Resonanz zur neuen Themenreihe „Meilen- steine“ aus der Geschichte der Preßnitztalbahn

Zahlreiche Reaktionen von interessierten Lesern erreichten die PK-Redaktion zum Start der neuen Themenreihe, die sich mit prägenden Ereignissen aus der Geschichte der Preßnitztalbahn beschäftigen wird. Wie schon beschrieben, soll es quasi eine Reise über verschiedene Stationen werden und die aktive Mitarbeit, einschließlich kompletter Beiträge, ist dazu dringend gewünscht. Wenn besondere Ereignisse einer genaueren „Beleuchtung“ bedürfen, freut sich die Redaktion jedenfalls über entsprechende Hinweise auf solche noch unbeleuchteten Stellen.

Teil 2

13. Februar 1990 – Grundsteinlegung für den Fahrzeugpark der Preßnitztalbahn

Die IG Preßnitztalbahn e. V. kann heute einen beeindruckenden Fahrzeugpark vorweisen, neben fünf eigenen Dampf- und drei Diesellokomotiven gibt es einen umfangreichen und geradezu repräsentativen Bestand von Wagen unterschiedlichster Gattungen und Bauformen, die so in den 1970er und 1980er Jahren auf sächsischen Schmalspurbahnen anzutreffen waren. Es ist jedoch nicht der Anspruch des Vereins, jede Fahrzeuggattung, die jemals auf sächsischen Schmalspurgleisen gefahren ist, zu zeigen. Dies wäre auch maßlos und übertrieben, denn trotz der vermeintlichen Übersichtlichkeit an Fahrzeugtypen ist in der 135 Jahre währenden Geschichte der Schmalspurbahnen in Sachsen eine kaum noch zählbare Vielfalt an Fahrzeugen auf die Schienen gekommen.

Manches besondere Exemplar ist jedoch in der Sammlung der Museumsbahn und wird in einem späteren Teil der Themenreihe sicherlich noch gesondert unter die Lupe genommen. Doch für viele Interessierte stellt sich immer wieder eine Frage: Womit hat die Fahrzeugsammlung der IG Preßnitztalbahn ihren Ausgangspunkt genommen?

Stilllegung und Abtransport der Fahrzeuge

Über die schrittweise Einstellung des Reise- und Güterverkehrs der Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt ist anderweitig schon geschrieben worden, hier sei daher nur auf den „Endstand“ verwiesen: Mit dem Rückzug der Schmalspurbahn aus Jöhstadt und dem letzten Räumzug am 14. Januar 1984 wurde alles zur Weiternutzung bei der DR vorgesehene Rollmaterial abgefahren, die beiden auf dem Bahnhofsgelände noch verbliebenen GGw 97-12-41 und 97-13-10 wurden später im Rahmen einer Feuerwehrübung „entsorgt“. Der Kasten des in Steinbach am Empfangsgebäude seit 1977 als Bahnhofswagen genutzten Einheits-GGw 97-14-48 kam 1986 auf ein Privatgrundstück nach Annaberg-Buchholz.

Bevor auch der Abbau des Abschnittes Wolkenstein – Niederschmiedeberg begann, fand am 3. Dezember 1986 ebenfalls eine Räumfahrt statt, um den viele Jahre in Niederschmiedeberg abgestellten Einheitsgepäckwagen 974-365 abzuholen. Zuglok war 99 1561-2. Für den Streckenrückbau verblieben ein Sitzwagen (KB4tr 970-628), ein Zugführerwagen (KD4 974-331) sowie zwei Rungenwagen (HH 97-25-31 und 97-25-56) in Wolkenstein. Nachdem zum Jahresende 1986 mit 99 1561-2 die letzte Dampflok die Preßnitztalbahn verlassen hatte, übernahm die Ns4 der Gießerei Schmiedeberg (Weißeritztalbahn) auf Leihbasis den Verschub des Abbauzuges.

