125 Jahre Schmalspurbahnen im Harz

Das gesamte Jahr 2012 stand bei der Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) unter dem Jubiläumsmotto. Nachdem bereits im April und Anfang Juni mit großen Bahnhofsfesten in Nordhausen und Wernigerode erste Höhepunkte im Festjahr geboten wurden, stand im August die Selketalbahn und ihr ursprünglicher Ausgangspunkt Gernrode im besonderen Blick.

Am 7. August 1887 wurde die Strecke zwischen Gernrode und dem Bahnhof Mägdesprung durch die Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn-Gesellschaft (GHE) nach einer Bauzeit von nicht einmal einem Jahr eröffnet. Mit ihr kam die Schmalspurbahn in den Harz und in den folgenden zwölf Jahren entstand so ein regelrechtes Netz, das den Ostharz mit der Selketalbahn über den Bahnhof Eisfelder Talmühle mit der Nord-Süd-Querung des Harzes von Wernigerode bis Nordhausen verband und über die Südharz-Eisenbahn einen weiteren Anschluß bis in den Oberharz herstellte. Heute umfaßt das von der Harzer Schmalspurbahnen GmbH betriebene Streckennetz rund 140 Kilometer, womit sie nicht nur auf die Spurweite von 1000 mm bezogen zu Recht den Slogan „Die Größte unter den Kleinen“ nutzt.

Die verschiedenen Jubiläen des Jahres, die der Einweihung von Streckenabschnitten im Netz galten, wurden neben den Bahnhofsfesten mit zahlreichen Sonderzugfahrten begangen, wozu in bisher nicht dagewesenem Umfang Gastfahrzeuge von anderen 1000-mm-Schmalspurbahnen in den Harz kamen. Am 18. August stand zum Abschluß des Festreigens bei bestem Sommerwetter das Bahnhofsfest im Bahnhof Gernrode auf dem Programm. Mehr als 10 000 Gäste ließen es sich nicht nehmen, dem ursprünglichen Ausgangspunkt der Entwicklung der Schmalspurbahnen im Harz einen Besuch abzustatten. Seit der Einstellung des Regelspurbetriebes am 31. Januar 2004 liegt der regelspurige Bahnhofsteil brach, während der schmalspurige Teil zu einem Durchgangsbahnhof für die Streckenverlängerung nach Quedlinburg umgebaut wurde, die am 4. März 2006 in Betrieb genommen werden konnte. Dadurch ergaben sich für einen umfangreichen Betrieb zum Bahnhofsfest natürlich viel mehr Möglichkeiten, um die insgesamt 38 zusätzlichen Fahrten mit HSB-eigenen oder Gastfahrzeugen durchzuführen. Selbstverständlich geht ein derartiges Fest nicht ohne begleitendes Kulturprogramm und kulinarische Angebote einher, doch boten die zahlreichen eisenbahnspezifischen Highlights genügend Attraktionswert, von einem zünftigen Eisenbahnfest sprechen zu können, zumal die Bahnanlagen des Bahnhofes Gernrode dafür schon eine ganze Menge zu bieten haben.

Die HSB wollte natürlich mit dem Fest nicht zuletzt auch wieder einmal den Blick auf die Selketalbahn richten, ist sie doch gegenwärtig der einnahmenschwächste Teil des Streckennetzes. Die mit der Verlängerung der Selketalbahn in die Weltkulturerbestadt Quedlinburg verbundenen Hoffnungen auf eine kontinuierliche Steigerung der Fahrgastzahlen haben sich nicht erfüllt. Der Harzkenner weiß die urtümlichen Schönheiten des Selketales und seiner Nebentäler sehr zu schätzen, jedoch hat sich die Region seit der politischen Wende vor 22 Jahren eher von einem Zugpferd des Tourismus in der DDR zum Geheimtip entwickelt, worunter nicht zuletzt die Selketalbahn leidet. Fährt man zwischen Stiege und Mägdesprung mit aufmerksamem Blick die Strecke entlang, erkennt man den Niedergang der einstigen Industrieanlagen und vieler touristischer Einrichtungen. Auch die Anlagen der Selketalbahn haben unter den wirtschaftlichen Gegebenheiten zu leiden, der Verfall an vielen einst attraktiven Gebäuden ist nur noch mit großem Aufwand zu stoppen. Dabei sei aber positiv festgestellt, daß das bekannte Stationsgebäude in Alexisbad eine umfassende schrittweise Restaurierung erhält und nach mehrjähriger nutzungsfreier Zeit inzwischen auch wieder am Wochenende zeitweilig mit HSB-Personal besetzt wird, was für die Erhaltung der Anlagen nur förderlich sein kann. Nur noch mit einer radikalen Maßnahme wie dem Abriß war jedoch am zeitweiligen Endbahnhof Mägdesprung dem Verfall des Güterschuppens Herr zu werden. Dieses Ensemble hatte bereits 125 Jahre Bestand gehabt.

Nicht zuletzt sorgen aber auch hausgemachte Probleme wie der sommerliche Schienenersatzverkehr auf der Selketalbahn wegen Triebfahrzeugmangels für eine schleichende Verschlechterung der Attraktivität. Hier ist nur zu hoffen, daß nach dem geplanten Modernisierungsprogramm für die Triebwagenflotte wieder Stabilität für das Zugangebot entlang der Selke entsteht.

Am Festtag im August kamen zwischen Quedlinburg und Alexisbad neben den historischen HSB-Dampfloks und -Triebwagen auch erstmals alle drei im Rahmen des Jubiläumsjahres im Harz weilenden Gastfahrzeuge anderer Schmalspurbahnen gemeinsam zum Einsatz. Die Dampflok Nr. 105 (Baujahr 1918) der Museumsbahn Blonay – Chamby aus der Schweiz, der Selfkantbahn-Triebwagen T 102 (Baujahr 1950) der Interessengemeinschaft Historischer Schienenverkehr e.V. aus Schierwaldenrath sowie der Triebwagen T 42 (Baujahr 1939) des Deutschen Eisenbahn-Verein e.V. aus Bruchhausen-Vilsen waren besonders begehrte Fotomotive an der Strecke. Die Fotostandorte im Selketal waren dabei genauso dicht umlagert wie die Möglichkeit, einmal auf einem der Gastfahrzeuge mit dabei zu sein.

Auf den anderen Streckenabschnitten im Harz waren die Gäste in den vorangegangenen Monaten bereits vielfach vor Sonderzügen im Einsatz gewesen, zeitweilig halfen die Triebwagen T 102 und T 42 sogar im Regeldienst aus, da durch zahlreiche Ausfälle in der eigenen Triebwagenflotte der HSB Engpässe bestanden und noch immer bestehen. Für Eisenbahnfreunde waren im Festjahr aber auch Foto-Güterzüge unterwegs, für die extra einige Rollböcke aufgearbeitet wurden.

Insgesamt können alle Eisenbahnfreunde mit dem das Engagement der HSB im Jubiläumsjahr sehr zufrieden sein. Dank einer sehr guten Zusammenarbeit mit den Vereinen, welche die Gastfahrzeuge zur Verfügung stellten, sowie vor Ort präsentierten sich die Harzer Schmalspurbahnen von ihrer besten Seite – und um ihre Schwachstellen und Probleme wissen die Verantwortlichen nur zu gut selbst Bescheid.
Jörg Müller


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