Das Interview: Ralph Böttrich

Das 20. Vereinsjubiläum der IG Preßnitztalbahn wird in diesem Herbst begangen, doch von den heute über 400 Vereinsmitgliedern kennt nur ein sehr geringer Teil die ersten Jahre aus eigenem Erleben. Der „PK“ sprach deshalb mit Ralph Böttrich, zusammen mit seinem Bruder Detlef einer der Gründungsväter des Vereins. Beide sind heute nicht mehr Mitglied.

PK: Wenn jetzt der 20. Geburtstag des Vereins gefeiert wird, was bewegt Dich am stärksten?

Mein Bruder und ich freuen uns, daß der Verein zu seiner Gründung im Jahr 1988 steht. Ich bin stolz, daß dieses Jubiläums gefeiert werden kann und daß seit Jahren wieder Züge durch unser Preßnitztal dampfen. Wir bedauern jedoch sehr, daß der Ausgangspunkt des Vereins, der ehemalige Bahnhof Großrückerswalde, in Vergessenheit geraten ist.

PK: Welche Beweggründe hattet Ihr, Euch für die Schmalspurbahn einzusetzen?

Das hat eine längere Vorgeschichte. Wir waren keine Eisenbahnfans. Uns bewegte viel mehr unsere Verbundenheit zum Bahn'l als Bestandteil unserer Heimat. In Großrückerswalde wohnend, gehörten das Pfeifen der Lok und Ausflüge mit dem Bahn'l zu unserem Alltag. Trotz Gerüchten über eine Einstellung hatte ich mir, wie die meisten Anwohner, nie ernste Gedanken gemacht, daß dieses schöne vertraute Stück Heimat bald nicht mehr existieren sollte. Die Nachricht von der Einstellung des Personenverkehrs kam für mich deshalb sehr unerwartet. Als ich 1985 meine Lehre bei der Deutschen Reichsbahn (DR) begann und erstmals engeren Kontakt zu Eisenbahnfans bekam, stand der Termin zur Stillegung des verbliebenen Güterverkehrs zum 30. September 1986 fest. Deshalb nahm ich mir vor, kurz vorher noch ein paar Fotos zur Erinnerung zu machen.

PK: Aber die Stillegung der Strecke stand fest. Daran gab es nichts zu rütteln?

Bis zu meinem ersten Besuch am Lokschuppen in Wolkenstein Ende August 1986 hatte ich mich damit abgefunden. Doch hier spürte ich die totale Resignation und tiefe Enttäuschung der Eisenbahner darüber, daß wirklich bald Schluß sein sollte. Bei meinen nun häufigen Fototouren erfuhr ich immer mehr von verschiedensten Initiativen zur Erhaltung unserer Strecke und daß eine Erhaltung möglich gewesen wäre! Ich mußte aber auch von haarsträubenden Hintergründen erfahren, wie die Instanzen alles versuchten, um die Strecke tot zu machen. Dabei empfand ich Wut, Empörung und eine feste Entschlossenheit, etwas dagegen zu tun. So organisierte ich eine Unterschriftenaktion für die Erhaltung. Hilfreich waren dabei die Bestrebungen des VEB dkk Niederschmiedeberg, die Bahn weiter für den Güterverkehr zu nutzen. Da in der DDR Unterschriftensammlungen verboten waren, rieten mein Klassenlehrer, Helmut Waurich, und mein Vater dringend, die „Willenserklärung“ in eine „Eingabe“ abzuändern. Ich spürte die Angst meines Vaters, wollte aber nicht wahrhaben, daß ich etwas Gefährliches tat. Da sich der Stillegungstermin immer weiter zum Jahresende verschob, hoffte ich, doch noch etwas zu erreichen. Kurz nach der letzten offiziellen Fahrt am 21. November 1986 beendete ich die Aktion und übergab am 1. Dezember beim Reichsbahnamt stolz 1719 Unterschriften. Bereits einen Tag darauf waren Vertreter von DR, SED und Stasi in meiner Berufsschule „um den Sachverhalt zu klären“ und die „Schuldigen dieser staatsgefährdenden Aktion“ ausfindig zu machen, um diese hart zu bestrafen.

PK: Im Jahr 1987 lief der Abbau der Strecke an vielen Stellen. Da war der Gedanke an einen Erhalt der Strecke beerdigt?