Durch den vom Bahnhof Wolkenstein aus beginnenden Rückbau der Gleise war die dortige Überladerampe nicht mehr erreichbar, so dass jeglicher Fahrzeug(ab)transport nur noch per Straßentieflader möglich war. Während der gleisseitige Rückbau der Anlagen mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen talwärts bis Großrückerswalde bis zum Sommer 1988 erfolgte, wurde zwischen Wolkenstein und Großrückerswalde überwiegend per Hand und über die Straße bzw. mittels Gleisjochabtranport per Hubschrauber abgerissen.

Nachdem ein weiterer Einsatz der Ns4 im Preßnitztal nicht mehr möglich war, kam die Diesellok 1989 per Straßentieflader zunächst nach Cranzahl, anschließend ins Raw Halle. In Wilischthal wechselte sie 1990 ins Eigentum der DR und erhielt die Betriebsnummer 199 008-4. Die beiden Flachwagen verließen Großrückerswalde ebenfalls per Lkw. Die Reichsbahn nutzte sie im Mügelner Netz weiter. Der Sitzwagen 970-628 und der Gepäckwagen 974-331 blieben hingegen in Großrückerswalde zurück.

Zeitenwende in Briefen sichtbar

Bekanntermaßen gab es bereits ab 1986/87 verschiedene Initiativen, die sich gegen den Abbau der Preßnitztalbahn richteten. Besonders die Brüder Ralph und Detlef Böttrich engagierten sich hier sehr intensiv und gründeten mit weiteren Gleichgesinnten am 17. Oktober 1988 auf Ratschlag von Peter Wunderwald (IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff) im Kulturbund der DDR die Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn. Bereits einen Monat früher, vom 15. September 1988, datiert ein erstes bekanntes Schreiben über die Kreisleitung des Kulturbundes in Marienberg an den Präsidenten der Rbd Dresden mit der Bitte um Überlassung der beiden Fahrzeuge. Die Antwort vom 1. Dezember 1988 beinhaltet die Ablehnung dieses Ansinnens und die Mitteilung, dass 970-628 nach Beendigung des Rückbaus „… seinen endgültigen Platz in der Ausstellung des Schmalspurmuseums Oberrittersgrün finden“ (wird) sowie der „Packwagen 974-331“ nach der – Zitat – „Rekonstruktion“ in Perleberg nach Mügeln umgesetzt werden soll. Aber: 100 m Schmalspurgleis sollen in Großrückerswalde „für den Zweck der Traditionspflege“ liegen bleiben.

Auf ein neuerliches Schreiben der nunmehr als IG Preßnitztalbahn firmierenden Ortsgruppe Mauersberg im Kulturbund vom 16. Dezember 1988 mit der Bitte, den abgelehnten Sachverhalt und auch die Verfügbarkeit eines nicht mehr benötigten Triebfahrzeugs der Gattung IV K noch einmal zu prüfen, wurde die Antwort vom 24. Januar 1989 des Vizepräsidenten Fahrzeuge der Rbd Dresden deutlich, in dem er „endgültig“ mitteilte, dass die Reichsbahn an der Mitteilung vom 1. Dezember 1988 festhalte und auch keine Fahrzeuge der BR 99 51-60 zur Ausmusterung vorgesehen seien. Dass der bereits erteilte Auftrag zur Umsetzung der Wagen offensichtlich nicht ausgeführt wurde, lag nicht an Gutmütigkeit seitens der DR. Denn die Rbd Dresden hatte sehr wohl andere Baustellen, als beim damaligen Überbestand an Gepäckwagen einen Wagen aus der Schmalspurbahn-Diaspora zu holen oder einem kommunalen Museum einmal schnell ein Museumsstück zukommen zu lassen. Für die Verladung der beiden Vierachser über die provisorische Rampe in Großrückerswalde benötigte die DR lange Tieflader. Doch daran mangelte es in der DDR. Spätestens wenige Tage nach dem Schreiben vom Januar 1989 waren diese beiden Wagen bei der Deutschen Reichsbahn wieder aus dem Sinn jeglicher Fahrzeugdisposition.

