Das Interview: Wolfgang Schumacher

Am 22. November präsentierten Wolfgang Schumacher und Joachim Schmidt vor über 50 Vereinsmitgliedern der IG Preßnitztalbahn e.V. Fotos und Videos von der alten Preßnitztalbahn und weiteren interessanten Eisenbahnstrecken und Fahrzeugen. Wolfgang Schumacher, lange Jahre Chefredakteur u.a. beim „Eisenbahn-Kurier“ sowie später beim „Modelleisenbahner“, erzählte dabei in sehr persönlicher Weise von seiner Beziehung zur (alten) Preßnitztalbahn und dass sich mit seinem Besuch in Jöhstadt auch für ihn ein Kreis schließt. Für die Leser des „Preß´-Kurier“ haben wir noch einmal nachgefragt:

PK: Was war für Sie das auslösende Moment, sich mit den Schmalspurbahnen in der damaligen DDR und ganz besonders mit der Preßnitztalbahn zu beschäftigen?

W. Schumacher: Mit 11 Jahren bekam ich einige der berühmten Maedel-Bücher – u.a. „Liebe alte Bimmelbahn“. Und da gab es zahlreiche Bilder von den sächsischen Schmalspurbahnen und den IV K. Von da an träumte ich, eine solche Lok einmal in Aktion zu erleben.

PK: Für die DDR-Bürger war es bekanntermaßen fast grundsätzlich unmöglich, in den „Westen“ reisen zu können. Dass es auch für BRD-Bürger gar nicht so uneingeschränkt möglich war, in die DDR zu reisen, war weniger bekannt. Wie haben Sie es angestellt, in die DDR und zu den Schmalspurbahnen zu gelangen?

W. Schumacher: Als Minderjähriger gab es keine Möglichkeit, in die DDR zu reisen, wenn man keine Verwandten hatte. Ab 18 konnte man ohne Verwandtschaft nur als „Tourist“ über das „Reisebüro der DDR“ in die DDR fahren. Übernachtungen gab es nur in den Interhotels der jeweiligen Bezirke zu horrenden Preisen (natürlich in „West“), die man sich als Schüler/Student bzw. mit kleinem Einkommen nicht leisten konnte. Außerdem bekam man dann jeweils nur eine Aufenthaltsgenehmigung für den entsprechenden Bezirk. Ich habe mir dann auf dem Gymnasium eine Freundin gesucht, die nahe Verwandte in der DDR hatte. Das ist mir gelungen, die „Uma“ wohnte in Mulda und hatte viel Verständnis für den Eisenbahnfan, der wegen der Schmalspurbahnen in die DDR kommen wollte. Fuhr doch am dortigen „Waldhäusl“ jahrzehntelang das Bahnel nach Sayda vorbei. Ich wurde als „Großneffe“ eingeladen – es hat funktioniert. Die DDR-Behörden konnten oder wollten damals nicht nachprüfen, ob man wirklich verwandt war.

PK: Als Sie das erste Mal an der Preßnitztalbahn entlang fuhren, was empfanden Sie dabei?

W. Schumacher: Absolute Begeisterung. IV K-Güter- und Personenzüge auf einer der schönsten sächsischen Schmalspurbahnen. Ein Traum war in Erfüllung gegangen.

PK: Und was war geschehen, dass gerade die Preßnitztalbahn letztendlich Auslöser für Ihre nunmehr fast 35-jährige Tätigkeit als Eisenbahn-Journalist wurde?

W. Schumacher: 1977 hatte der Eisenbahn-Kurier ein Buch mit dem Titel „Eisenbahnen in Sachsen“ angekündigt. Das hatte ich gleich vorbestellt und dafür zwei Großformatdias von der Preßnitztalbahn eingesandt. Das Buch kam – mit Rechnung – und mit meinen Fotos auf Vorder- und Rücktitel. Honorar und Rücksendung der Bilder: Fehlanzeige. Damals arbeitete ich neben dem Studium in einem Freiburger Modellbahngeschäft, das auch öfters von den EK-Leuten aufgesucht wurde. Die habe ich dort zwei Jahre später getroffen und mich beschwert. Ich wurde daraufhin in den Verlag eingeladen. Als ich dort vorbeikam, hatte der einzige Redakteur gerade kurzfristig gekündigt und man fragte mich, ob ich einspringen möchte. Daraus wurden dann fast 14 Jahre.

PK: Sie waren nach 1975 zahlreiche Male im Preßnitztal mit dem Fotoapparat oder auch mit der Filmkamera unterwegs. Wie ist es Ihnen gelungen, solch detailreiche und stimmungsvolle Aufnahmen zu machen, da muss man schon ziemlich nah dabei sein?

W. Schumacher: Das lag zum einen daran, dass ich schon bei meinen Besuchen in Mulda „sächsch“ gelernt habe. Ich mochte den Dialekt sofort und diesen zu verstehen, war insbesondere abseits der Städte schon von Vorteil. Und dann lernte ich in Jöhstadt die Familie Morgenstern kennen, die unweit vom Bahnhof am Dürrenberg 117 wohnte. Arthur Morgenstern war damals Heizer bei der Preßnitztalbahn, sein Stammlokführer war Erdmann Vogel. Mit der Zeit fühlte ich mich (mit zwei Schweizer Freunden) bei Morgenstern fast schon wie zu Hause – und damit auch bei der Preßnitztalbahn.

