"Einheits"-Reisezugwagen für die deutsche Heeresfeldbahn

I. Vorgeschichte

Mitte der zwanziger Jahre war die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) bemüht, den Wagenpark der staatlichen Schmalspurbahnen zu verjüngen und zu vereinheitlichen. Ende der zwanziger Jahre entwickelte dazu Linke-Hofmann-Busch (LHB) im Auftrag der DRG einen völlig neuen Reisezugwagentyp. In diesen flossen die modernsten Erkenntnisse des Waggonbaus ein.

Zwischen 1929 und 1932 fertigten die Waggonfabriken von LHB in Werdau und Bautzen 33 Sitzwagen zweiter und 34 Wagen dritter Klasse sowie 33 Packwagen für 750-Millimeter-Spurweite. Alle 100 Fahrzeuge übernahm die DRG und fügte sie in den Bestand der Reichsbahndirektion (RBD) Dresden ein. Andere Direktionen gingen leer aus.
Mit den 100 Wagen war die Beschaffung von Reisezugwagen für die sächsischen Schmalspurbahnen beendet. Das Kapitel schmalspuriger "Einheitswagen" war 1932 jedoch keineswegs abgeschlossen.

II. Die Heeresfeldbahnwagen

Bisher weitestgehend unbekannt, fertigte LHB in Bautzen zwischen 1940 und 1943 eine nicht bekannte Stückzahl 750-Millimeter-Wagen mit einer Länge über Puffer(LüP) von 11,20 und 14,60 Metern für die deutsche Heeresfeldbahn (HF). Auf den kürzeren Typ soll in diesem Beitrag nicht weiter eingegangen werden. Der längere Bautyp orientierte sich an den Konstruktionen der "sächsischen" Fahrzeugen von 1929/1930 und soll hier näher vorgestellt werden.

Äußerlich nur leicht modifiziert, waren die Wagen vor allem an den abgerundeten Dachenden und den hüfthohen Bühnentüren anstelle der Scherengitter erkennbar. Im Inneren ist davon auszugehen, daß viele der Ende der zwanziger/Anfang der dreißiger Jahre noch in Messing gefertigten Teile aus minderwertigerem Material gebaut worden sind.

Ähnlich des Beschaffungsprogrammes von 1929/1930 entstanden Wagen der zweiten mit sechs und Wagen der dritten Klasse mit sieben großen Fenstern pro Seitenwand (ohne Toilettenbereich). Ob die 2.-Klasse-Wagen (B4) mit ähnlichen Polstern wie 1929 geliefert wurden, konnte nicht herausgefunden werden.

Das zentrale "Depot" aller Heeresfeldbahnwagen befand sich ursprünglich in Rehagen-Klausdorf bei Berlin und unterstand der Waffenprüfanstalt 5 (WaPrüf 5) Sperenberg. Nach dem Eindringen der Roten Armee ins Reich setzte die Verwaltung viele der Fahrzeuge in das Versuchskommando Mittersill an der Pinzgauer Lokalbahn in die damalige Ostmark (Österreich) um.
Leider sind keine Zahlen bekannt, wieviel Wagen jemals in Rehagen-Klausdorf stationiert gewesen sind und wieviel davon in die Ostmark gelangten.

Als Einsatzort der Wagen während des Krieges ist bisher lediglich die Strecke von Hyrynsalmi nach Kuusamo in Finnland bekannt. Den bedeutendsten Zwischenbahnhof gibt Paul Dost mit Tairalkoski, Alfred Gottwaldt mit Taivalkoski und der Muster-Schmidt-Verlag mit Taivaloski an.

Da die Sowjets nach 1945 den Großteil der aktuellen Unterlagen des Linke-Hofmann-Busch Werkes Bautzen beschlagnahmten, gibt es keinerlei Aufzeichnungen, wieviel und wann Fahrzeuge dieser Bauart während des Zweiten Weltkrieges produziert worden sind.

III. Technische Beschreibung

Die Konstruktion der "langen" HF-Wagen wurde von der Bauart 1929/1930 weitestgehend übernommen. Allerdings besaßen die Wagen wie erwähnt abgerundete Dachenden und kleine Bühnentüren. Die Zug- und Stoßeinrichtung war dem Feldbahnprinzip angepaßt, so daß die Länge über Puffer auf 14,60 Meter anstieg. Aufgrund der vergleichsweise immensen Wagenhöhe wurden die Kupplungsteller jedoch im oberen Drittel der Zugstange angebracht, um auch an Kupplungsteller niedriger Wagen anstoßen zu können. Zur ursprünglichen Bremsanlage der Fahrzeuge können keine Aussagen getroffen werden.