Das Jahr 1989 nahm seinen bekannten Verlauf, nach manipulierten Kommunalwahlen im Mai und dem Beginn der Abwanderung von Bürgern zunächst über Ungarn und Botschaften der Bundesrepublik u. a. in Prag demonstrierten im Herbst Tausende für Reformen und Veränderungen in der DDR. Der Spätherbst 1989 sah dann, wie sich ein Land komplett veränderte, der Dogmatismus in vielen Dingen zu bröckeln begann und sich in vielen Gebieten Chancen eröffneten.

Auch die Brüder Böttrich und ihre kleine Schar Mitstreiter in der Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn starteten neue Aktivitäten mit Unterschriftenlisten und Gesprächen mit Lokalpolitikern von Kommunen und vom Kreis. Ein Besuch am 5. Dezember 1989 bei der Rbd Dresden sowie Rückendeckung für diese Initiative von der Kreisverwaltung und der Gemeinde brachte die Wende. Eingedenk der Tatsachen, dass der Abtransport der Wagen ohnehin bis dahin nicht wie avisiert stattgefunden hatte und die gesellschaftliche Dynamik im Lande für jeden Funktionsträger zur persönlichen Existenzfrage werden konnte, signalisierte der gleiche Vizepräsident nicht einmal elf Monate später eine 180-Grad-Kehrtwende.

Im Schreiben vom 8. Dezember 1989 kündigte der Vizepräsident Fahrzeuge der Rbd Dresden an, dass die beiden Rückbauzug-Fahrzeuge „… (970/628 KB; 974/331 KD) dem Kulturbund Kreisleitung Marienberg und damit Ihnen als Interessengemeinschaft bis zum 15. 01. 1990 zum endgültigen Verbleib und zu Ihrer Nutzung zu übergeben …“ sind. Die nochmalige Nachfrage zur Überlassung einer Lok der sächsischen Gattung IV K beschied die Rbd Dresden erneut abschlägig, die Möglichkeit der Nutzung des Rbd-Archives wiederum ermöglichte die Kontaktaufnahme mit einem eisenbahnseitig sehr interessierten Archivar, dessen Arbeitsplatz in den folgenden Monaten zur Anlaufstelle vieler Eisenbahninteressierter werden sollte (aber das ist wieder eine andere Geschichte).

Juristisch betrachtet sind weder „Verbleib“ noch „Nutzung“ geeignet, Eigentum „endgültig“ zu begründen, aber diese heute gern strapazierten Weisheiten gehörten in einer Gesellschaft, die ohnehin nur vom vergesellschafteten Eigentum sprach, nicht zu den notwendigen Grundlagen einer Fahrzeugübergabe. Diese Erkenntnis mussten Jahre später noch zahlreiche Museen, Vereine und BSW-Gruppen in den neuen Bundesländern lernen, als damit Rückforderungen aus ihren Beständen begründet wurden.

Diese Spitzfindigkeiten blieben der Preßnitztalbahn glücklicherweise erspart, kam doch von der Deutschen Reichsbahn selber kurz vor Ablauf der selbstgesetzten Frist mit Schreiben vom 12. Januar 1990 die Mitteilung über die beabsichtigte Schenkung der beiden Wagen an die Interessengemeinschaft. Die kostenlose Übergabe der beiden Wagen könne damit unverzüglich erfolgen. Mit Übergabeprotokoll vom 13. Februar 1990 erfolgte der Eigentumsübergang der ersten beiden Schmalspurbahnfahrzeuge in den Bestand der Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn.

Grundstock des Fahrzeugparkes

In Großrückerswalde waren die Wagen nunmehr Beides: sichtbares Zeichen der alten abgebauten Schmalspurbahn und – für den, der dieses sehen wollte – ein Neuanfang. In mehreren Arbeitseinsätzen wirkte die IG-Mannschaft nicht nur dem Unkrautbewuchs auf den Gleisen entgegen, sondern rückte man auch den unzähligen Rostflecken auf der Beblechung der Wagen mit Rostschutzfarbe zu Leibe. Dass das Äußere der Wagen dadurch einen besonderen Camouflage-Effekt erhielt, kann man heute zu den besonderen Erkennungsmerkmalen für Fotos aus dieser Zeit nutzen.

