Maschinen wurden 1993 dem Autor angeboten. Dieser gab eine Ns3 an die Gebrüder Böttrich nach Großrückerswalde und damit auf einen damals noch vorhandenen Rest der alten Preßnitztalbahn. Für die V10C fand sich Peter Wunderwald aus Freital als Käufer, der sie zunächst in Oschatz abstellte.

Wie sich später herausstellte, kam die 1957 nach Niederschmiedeberg gelieferte Ns3 nach Köln, während die originale Maxhütten-Lok nach Großrückerswalde gelangte. Sie ging nach Auflösung der dortigen Anlagen 1994 nach Rittersgrün. Hier landete 1999 auch das Tauschobjekt, die 1962 gebaute V10C mit der Fabriknummer 250311. Nach der Stillegung der Preßnitztalbahn 1986 ging sie an den VEB Kaolin- und Tonwerk Kemmlitz, wo sie am 29. August 1988 in Dienst genommen wurde. Die V10C von Peter Wunderwald erhielt von 1997 bis 1999 in Tharandt eine HU. Danach ließ sie ihr Eigentümer am Haltepunkt Wilsdruff aufstellen, von wo sie 2000 in die Prignitz kam. Hier ist sie als Bauzuglok eingesetzt.

Die beiden Loks in Unterwellenborn können in der Nähe der Bundesstraße besichtigt werden. Die Loks des Autors befinden sich in Köln, wo sie im Rheinischen Industriebahn-Museum ausgestellt sind.
Jörg Seidel


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