Wie eine Innenaufnahme eines siebenfenstrigen 3.-Klasse-Wagens beweist, waren die Heeresfeldbahnwagen mit Dampfheizung und Kohleöfen ausgestattet. Während Klappsitze und Zwischentüren analog 1930/1932 zum Einbau kamen, fehlten den Sitzbänken die Kopfstützen. Auch die Lüfter und Lampen entsprachen moderneren Bauformen. Als Gepäckablage gab es stabile zwischen den Fenstern angeordnete Holzablagen, wie sie aus sächsischen Traglastenwagen der Gattung 729 bekannt sind. Fotos aus Finnland zeigen über den Fenstern angebrachte Rolljalousien, die zur Verdunklung gedient haben könnten.

Durch die vergleichsweise niedrigeren Sitzlehnen entstand im Inneren ein geräumigerer Eindruck, als er in den 1930/1932 gebauten Wagen spürbar ist. Mit 42 Sitzplätzen (ohne Klappsitze) und Abort galten die Fahrzeuge an der Front als "Luxus-Züge" und wurden beispielsweise in Finnland im Urlauberverkehr eingesetzt. Über die Ausstattung der 2.-Klasse-Wagen kann keine Aussage getroffen werden.

IV. Nachkriegseinsätze in der SBZ/DDR

Aus dem Park der in Rehagen-Klausdorf das Kriegsende überstandenen Fahrzeuge übernahmen 1948 die Landesbahnen Brandenburg mindestens zwei "lange" HF-Wagen für die Luckenwalder-Jüterboger Kleinbahn (LJE). Einer der Wagen (LJE 3) soll laut Wolf-Dietger Machel 1940 gebaut worden sein, diente später aber nur noch als Ersatzteilspender. Den anderen C4 mit der HF-Nummer 722 bezeichnete die LJE als Wagen Nr. 401.

Nach Übernahme der Bahnlinie durch die Deutsche Reichsbahn (DR) reihte ihn diese als 7.0753, bzw. ab 1958 als 970-222 in den Bestand ein. Das Betriebsbuch des einzigen von der DR übernommenen Heeresfeldbahnwagens für 750-Millimeter-Spur gibt als Baujahr 1943 an und verzeichnet eine Druckluftbremse der Bauart Knorr. Die Länge über Puffer ist nur mit 14,36 Metern angegeben, was an der Wolter-Balance-Kupplung gelegen haben könnte.

Per Verfügung der Hauptverwaltung Wagenwirtschaft der DR vom 2. September 1964 wurde der Wagen an den VEB Braunkohlenkombinat Lauchhammer verkauft. Von Dahme lieferte die DR 970-222 dazu an den Bahnhof Lauchhammer Ost, Anschlußgleis BFG Lauchhammer, Nebenanschluß Koyne. Hier verliert sich die Spur des Reichsbahn-Unikats.

V. HF-Wagen in Österreich

In Österreich wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zwei C4 (HF 717 und 724) sowie ein B4 (HF 715) auf den Gleisen der Pinzgauer Lokalbahn und ein weiterer B4 (HF 714) bei der Bregenzerwaldbahn aufgefunden. Einsätze der Wagen vor Mai 1945 sind nicht nachweisbar. Alle vier Fahrzeuge sollen 1943 gebaut worden sein. Die ÖBB übernahmen die Wagen unter folgenden Nummern:

  • HF B4 714 und 715 als 4010 und 4011
  • HF C4 717 und 724 als 4012 und 4013

Laut Hans Sternhart wurden alle vier Wagen 1963 in St. Pölten grundlegend modernisiert. Dabei erhielten sie einen völlig neuen Wagenkasten mit Übersetzfenstern und neue Drehgestelle. Neu numeriert als 3180 bis 3183 sind sie noch heute erhalten. Als deutsche "Einheitswagen" sind sie jedoch nicht mehr erkennbar.

VI. Bild- und Literaturquellen

Ergiebig ist das Archiv der Waggonfabrik Bautzen. Während dort schriftlichen Unterlagen fehlen, blieben die Werkfotos erhalten, so auch das des abgebildeten 3.-Klasse-Wagens.

