Über den hilflosen Versuch einer Streckenrettung:

Reisen wie zu Großmutters Zeiten – Die „Niederlausitzer Eisenbahn“

Fahrplanwechsel 2001 – Nach der deprimierenden Abschiedsfahrt von Wechselburg nach Rochlitz setze ich mich spätabends in mein Auto, um an diesem Wochenende wenigstens noch etwas Erfreuliches zu erleben. Mein Ziel ist die Niederlausitz, wo die Deutsche Regionaleisenbahn (DRE) morgen den Wochenendverkehr auf der „Niederlausitzer Eisenbahn“ aufnehmen will – vorerst, so ist dem Kursbuch zu entnehmen, zwischen Falkenberg und Groß Leuthen-Gröditsch.

In Gedanken stelle ich mir schon einen modernen Regionaltriebwagen vor, der mit 80 Stundenkilometer und mehr durch die Landschaft braust... Um Mitternacht erreiche ich die Touristenmetropole Lübben, und es gelingt mir tatsächlich, noch ein Zimmer zu bekommen. Viel Schlaf ist mir nicht vergönnt, denn 8.26 Uhr soll der erste Zug abfahren.

Schon auf dem Weg zum Südbahnhof überkommt mich am nächsten Morgen dann ein eigenartiges Gefühl, als ich die meterhoch wachsenden Gräser im Gleis, den abbruchreifen Lokschuppen und das sanierungsbedürftige Empfangsgebäude erblicke. Auf dem Bahnsteig weist nur ein kleiner Aushang auf die bevorstehende Streckeneröffnung hin, ansonsten erinnert mich hier vieles an den Bahnhof Gnoien anno 1994. Vor dem Lokschuppen steht ein schrottreif anmutender Triebwagen, von meinem Zug ist weit und breit noch nichts zu sehen, obwohl es schon 8 Uhr ist. Die Schranken im Bahnhofsbereich schließen sich und ich rechne damit, daß jeden Moment ein Regiosprinter, Talent oder ähnliches auftaucht – aber nichts dergleichen. Stattdessen setzt sich der Triebwagen, dem ich nicht einmal die Lauffähigkeit zugetraut hätte, in Bewegung, um nach kurzer Rangierfahrt an den Bahnsteig umzusetzen. Das Zugpersonal begrüßt mich freundlich und verkauft mir für rund 40 Mark die benötigten Fahrkarten für den ganzen Tag.

Etwas veralbert komme ich mir vor, als ich den nicht vollständig entfernten Weihnachtsschmuck im Innenraum entdecke. Der letzte Einsatz muß also schon ein halbes Jahr zurückliegen. Auch sonst wirkt die Ausstattung nicht sehr einladend: braune Sitzbezüge und orange Wandverkleidungen verbreiten den morbiden Charme der sechziger Jahre. Die Abfahrt erfolgt pünktlich, die Fahrt führt nun über endlose Felder und durch dichte Wälder. Bereits auf diesem Abschnitt fallen mir viele Langsamfahrtstellen auf. Nach einer halben Stunde haben wir den Endpunkt Groß Leuthen-Gröditsch erreicht.

Hier geschehen befremdliche Dinge. Der Lokführer kommt in den Fahrgastraum, öffnet eine Bodenklappe und beginnt, Teile des Getriebes mit einem Hammer zu bearbeiten. „Mistkarre“, so sein einziger, aber vielsagender Kommentar. Die vorgesehene Wendezeit reicht natürlich nicht aus, um das Fahrzeug wieder in Gang zu bekommen. Draußen sind die Reste des ehemals großzügigen Bahnhofsgeländes zu sehen. Bedrohlich wirken die beiden Rottweiler und ein Schäferhund, die in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes streunen. Mit zehn Minuten Verspätung setzen wir uns wieder in Bewegung, diesmal mit dem Ziel Falkenberg.

Was mich dann hinter Lübben erwartet, übertrifft alles bisher Erlebte. Sage und schreibe sieben (!) Bahnübergänge müssen vom Zugpersonal gesichert werden. Der Bahnhof Luckau darf nur mit zehn Stundenkilometern durchfahren werden, dahinter wurde zwar scheinbar an den Gleisen geflickt, doch habe ich selbst auf mancher Feldbahn einen besseren Oberbau erlebt. Auch die Geschwindigkeiten auf der restlichen Strecke sind nicht viel besser. Wir überfahren Brücken, bei denen ich mich frage, ob sie wohl die Rückfahrt überstehen werden. Leider stehen mir die Prüfprotokolle nicht zur Verfügung. An vielen Stellen frage ich mich, wie der Lokführer durch den hohen Bewuchs noch die Gleise sehen kann. Am liebsten möchte ich die Augen schließen.

Die Krönung sind jedoch vier Übergänge, bei denen das Zugpersonal erst einmal zur Spitzhacke greifen muß, um überhaupt weiterfahren zu können. Und so etwas im planmäßigen Betrieb! Durch diese Unterbrechung kommen wir reichlich fünfzig Minuten zu spät in Falkenberg an. Dort bleibt mir etwas Zeit, um den Triebwagen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die 45 Betriebsjahre auf seinem Buckel sind ihm deutlich anzusehen.

Die Roststellen ziehen sich wie ein Zierstreifen rund um das Fahrzeug – die ursprüngliche Lackierung ist stark verblichen und selbst der Schriftzug „Niederlausitzer Eisenbahn“ blättert schon ab. Ob das wohl auf den Zustand der Betreibergesellschaft schließen läßt? Nach den bisherigen Erlebnissen frage ich mich, wo die zuständige Bahnaufsicht bei der Erteilung der Betriebsgenehmigung ihre Augen hatte. Als ich beim abendlichen Spaziergang die letzte Zugankunft beobachte, haben übrigens noch immer der Lokführer und der Stellwerker von heute Morgen Dienst. Aber vermutlich hatten beide in den fast 14 Stunden eine längere Pause.

Am Montagmorgen heißt es dann Abschied nehmen. Bis zur Abfahrt meines Zuges habe ich noch etwas Zeit, die ich dazu nutze, um ein letztes Mal meinen Blick über die Gleisanlagen des Lübbener Südbahnhofes schweifen zu lassen. Was ich dort erblicke, läßt mich ungläubig meine Augen reiben. Plötzlich fühle ich mich in die frühen sechziger Jahre zurückversetzt: zwei Hbs-Güterwagen, gezogen vom Triebwagen, der nun eine beeindruckende Geräuschkulisse erzeugt. Unter Volllast und doch kaum mit Schrittgeschwindigkeit bewegt sich das Gespann in meine Richtung. Im Vorbeifahren schaue ich fragend zum Lokführer, der eine verschlissene Reichsbahnuniform trägt. Aus der geöffneten Tür ruft er mir schulterzuckend zu: „Was sollen wir machen? Es geht nicht anders.

Auf der Heimfahrt denke ich noch mal zurück an meine „Reise in die Vergangenheit. Meine Erwartungen, eine moderne Regionalstrecke vorzufinden, wurden jäh enttäuscht. Was die DRE hier anbietet, kann vielleicht einem eingefleischten Nostalgiefan zugemutet werden, aber auf keinen Fall durchschnittlichen Fahrgästen. Wer zügig zu den Schönheiten der Niederlausitz gelangen möchte, dem ist eher die Anreise mit der DB AG und mit dem Linienbus zu empfehlen. Vergleichen Sie selbst!

Jörg Poley


aktueller Preß'-Kurier | Artikel älterer Ausgaben