Dampflok 99 6001 zu Gast in Picardie

Im April dieses Jahres war die Dampflok 99 6001 der Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) bei der französischen Museumseisenbahn „Chemin de Fer de la Baie de Somme“ (CFBS, übersetzt Somme-Bucht-Eisenbahn) in der Picardie zu Gast. Diese Region befindet sich im Norden von Frankreich in der Nähe zum Atlantik/Ärmelkanal.

Alle drei Jahre veranstaltet die Museumseisenbahn an der Somme-Bucht ein großes Eisenbahnfestival. Ein Jahr nach dem Festival von 2013 lud sie die HSB in die Picardie ein. Am 6. April 2016 war es dann soweit: Die HSB verluden in Wernigerode ihre 99 6001 auf einen Straßentieflader (siehe PK 149, Seite 2) und schickten sie auf den Weg zur etwa 900 km entfernten Museumseisenbahn nach Frankreich.

Diese Schmalspurbahn entstand in mehreren Bauabschnitten. Ein Vorläufer der Eisenbahn um die Stadt Saint-Valery-sur-Somme wurde bereits im Jahr 1845 geplant. Im Jahr 1853 erhielt die französische Nordbahngesellschaft (Chemin de Fer du Nord) die Genehmigung zum Bau einer eingleisigen regelspurigen Eisenbahnstrecke von Noyelles-sur-Mer nach Saint-Valery-sur Somme. Diese eröffnete die Nordbahn am 5. Juni 1858 als Pferdebahn. Markantestes Bauwerk der 5,6 km langen Strecke war eine 1367 m lange Brücke über die Bucht. Dabei handelte es sich um ein Gerüstpfeilerviadukt (Trestle-Brücke) in der damals üblichen Holzbauweise. Als die Nordbahngesellschaft den Pferdebahnbetrieb im Jahr 1885 durch Dampflokomotiven ersetzte, blieb sie zunächst erhalten. Dann entstand 1911 an ihrer Stelle ein Deich. Die im Eigentum des Départements de la Somme befindliche Eisenbahngesellschaft „Société Générale de Fer Economiques“ (SE) eröffnete ihrerseits am 1. Juli 1887 eine 7,5 km lange meterspurige Eisenbahn von Noyelles nach Le Crotoy auf. Dieser Endpunkt liegt am nördlichen Ufer der Somme-Bucht.

Im gleichen Jahr ließ die Nordbahngesellschaft in ihre 18 km lange regelspurige Strecke Noyelles – Saint-Valery zwei weitere Schienen im Abstand von einem Meter legen. Dieses meterspurige Gleis verlängerte sie bis Cayeux-sur-Mer am Atlantikufer, während sie den 1858 eröffneten Abschnitt fortan als Vierschienengleis betrieb. Sowohl der gemischte Eisenbahnverkehr (Normal- und Schmalspur) bis Saint-Valery als auch der reine Schmalspurverkehr bis Cayeux-sur-Mer begann am 6. September 1887. Im Güterverkehr wurden zum Beispiel landwirtschaftliche Produkte (Zuckerrüben) sowie Fische und Muscheln transportiert. Doch die Strecke diente bereits damals auch der Beförderung von wohlhabenden Feriengästen, die zur Erholung an der Atlantikküste verweilten. Nachdem die Nordbahn in den SNCF aufgegangen war, übergab die Staatsbahnverwaltung die Vierschienenstrecke der regionalen SE, womit der komplette Schmalspurbetrieb in Hand dieser Landesbahn lag.

Charakteristisch für die Somme-Bucht (es handelt sich eigentlich um die knapp 7200 ha große Flussmündung der Somme) sind die weitläufigen Sumpf- und Salzwiesenlandschaften, welche durch die ständige Neulandbildung (durch Ebbe und Flut) hier entstanden bzw. noch immer entstehen. Diese Wiesen prägen auch das Umfeld der heutigen Museumseisenbahn. Deren Betrieb begann im Jahr 1971. Damals nahm die „Chemin de Fer de la Baie de Somme“ (CFBS) den eigenständigen Eisenbahnbetrieb auf. Ihn üben die Museumseisenbahner ehrenamtlich aus. Zum heutigen Fahrzeugbestand gehören sieben Dampf- und fünf Dieselloks, sechs Triebwagen (fünf davon desolat abgestellt) sowie etwa 30 Güter- und Reisezugwagen. Das Gleisnetz der Museumsbahn wurde in den vergangenen Jahren überarbeitet und mit einer neuen Sand-Kiesbettung versehen. Die aufwendige Sanierung der Kaianlagen sowie der Bau eines neuen Empfangsgebäudes mit den dazugehörigen Gleisanlagen am Bahnhof Saint-Valery Port kamen am 6. November 2010 zum Abschluss. Zu den Besonderheiten dieser französischen Schmalspurbahn gehört das Wenden der eingesetzten Dampflokomotiven an den Endstationen mittels handbetriebener Drehscheiben. So können die Loks stets mit dem Schornstein voran fahren.

Das Festival 2016

Zum Eisenbahnfestival „Fête de la Vapeur Baie de Somme“ lädt die Museumsbahn CFBS aller drei Jahre nach Saint-Valery-sur-Somme ein. Dann kommen häufig auch schmal- und regelspurige Gastfahrzeuge aus dem In- und Ausland zum Einsatz. Das diesjährige und zugleich 10. „Dampffestival in der Somme-Bucht“ fand vom 15. bis 17. April statt. Dabei konnten die Gäste acht Normalspur- und 17 Schmalspurlokomotiven in Betrieb erleben. Das älteste präsentierte Triebfahrzeug war die 1889 von der französischen Lokfabrik „Société anonyme des Anciens Établissements Cail“ in Paris gebaute Lok Nr. 2 der gastgebenden Museumsbahn CFBS. Als jüngste Lok nahm die im Jahr 2007 von Alstom/Siemens für das SNCF-Tochterunternehmen AKIEM gebaute Diesellok 75024 teil (geleast von ETF Services). Anlässlich des 10. Dampffestivals trug sie Werbebanner an ihren Längsseiten.

Die deutsche Gastlokomotive 99 6001 gehörte zu den Höhepunkten des Festwochenendes in der Picardie. Sie verkehrte vor ausgesuchten Sonderzügen auf dem etwa 25 km umfassenden Schmalspurbahnnetz der Chemin de Fer de la Baie de Somme zur vollsten Zufriedenheit der Gastgeber und Gäste. Am 19. April trat sie dann auf einem Straßentieflader die Rückreise nach Wernigerode an, wo sie am Folgetag eintraf. Bei den Fahrten von 99 6001 in Frankreich handelte es sich um den ersten Auslandseinsatz eines HSB-Fahrzeuges in der Geschichte des 1991 gegründeten und seit 1. Februar 1993 für den Betrieb der Harzer Schmalspurbahnen verantwortlichen Unternehmens.
Jürgen Steimecke/AM


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