Ja. Bis dahin waren einfach zu viele Tatsachen geschaffen worden. Es gab unzählige Initiativen, unsere Bahn zu erhalten, aber die meisten haben allein agiert. So konnten Reichsbahn, SED und Staatssicherheit jeden Widerstand einzeln brechen. Viele echte Eisenbahn- und Heimatfreunde haben sich bis an ihre Grenzen für die Strecke engagiert und damit sehr hohen Risiken bis hin zu konkreten Repressalien ausgesetzt. Diesen Einsatz dürfen wir heute, wo Züge im Preßnitztal wieder selbstverständlich sind, auf keinen Fall vergessen! Es gab Momente, in denen die Erhaltung der Strecke oder als Trostpflaster ein Museumsbahnhof in Jöhstadt bzw. eine Museumsbahn möglich schien. Das dies nicht gelingen konnte, daran haben auch die Verantwortlichen des DMV (Deutscher Modelleisenbahner Verband der DDR, d. Red.) einen Anteil...

Nach der Einstellung des Personenverkehrs bis Niederschmiedeberg wurden Ende 1984 die Bahnsteiggleise am Bahnhof Wolkenstein demontiert. Im August 1985 begann in Jöhstadt der völlig chaotische Abriß der Bahnanlagen. Angst und Panik der Instanzen waren fühlbar, daß auch nur irgend etwas von der Bahn erhalten bleiben könnte. So war eine der ersten Aktionen die Zerstörung der Brücken in Schmalzgrube. Nachdem am 17. Dezember 1986 der Präsident der Reichsbahndirektion (Rbd) Dresden, Herr Neumann, mit einem etwa 15-köpfigen Gefolge von DR, SED und Stasi die Berufsschule in Karl-Marx-Stadt besuchte, um in der mit ca. 200 Unterzeichnern übervollen Aula in einem einstündigen Monolog die Stillegung zu rechtfertigen, mußte auch ich mich mit den Tatsachen abfinden.

Nachdem am 10. August 1987 der letzte Abrißzug von Wolkenstein nach Oberschmiedeberg gefahren war, wurde hier die Zerstörung fortgesetzt, so daß von Wolkenstein keine Abbauzüge mehr starten konnten. Jetzt konnte der „Rückbau“ nur noch von Großrückerswalde aus erfolgen. Im Sommer beantragte Carsten Engel aus Steinbach bei der Rbd, den noch liegenden Abschnitt von Kilometer 10,5 bis 12,0 für Draisinenfahrten zu erhalten. Der Antrag wurde zwar von den lokalen Vertretern der „Massenorganisationen“ befürwortet, aber auch daraus wurde nichts. Im November 1987 kam es dort zum ersten Einsatz von Hubschraubern, die Gleisjoche und Brückenteile abtransportierten.

PK: Wie kam es dann zu Eurer Initiative für die Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn?

Im Herbst 1987 kamen bei Detlef und mir erste Gedanken auf, privat etwas zu erhalten. Dann ergab Eins das Andere. Fest stand, daß die Gleise in Großrückerswalde als letzte abgerissen würden. So kam schnell der Gedanke auf, hier etwas zu erhalten. Im Oktober 1987 trafen wir Peter Wunderwald von der IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff. Er orientierte uns auf einen Einsatz zur Erhaltung des Wasserstationsgebäudes Steinbach. Im ersten Halbjahr 1988 ermutigte er uns mehrfach, im Rahmen einer Interessengemeinschaft, etwas von unserer Strecke zu erhalten.

PK: Aber weshalb eine Gründung der Interessengemeinschaft im Kulturbund?

Da der DMV so dogmatisch wie die meisten Organisationen der DDR geführt und von der DR beeinflußt wurde und sich vor allem klar gegen die Erhaltung der Preßnitztalbahn verhielt, war der Kulturbund für uns die bessere Alternative. Mit Hilfe unseres Vaters, Peter Böttrich, damals Leiter des Großrückerswalder Dorfklubs und dem Mauersberger Ortschronisten Karl-Heinz Melzer, Mitglied im Kreiskulturbund, wurden die Aktivitäten konkret. Im Sommer 1988 erfolgten in Großrückerswalde und Mauersberg mehrere Gespräche, um die Bürgermeister für eine „Traditionsstätte Preßnitztalbahn“ zu gewinnen. Doch der „Rückbau“ ging immer weiter. Gespräche mit dem Leiter der Bahnmeisterei Annaberg brachten die Zusage, daß ein Teil der Gleise in Großrückerswalde zunächst nicht demontiert wird. Der Kreissekretär im Kulturbund bat den Präsidenten der Rbd Dresden schriftlich um den Erhalt von rund 100 Metern Gleis und um Überlassung der beiden Wagen des Rückbauzuges.

