Deutsche 750-mm-Neubauloks als Reparationsgut für die Sowjetunion

Einzige reimportierte "Gr" bei Mansfelder Bergwerksbahn in Betrieb

I. Vorbemerkungen

Zwischen 1947 und 1954 wurden in Babelsberg insgesamt 425 vierachsige Schmalspurdampfloks mit Schlepptender für die Sowjetunion gebaut. Diese Lieferung war jedoch nur ein kleiner Teil der Lasten, die die östliche Siegermacht der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. jungen DDR nach dem Zweiten Weltkrieg aufbürdete. Ganze Betriebe produzierten fast ausschließlich nur für den Staat Stalins. Die Reichsbahn büßte Tausende Lokomotiven, Wagen und Schienenkilometer ein. Ganze Eisenbahnen wanderten hinter den Ural.

Grundlage für die Reparationslieferung von Neubau-Schmalspurloks mit 250 PS bildete der Befehl Nummer 120 der Sowjetischen Militäradministration Deutschland (SMAD).

II. Die Reihe "Gr"

1947 lieferte die Lokomotivfabrik in Babelsberg die erste Maschine der Reihe Gr. "Gr" stand dabei in kyrillischen Buchstaben für "Germanski Reparation".
Die mit "Gr 001" (in kyrillisch) beschriftete 750-mm-Lok wurde zunächst auf der Strecke Freital-Hainsberg Kurort Kipsdorf in der Reichsbahndirektion (Rbd) Dresden ergiebig erprobt.

Durch gute Kontakte der Landesbahnen Brandenburg zur SMAD blieb der D-Kuppler anschließend in Deutschland. Er wurde nach Glöwen umgesetzt, wo mit der Schmalspurlok die in 750-mm-Spurweite wiederaufgebaute Strecke nach Havelberg eröffnet wurde. (Die ursprüngliche Normalspurlinie zählte zu den Reparationsobjekten...)

Nach Übernahme der Prignitzer Kleinbahnstrecken durch die Deutsche Reichsbahn bekam "Gr 001" die Nummer 99 1401. Bis zur Ausmusterung im Jahre 1969 blieb die Schlepptenderlok in der Prignitz. Anschließend wurde die einzige in den Bestand der Deutschen Reichsbahn übergegangene Lokomotive dieses Typs verschrottet.

Doch 99 1401 war in der DDR kein Unikat. Das Mansfeld Kombinat erhielt 1954 aus einer der letzten Bauserien der Gr-Reihe zwei bauartgleiche Loks. Mit den Nummern 19 und 20 liefen die beiden Exoten auf deutschen Gleisen bis Ende der sechziger Jahre. Etwa 1969/1970 wanderten jedoch auch diese beiden Maschinen in den Schrott. Ende 1970 existierten damit keine der drei in der DDR verbliebenen Reparationsloks mehr.

In der Sowjetunion begann Mitte der siebziger Jahre die Reduzierung von Schmalspurstrecken. Dieser ging die Zerlegung fast aller der 422 gelieferten Reparationsloks einher. Im Jahre 1991 existierten schätzungsweise nur noch 11 Vertreter der Gr-Reihe. Davon waren viele schon auf Museumsbahnen eingesetzt oder fristeten bei Pioniereisenbahnen ihr Gnadenbrot. Die Zahl der aktuell vorhandenen Gr-Lokomotiven in Rußland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ist unbekannt. Einige Maschinen sind noch heute beispielsweise in der Ukraine im Einsatz.

III. Eine neue "Gr" für Mansfeld

Die Idee, eine "Gr" aus der ehemaligen Sowjetunion nach Klostermansfeld zu holen, entstand Anfang der neunziger Jahre am Biertisch. In Peter Klaus, einem estländischen Lokführer, fanden die Mitglieder der Mansfelder Bergwerksbahn e. V. (MBB) einen kompetenten Partner. Er hatte im Auftrag des estländischen Verkehrsmuseums Gr 319 und Gr 320 nach 1992 aus der Ukraine in die Baltenrepublik überführt. Dort erwarb der Bergwerksbahnverein im Sommer 1995 die schrottreife Gr 320. Ein Jahr später stand die Maschine nach langwierigen Verhandlungen und einem aufwendigen Transport in Benndorf/Klostermansfeld auf dem Hof.

Am 14. Dezember 1996 begann schließlich bei der Mansfelder Lokomotiv- und Wagenwerkstatt (MaLoWa) die Aufarbeitung der Lok. Die Frage, ob das Herzstück der Maschine, der Kessel, verwendbar sein würde, machte dabei anfangs große Sorgen. Doch im Frühjahr 1997 gab der TÜV grünes Licht, den Dampferzeuger aufzuarbeiten.

Zunächst widmeten sich die Vereinsfreunde und Beschäftigten der MaLoWa jedoch dem Fahrwerk. Als es im Sommer 1998 fertiggestellt werden konnte, begannen die Arbeiten am Kessel. Diese umfaßten die Erneuerung der Stehbolzen, den Tausch von 23 Bodennieten, den Neubau der Rauchkammer und aller Heizrohre sowie den Einbau des überholten Reglers.

Parallel zu den Kesselarbeiten übernahm eine zweite "Brigade" die Aufarbeitung des dreiachsigen Tenderfahrgestells und den Neubau der Wasser- und Kohlekästen. Zeichnungen waren bei den meisten dieser Arbeiten nicht notwendig, da die schrottreifen Originalteile zur Maßabnahme vorhanden waren.

Am 24. April 1999 setzte ein Kran den Kessel auf das Fahrwerk auf. Der Endspurt konnte beginnen. Dazu zählte der Nachbau des Führerhauses und die Verlegung vieler Leitungen und Rohre. Mehrere dieser "Restarbeiten" gestalteten sich dabei wesentlich komplizierter als gedacht. Dennoch war es im Mai 2000 soweit: Am 19. nahm der TÜV und am 24. Mai die Eisenbahnaufsichtsbehörde die Lokomotive mängelfrei ab.

Als Lok 20 (in Zweitbesetzung) steht die 1951 in Babelsberg gebaute Reparationslok jetzt für den Mansfelder Bergwerksbahn e. V. in Deutschland in Dienst. Ihre erste Bewährungsprobe hatte sie vom 27. Mai zum 4. Juni zu absolvieren. An diesen Tagen war sie zweifelslos der Star der Festwoche zur 120-Jahr-Feier der Manfelder Bergwerksbahn.

Thomas Fischer


zurück zum Preß'-Kurier | Artikel älterer Ausgaben