Die Parkeisenbahn im Ferienland Crispendorf

I. Von der Wismut zum Ferienland

Etwa 10 km nordwestlich von Schleiz liegt - eingebettet im idyllischen Tal der Wisenta - das Ferienland Crispendorf. Dieses ca. 8 ha große Areal mit u.a. zwei Bettenhäusern, einer Gaststätte mit dem größten Saal der Region, Sportplatz und eigenem Freibad diente bis 1990 der Wismut Karl-Marx-Stadt als betriebseigenes Kinderferienlager. Das Gelände wurde über mehrere Jahrzehnte hinweg von einer nichtöffentlichen Pioniereisenbahn erschlossen, die in den Sommermonaten bis zu 1000 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren und 200 Betreuer (freigestellte Helfer aus den Wismutbetrieben und Studenten von pädagogischen Hochschulen) je Belegung zu befördern hatte.

Über die DDR-Vergangenheit dieser bis zum heutigen Tag unter Eisenbahnfreunden eher unbekannten 600-mm-Bahn ist relativ wenig bekannt. Nichtsdestotrotz kann der interessierte Leser in der Erstauflage des Buches „Pionier- und Ausstellungsbahnen“ (transpress-Verkehrsgeschichte, 1981) auf Seite 62 ein Bilddokument aus den ersten Betriebsjahren der Bahn finden - bemerkenswert: Dabei handelt es sich um eine alte Ansichtskarte! Bei der abgebildeten Maschine handelt es sich vermutlich um die erste Lok der Bahn: eine als Dampflok verkleidete Metallist Typ B 360, die später durch eine Grubenlok vom Typ B 330 ersetzt wurde. Diese bewährte sich aber nicht und wurde durch eine B 660 ersetzt. Die B 660 war nachweislich mindestens noch Anfang der achtziger Jahre eingesetzt. 1979 wurde diese Lokomotive von einer verkleideten EL 61 ersetzt, aber dazu später mehr.

Nach der politischen Wende wurden das Ferienlager und die Pioniereisenbahn von der Wismut aufgegeben und fielen in einen sechsjährigen Dornröschenschlaf. Im Jahr 1996 übernahmen Margit Märtin und Helmut Schroeder das zwischenzeitlich sehr verwahrloste und vom Vandalismus gezeichnete Objekt in private Hand und bauen es gemeinsam mit ihrem Team seit nunmehr neun Jahren wieder auf. Dazu gehört als besondere Attraktion auch die ehemalige Pioniereisenbahn.

Nach dem Freilegen und ersten Instandsetzungsarbeiten an der völlig zugewachsenen Strecke, der betriebsfähigen Herrichtung der einzigen vorhandenen Lok und einer Auffrischungskur für die Personenwagen konnte die Parkeisenbahn erstmals am 16. Oktober 1999 zum Hohenwarte-Stauseefest mit einer befristeten Genehmigung wieder auf große Fahrt gehen. Nach weiteren umfangreichen Instandsetzungs- und Sanierungsarbeiten - auch in den Folgejahren mit Unterstützung einiger Eisenbahnfreunde und von Mitgliedern der Dresdner Parkeisenbahn - erteilte der Landesbevollmächtigte für Bahnaufsicht am 24. August 2000 die endgültige Genehmigung für die Aufnahme des Betriebes der Parkeisenbahn Ferienland Crispendorf (PEC).

II. Aktueller Fahrzeugpark

Zu den ersten Fahrten nach der Wiedereröffnung kam - wie in den letzten Jahren der Wismut-Zeit auch - die Akkumulatorenlokomotive „EA 44-01“ zum Einsatz. Diese Lok kann eine interessante Geschichte aufweisen. Für die 1975 eröffnete Pioniereisenbahn übernahm die Stadt Gera von der Wismut AG Aue, Werk für Bergwerksausrüstung, eine Gelenklok der Bauart EL 61. Der VEB Kraftfahrzeuginstandsetzungswerk Gera baute diese Lokomotive für die Geraer Bahn um und gab ihr - vor allem durch den geschlossenen Mittelführerstand - ein entfernt an die DR-V100 erinnerndes Aussehen. Am 6. September 1975 nahm die Geraer Pioniereisenbahn mit der nun als „EA 44-01“ bezeichneten Lok ihren Betrieb auf - in den darauffolgenden zwei Jahren bestritt sie den Gesamtverkehr auf der 600-mm-Bahn durch den Martinsgrund.

Die Akkulok stieß jedoch rasch an ihre Leistungsgrenzen - nicht zuletzt aufgrund des rasant zunehmenden Publikumsverkehrs, so daß der Rat der Stadt Gera 1977 eine Lok von den Jenaer Glaswerken und zwei Jahre später weitere zwei Diesellokomotiven vom Typ BN 60 H aus Berlin erwarb. 1978 wurde die „EA 44-01“ außer Dienst gestellt und 1979 an das Wismut-Kinderferienlager Crispendorf abgegeben, wo sie fortan im Einsatz stand - und seit 1999 wieder steht. Im Jahr 2000 erfolgte eine umfangreiche Hauptuntersuchung, seitdem steht „EA 44-01“ mit ihrer neuen, roten Lackierung - vorher trug sie eine orange Farbgebung - für den Betrieb durch das Ferienland Crispendorf wieder zur Verfügung.