PK: Das war dann quasi der Anstoß zur Gründung der „Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn“?

Genau. Dazu entstand auf Vorschlag unseres Vaters eine Konzeption zur „Schaffung eines technischen Denkmals Preßnitztalbahn als sichtbares Zeugnis der Verkehrsgeschichte in diesem Gebiet“. Zur Gründung der IG Preßnitztalbahn am 17. Oktober 1988 im Sportlerheim Mauersberg waren wir 8 Mitglieder. Erster Leiter wurde Uwe Hillig aus Mauersberg. Da ich seit 1987 meinen Wehrdienst bei der NVA leistete, nahm mein Bruder vieles in die Hand und hielt die Sache am laufen.

PK: Damit waren aber noch keine großen Schritte möglich.

Nein, da der Abriß ja weiterging, waren unsere wichtigsten Ziele, daß die Gleise in Großrückerswalde bis Kilometer 6,1 erhalten bleiben und wir die Wagen des Abbauzuges bekommen könnten. Am 7. Dezember 1988 teilte die Rbd Dresden zwar mit, daß „ca. 100 m Gleis liegen bleiben“, die Wagen aber umgesetzt werden. Anfang 1989 wurde auch unser Bemühen um eine IV K abgewiesen. Mit der Begründung einer angeblichen Buswendeschleife am Bahnhof Großrückerswalde verschleppte auch die Gemeinde Mauersberg die Sache. So wurden wir von allen Seiten monatelang hingehalten. Bis zur Wende im Herbst 1989 war alles ungewiß. Ich bin überzeugt, daß hinter den Kulissen bis 1990 die Stasi ihre Hände im Spiel hatte, um uns zu zermürben und unser Anliegen um jeden Preis zu verhindern. Kurz vor der Wende waren wir auch nahe am Aufgeben.

PK: Doch dann kam die Wende. Was änderte sich dadurch für Euch?

In diesen turbulenten Wochen und der begeisternden Aufbruchstimmung erkannten wir unsere letzte Chance. Plötzlich ging alles ganz schnell: Anfang November 1989 bat ich alle uns bekannten Eisenbahnfreunde, uns mit Eingaben bei der Durchsetzung des Denkmalzuges zu unterstützen. Diese kamen und Herr Beck, Mitglied des Rates des Kreises Marienberg veranlaßte deshalb für den 28.11.1989 eine erneute Standortbegehung. Herr Weidig von der Rbd Dresden bot darauf am 5. Dezember an, den Abtransport der beiden Wagen am 8. Dezember abzusagen, wenn bis dahin der Kreis die Sache befürwortet. Die Zusage erfolgte und die Wagen blieben im Tal. Damit war ein wichtiges Ziel erreicht.

PK: Das Jahr 1990 wurde ja politisch sehr turbulent, erste freie Wahlen, Währungsunion und Anschluß an die Bundesrepublik. Mit diesem Jahr ist auch der Begriff „Gesamtwiederaufbau“ verbunden. War das Euer Ziel?

Erst mal war viel wichtiger, ein personelles Fundament zu schaffen. Deshalb führten wir am 27. Januar 1990 in Mauersberg eine Infoveranstaltung mit rund 140 Zuhörern durch. Danach konnten wir uns von 10 auf 22 Mitglieder vergrößern. Dieser Tag stellte die Weichen für die folgenden Monate. Hier gab es erste Gedanken eines Gesamtwiederaufbaus. In der Wendezeit schien alles möglich. Wenn ich mir als Sportler den Sieg nicht zum Ziel setze, kann ich keine Medaille gewinnen. Die nun regelmäßigen Arbeitseinsätze brachten den erhaltenen Teil des Bahnhofs Großrückerswalde in Ordnung. Am 13. Februar bekamen wir unsere ersten beiden Fahrzeuge offiziell übergeben. Im Februar erfuhren wir von Pfarrer Sippel aus Jöhstadt, daß wegen dem Bau eines weiteren Wohnblocks der Lokschuppen abgerissen werden soll.