Eine Innenaufnahme eines C4 und ein Foto eines Zuges aus mindestens drei dieser Fahrzeuge in Finnland um 1944 sind im Buch von Alfred B. Gottwaldt: "Heeresfeldbahnen. Bau und Einsatz der militärischen Schmalspurbahnen in zwei Weltkriegen", Stuttgart 1986, auf Seite 290 zu finden. Quelle beider Bilder sei das Bundesarchiv. Im Text wird auf den Seiten 207 und 291 auf die Wagen eingegangen. Allerdings wird geschrieben, daß sie von LHB in Breslau gebaut worden seien. Inwieweit dies lediglich vom Firmenhauptsitz abgeleitet wurde, oder ob in Breslau tatsächlich ebenfalls Heeresfeldbahnwagen gebaut worden sind, konnte bisher nicht geprüft werden.

Das Foto im genannten Buch auf Seite 306 von der Pionier-Übungsbahn Rehagen-Klausdorf aus dem Sommer 1943, auf der ein Zug mit zwei HF-Wagen erkennbar ist, zeigt eindeutig zwei Wagen des Bautyps mit LüP 11,20 Meter. Gottwaldts Bildunterschrift ist falsch.

In "Schmalspurig durch Österreich" von Walter Krobot, Josef Otto Slezak und Hans Sternhart (Slezak-Verlag, Wien, 2. erweiterte Auflage 1975, ISBN 3-900134-29-4) ist auf Seite 223 der Heeresfeldbahnwagen 715 in Bregenz-Vorkloster abgebildet. Im Anhang sind die genannten Angaben zum Umbau und Numerierung der Wagen zu finden (S. 259ff.).

Von 970-222 als "7.0753 Berlin" gelang Günter Meyer Mitte der fünfziger Jahre eine Aufnahme in Bautzen. Sie ist auf Seite 138 im Bildband "Schmalspurig nach Norden", Freiburg 1995, gedruckt.

Zu Heeresfeldbahnwagen in Rehagen-Klausdorf schrieben Klaus Jünemann, Wolf-Dietger Machel und Lother Nickel in den Verkehrsgeschichtlichen Blättern Nummer 5 von 1982 im Aufsatz: "Ehemalige Heeresfeldbahnen um Sperenberg". Informationen zu den Wagen bei der LJE liefert Machel in seinem Sammelband "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland einst & jetzt".

VII. Schlußbemerkungen

Abgeleitet von den bekannten HF-Wagen-Nummern kann vermutet werden, daß mindestens zehn Wagen (HF 714 bis 724) mit LüP 14,60 hergestellt worden sind. Eine größere Stückzahl ist jedoch durchaus denkbar. (Die Nummern HF 701 bis 703 sind für Wagen mit LüP 11,20 Metern nachgewiesen, so daß die Annahme, es gab 24 Wagen mit LüP 14,6 Metern, nicht möglich ist.) Da sowohl die ÖBB als auch die Rbd Berlin als Baujahr der "langen" HF-Wagen 1943 angeben, außerdem auch Paul Dost von einer Stationierung der Wagen ab 1943 in Finnland berichtet, ist anzunehmen, daß die Wagen mit LüP 14,60 Meter wahrscheinlich alle erst 1943 in Bautzen vom "Band" liefen. 1940 wurden hingegen nachweislich die bekannten Wagen mit LüP 11,20 Meter hergestellt. Die Angabe, der zweite Jüterboger C4 sei 1940 gebaut wurden, könnte einem Irrtum zugrunde liegen.

Falls unseren Lesern weitere Bild- und Textnachweise zu Heeresfeldbahnwagen bekannt sind, würde sich die Redaktion über eine Benachrichtigung freuen. Ebenso sind alle Kriegsveteranen und Kenner der LJE aufgefordert, den Autor über eventuelle Kenntnisse oder Bilddokumente zu informieren. Auch konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden, wie 970-222 beim BKK Lauchhammer genutzt wurde. Seine Zerlegung ist bis heute nicht belegt. Vielleicht gelingt es gemeinsam, mehr über diesen interessanten Teil deutscher Schmalspur(-Wagen)-Geschichte zu erfahren.

André Marks

Weitere Quellen und Endnoten:
Unterlagen von Joachim Schulz (Dresden) und des Fritz-Hager-Archives der Traditionsbahn Radebeul


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