PK: Wie haben Sie 1984 die Betriebseinstellung zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt und 1986 die vollständige Einstellung und den darauffolgenden Abbau aufgenommen (oder eventuell selbst erlebt)?

W. Schumacher: Ich war nach einem sehr unangenehmen Kontakt mit der Stasi (inklusive Verhör) nach 1983 bis zur Wende nur noch selten in der DDR. Aber mein langjähriger Freund und Kollege Joachim Schmidt erlebte die Entwicklung hautnah mit. Das machte mich schon sehr traurig – insbesondere, als er dann die Filmaufnahmen mit der Hubschrauber-Abbauaktion mitbrachte. Einmal war ich damals noch in Jöhstadt und bekam mit, dass sich alle gegen den Abbau wehrten. Aber die „rote Dame“ im Rathaus Jöhstadt wollte das Thema Preßnitztalbahn wohl ein für alle Mal erledigt haben. Und da kam man nicht gegen an. Der Bau des Wohnblocks auf dem Bahngelände war für mich dann endgültig das Zeichen dafür, dass der Bürgerwille aufs Gröbste ignoriert wurde. Aber ich empfand diese ganze Aktion um den Abbau der Bahn auch als ein kleines Mosaiksteinchen im sich anbahnenden Zerfall der DDR.

PK: Im Juni 1990 hatten sich Vereinsmitglieder der IG Preßnitztalbahn an Sie als damaligem Chefredakteur beim „Eisenbahn-Kurier“ gewandt und um eine Veröffentlichung eines Spendenaufrufes für den Wiederaufbau der Strecke gebeten. Ihre Antwort von damals „…Wiederaufbauprojekte können aus Kostengründen nicht funktionieren. Wer soll den Aufbau bezahlen, und auch ein Museums-/Touristikbahnbetrieb ist nie ohne Defizit zu betreiben, wie wir durch unser Engagement in diesem Bereich (Öchsle etc.) wissen.  … (…) es ist doch wirklich illusorisch zu glauben, dass der Wiederaufbau einer Schmalspurbahn in irgendeine Prioritätenliste aufgenommen wird. D.h., leider wird die Sache nicht zu finanzieren sein.“ stieß bei den Aktiven im Preßnitztal natürlich auf wenig Begeisterung. Es bewirkte aber vielleicht im Zusammenhang auch mit zahlreichen ähnlichen Äußerungen zu dem Projekt in der damaligen Zeit einen Motivationsschub im Sinne von: „Denen werden wir es zeigen!“ Wie bewerten Sie Ihre Einschätzung von vor 24 Jahren, wenn Sie die Anlagen der Museumsbahn heute anschauen?

W. Schumacher: Ich hatte damals ja schon Erfahrungen bei der Rettung des Öchsles Warthausen – Ochsenhausen und der Brohltalbahn sammeln können. Im Westen war es damals eine Herkulesaufgabe, bestehende Schmalspurbahnen (die letzten ihrer Art) vor dem Abbau zu retten. Die Politik begriff den Wert solcher Bahnen kaum, Geld gab es fast gar keines. Aus dieser Sicht dachten wir in der Eisenbahnszene, dass nach der Wende viele DR-Schmalspurbahnen von der Bildfläche verschwinden werden. Einen Wiederaufbau von abgebauten Strecken schloss eigentlich jeder aus – insbesondere in Sachsen, wo es ja noch einige Bahnen gab. Aber ich hätte es wissen müssen: Die Sachsen lassen sich nicht unterkriegen, sie haben einen starken Bezug zu ihrer Heimat – und es ist ein sehr fleißiges und engagiertes Völkchen. Was in Sachsen und insbesondere bei der Preßnitztalbahn in den letzten 25 Jahren in Sachen Dampfbahnen und lebendiger Tradition geleistet wurde, ist einfach bewundernswert. Hut ab! Ich hatte mich damals wirklich getäuscht, was mir im Nachhinein leid tut. Aber vielleicht hat mein Brief wirklich dafür gesorgt, dass es uns – mit großem Erfolg – „gezeigt“ wurde.

PK: Wie oft waren Sie seit 1990 bereits bei der neuen Preßnitztalbahn und werden Sie der Museumsbahn wieder einmal einen Besuch abstatten?

W. Schumacher: Ich muss gestehen: nur zwei Mal und das auch nur inkognito. Es war damals schon zu mir gedrungen, dass die Preß-Leute sauer auf mich waren. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, das mich ein wenig vom Preßnitztal fern hielt. Umso mehr hatte es mich gefreut, als mich Kay Kreisel bei einem Treffen auf Rügen zu einem Vortrag am 22. November nach Jöhstadt einlud. Zumal es inzwischen gelungen ist, 99 594 wieder nach Jöhstadt zu bringen. Diese Lok wollten mein Schweizer Freund und ich 1976 kaufen. Mangelnde Abstellmöglichkeiten im Westen ließen dieses Vorhaben damals scheitern. Jetzt ist sie wieder in ihrer letzten sächsischen Heimat, der Kreis ist geschlossen. Und nicht nur diese IV K wird in den nächsten Jahren einen Grund liefern, wieder öfter ins schöne Preßnitztal zu kommen.

Wir bedanken uns für das Interview und freuen uns, dass weitere Besuche in Sachsen nun nicht mehr unter Vortäuschung falscher Verwandtschaft und inkognito stattfinden müssen.
Jörg Müller


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