Ergänzend sollte noch erwähnt werden, daß die Geraer Parkeisenbahn unterdessen über eine neue Akkulok mit der Bezeichnung „EA 44-02“ verfügt. Dabei handelt es sich um den Umbau einer 1997 gekauften Grubenlok vom Typ B 660, die in ihren technischen Daten der ersten - heutigen Crispendorfer - Akkulokomotive entspricht und auch äußerlich deutlich an sie erinnert. Für den Parkbahnbetrieb in Crispendorf stehen drei zweiachsige Personenwagen mit jeweils acht Sitzplätzen zur Verfügung. Alle drei Wagen sind in einfacher Bauweise überdacht - mit einem Welldach aus Kunststoff, das auf einem Metallgestell montiert ist. Zum Fuhrpark gehören außerdem eine Kipplore, ein Kranwagen, zwei große und ein kleiner Grubenhunt, ein Kesselwagen, ein zweiteiliger Langholzwagen und je ein Flachwagen mit und ohne Rungen.

III. Die Strecke

Die Strecke der Crispendorfer Parkeisenbahn verläuft eingleisig durch große Teile des Objektes und verbindet das Freibad am südlichen Endpunkt mit der Gaststätte in der Streckenmitte und dem Sportplatz im nördlichen Teil des Geländes. An beiden Streckenenden wenden die Züge in Kehrschleifen. Die Gleislänge beträgt insgesamt 1405 m, bei einer Rundfahrt legen die Züge 2137 m zurück.

Vergleichsweise bescheiden war der Fahrbetrieb in den ersten Betriebsjahren, damals wurde lediglich ein Oval im Bereich der heutigen südlichen Wendeschleife befahren. Dort befindet sich heute mit dem zweigleisigen Lokschuppen das einzige feste Gebäude der Bahn. An den Lokschuppen ist der Bahnsteig des Bahnhofs „Ferienland Hauptbahnhof“ angebaut. Extra für die Bedienung dieses Bahnhofes - was derzeit nur im Bedarfsfall geschieht - verfügen die Personenwagen auf einer Einstiegsseite über „Blumenbretter“, um den Spalt zwischen Wagen und Hochbahnsteig zu überbrücken.

Der Ein- und Ausstieg der Fahrgäste erfolgt in der Regel am „Bahnhof Festwiese“ - in Höhe der Gaststätte, wo im Jahr 2004 ein zusätzliches Ausweichgleis gebaut wurde. Rund 150 m nach dem „Bf Festwiese“ wechselt das Streckengleis von der westlichen auf die östliche Talseite. Im folgenden Streckenverlauf wird nach mehreren hundert Metern der ehemalige Haltepunkt am Sportplatz passiert, bevor die Züge kurz darauf in die nördliche Wendeschleife einfahren. Gegenwärtig sind weder „Ferienland Hbf“ noch der „Bf Festwiese“ signaltechnisch gesichert - was aufgrund des ohnehin planmäßigen Einzugbetriebes auch nicht notwendig ist.

Im Oktober 2004 bekam der Fuhrpark der Ferienlandeisenbahn Crispendorf Zuwachs durch eine Grubenlok B 330, mit der es möglich sein wird, mit den vorhandenen Güterwagen bei Veranstaltungen und anderen Anlässen einen Fotozug fahren zu lassen. Des weiteren ist geplant, den „Bf Festwiese“ mit Formsignalen auszustatten. Für diesen Zweck wurden bereits zwei Fahrleitungsmasten an der ehemaligen Kleinbahnstrecke Schleiz - Saalburg geborgen. Weiterhin ist angedacht, perspektivisch einen im Bereich der nördlichen Wendeschleife künstlich angelegten - ebenerdig gebauten - Besucherstollen als Tunnel auszubauen und das Streckengleis dort hindurchzuführen.

IV. Kontakt

Da es sich bei der Parkeisenbahn Crispendorf um eine nichtöffentliche Bahn handelt, fahren die kleinen Züge in der Regel nur bei vorliegender Bestellung bzw. an jedem zweiten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. Deshalb wird vor einer Anreise in das Wisentatal empfohlen, sich vorher telefonisch unter 03663/410867 oder per E-Mail (ferienland-crispendorf@t-online.de) beim Ferienland-Team zu erkundigen, ob die Bahn am gewünschten Tag fährt. Das Ferienland bietet weitere vielfältige Freizeit- und selbstverständlich auch Übernachtungsmöglichkeiten zu preiswerten Konditionen, so daß auch ein mehrtägiger Familienausflug zum Erlebnis werden kann.
www.ferienlandcrispendorf.de

V. Veranstaltungshinweis

Schon zum dritten Mal findet am 6. und 7. August 2005 das Kinderfest im Ferienland Crispendorf statt. Die Ferienlandeisenbahn fährt an diesem Wochenende mit beiden Zügen nach dem Vorbild der Dresdner Parkeisenbahn. Kinder und Jugendliche dieser Einrichtung führen an diesem Wochenende den Eisenbahnbetrieb nach den Vorschriften der Fahrdienstvorschrift für Nichtbundeseigene Eisenbahnen (FV-NE) durch. Neben dem Eisenbahnbetrieb werden noch viele andere Aktivitäten angeboten.

Guido Wranik/Thomas Bitter


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