Gemeinsam, aber besonders auf Druck des Pfarrers konnten wir das verhindern. Vor allem durch Jörg Höbald und Jochen Pursche wurden die Gedanken für einen Wiederaufbau immer konkreter. Im Februar mündeten diese in Eingaben an die DR und das Ministerium für Verkehrswesen. Die Wahlkampfzeit für die Volkskammer- und Kommunalwahlen im März und Mai nutzten wir dabei intensiv für unsere Interessen. Im April starteten wir mit zum Schluß etwa 8500 Unterzeichnern eine Aufsehen erregende Unterschriftenaktion für den Wiederaufbau. Diese erreichte im Mai ihren Höhepunkt mit unserem Infostand in Bertsdorf zur 100-Jahrfeier der Zittauer Schmalspurbahn. Dadurch und durch Presseberichte über unsere Aktivitäten wurden unsere Bemühungen überregional bekannt und unsere Mitgliederzahlen kletterten weiter nach oben.

PK: Mit der Übergabe des Bahnhofsgeländes in Jöhstadt im Juli an den Verein verschoben sich die Schwerpunkte dann aber dorthin.

Es war eine parallele Entwicklung. Im April beschlossen wir den Wechsel nach Jöhstadt mit dem Ziel des Wiederaufbaus der Strecke Jöhstadt-Schmalzgrube als Museumsbahn, ohne das realistischere Ziel der Traditionsstätte in Großrückerswalde aufzugeben. Anfang Juni fand eine Beratung zum Gesamtwiederaufbau mit Vertretern ansässiger Betriebe, der Anliegergemeinden, der IGP und der Mansfelder Bahn statt. Der neue Jöhstädter Bürgermeister Günter Baumann und sein Streckewalder Amtskollege waren klar für den Wiederaufbau. Es wurde eine Arbeitsgruppe aus Vertretern aller Gemeinden und der IGP geschaffen, die sich daraufhin regelmäßig traf. Im Juli und August organisierten wir dann zwei größere Arbeitswochenenden in Jöhstadt. Ab August forderte vor allem Kay Kreisel eine klare Distanzierung der Vereinsleitung von den Plänen zum Wiederaufbau der gesamten Strecke. Bis zur Jahreshauptversammlung im Oktober 1990 entwickelte sich eine sehr schwierige Lage. Ich befürchtete, daß sich der Verein spalten und viele Mitglieder ihr Engagement einstellen oder unsere Vorhaben ganz zerschlagen werden könnte.

PK: Die Hauptversammlung im Oktober 1990 brachte doch dann aber klare Verhältnisse und neuen Schwung in den Verein …

Die Ausrichtung auf ein klares Ziel war sicher richtig. Ich stehe aber heute noch hinter unserem Einsatz für den gesamten Wiederaufbau und hinter allen, die sich dafür eingesetzt haben. Erst dadurch konnten wir so schnell bekannt werden und viele Mitglieder gewinnen. Wir erreichten, daß große Teile der Bahntrasse erhalten blieben, die Voraussetzung, für den heutigen Wanderweg und den Aufbau der Museumsbahn. Und wenn sich im Aufbruchsjahr 1990 alle einig gewesen wären... !

PK: Wie lautet heute Dein Resümee über diese Zeit?

Mit dem Blick von 1988 ist weitaus mehr entstanden, als wir uns je hätten träumen lassen. Ich bin stolz auf das Erreichte. Es ist für mich stets eine große Freude, wenn ich mit meinem Sohn auf der Museumsbahn fahre und er in seiner kindlichen Begeisterung dabei singt. Auch für den Verein würde sich ein Kreis schließen, wenn am ehemaligen Bahnhof Großrückerswalde in würdiger Form darauf hingewiesen wird, daß hier der Ausgangspunkt der heutigen IG Preßnitztalbahn ist.

Ich möchte allen danken, die sich in irgendeiner Weise vor, während und nach der Wende für unsere Strecke eingesetzt haben und weiterhin einsetzen! Dem Verein wünsche ich viele ehrlich engagierte Mitstreiter, ein faires Miteinander der Eisenbahnvereine untereinender und daß „Unner Bahn´l“ noch lange weiter dampfen kann.

PK: Vielen Dank, Ralph, für das Gespräch und im Namen des Vereins auch für Euer Wirken, ohne das es den Verein heute (wahrscheinlich) nicht gäbe.

Mit Ralph Böttrich unterhielt sich Jörg Müller.


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