Da sich nach der Übergabe des Lokschuppens in Jöhstadt im Sommer 1990 die Aktivitäten der Vereinsmitglieder auf den oberen Streckenabschnitt verlagerten, verfiel die ehemalige Station (nicht: der ehemalige Bahnhof?) Großrückerswalde wieder in einen Dornröschenschlaf. Bereits im August 1990 begannen die Vereinsmitglieder mit dem Aushub des Planums für ein Gleisstück vor dem Schuppenstand 3 in Jöhstadt, so dass schon im Herbst 1990 ausreichend Stellplatz verfügbar war, um die beiden Wagen in die Bergstadt zu holen.

Die formale Neugründung des Vereins Ende Oktober 1990 als eingetragener Verein mit einem neuen Vorstand sowie einer Korrektur vom bis dahin propagierten „Gesamtwiederaufbau“ zum Aufbau einer Museumsbahn zwischen Jöhstadt und Schmalzgrube mit Verlängerungsoption nach Steinbach führten zu einigen notwendigen Neuorganisationen in der gemeinsamen Arbeit, so dass die Umsetzung der Wagen nun erst für 1991 angestrebt wurde. Da ohnehin eine umfangreiche Bereinigung von Hinterlassenschaften der Nutzung des Lokschuppens als Lager für Sekundärrohstoffe und des Vorplatzes als allgemeiner Unratabladeplatz notwendig war, störten die beiden Wagen auch nicht bei den Arbeiten.

Zunächst sollte für den Transport der beiden Fahrzeuge von Großrückerswalde nach Jöhstadt die Kran- und Transportfirma MAXIMUM aus Chemnitz beauftragt werden. Nachdem auf deren Betreiben jedoch ein erster Termin verschoben wurde und auch der zweite Termin im April 1991 abgesagt werden sollte, beauftragte der Verein parallel die Firma Euromietkran in Chemnitz (was dazu führte, dass die IGP in der Folge den Großteil der Transporte mit dieser Firma bzw. ihren Nachfolgern ausführte).

Am 15. April 1991 – vor 25 Jahren – erfolgte die Überführung der beiden Reisezugwagen von Großrückerswalde nach Jöhstadt. Dieser Straßentransport kostete 3000 DM, eine für den jungen Verein enorme Summe. In einem Schreiben an das zuständige Vereinsregistergericht über die Vermögensverhältnisse des Vereins rund einen Monat später wurden diese insgesamt mit 6.500 DM angegeben, womit die IGP also rund ein Drittel des gesamten Vereinsvermögens für diesen Transport ausgegeben hatte. Dass darauffolgende Fahrzeugbeschaffungen ebenfalls allesamt per Kran und Tieflader erfolgen mussten, war zu diesem Zeitpunkt für alle offensichtlich, aber nur wenigen Vereinsmitgliedern waren die damit verbundenen Kosten bewusst.

Der Fahrzeugtransport am 15. April 1991 setzte damit erste sichtbare Zeichen für den Neuanfang der Eisenbahn in Jöhstadt. Und beide Wagen waren nicht zuletzt auch eine wesentliche Motivationsquelle für viele Vereinsmitglieder bei den Arbeitseinsätzen in Jöhstadt und außerhalb. Sowohl der Sitz- als auch der Gepäckwagen befinden sich selbstverständlich auch heute noch im Einsatzbestand der Preßnitztalbahn, wobei an beiden Fahrzeugen (zum Teil mehrfach) umfassende Aktivitäten zum Ersatz verschlissener Komponenten notwendig wurden, um sie langfristig zu erhalten.
Jörg Müller, (mit Hinweisen von Ralph Böttrich und André Marks)


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