Von Räubern, Bögen und schmalen Gleisen

Die Schmalspurbahn Tremešná – Osoblaha (Röwersdorf – Hotzenplotz)

Nicht weit von Krnov (Jägerndorf) an den Ausläufern der Ostsudeten und fast vollständig umgeben von heute polnischem Staatsgebiet befindet sich im Nordosten der Tschechischen Republik die Region „Osoblažsko“ – eine hügelige Landschaft mit kleinen Ortschaften, Schlössern und viel Ruhe. Es scheint fast, als sei hier die Zeit ein wenig stehengeblieben. Vielfach stößt man in dieser Gegend auf alte Kruzifixe, gestiftet von früher hier einheimischen Familien und versehen mit deutschen Inschriften. Osoblaha, Namensgeber der Region, ist der größte Ort in dieser Gegend und der deutsche Name der Stadt, Hotzenplotz, war dem Schriftsteller Ottfried Preußler eine Inspiration zur Benennung seines weithin bekannten Räuberhauptmannes. Und bereits seit über 110 Jahren – seit 1898 – erschließt eine Schmalspurbahn mit 760 mm Spurweite die Dörfer und Städte in der Region und verschafft ihnen den Anschluss an die weite Welt.

In den hintersten Zipfel des Landes

Ihren Ausgang nimmt die Strecke in Tremešná ve Slezsku (Röwersdorf), das an der Normalspurstrecke von Krnov nach Jeseník (Freiwaldau) liegt. Der Bahnsteig der Schmalspurbahn befindet sich auf der anderen Seite des Empfangsgebäudes. Rechterhand sind umfangreiche Gleisanlagen angeordnet, auf denen Fahrzeuge abgestellt sind. Auch ein Lokschuppen ist vorhanden, er beherbergt die Lokomotiven der „Slezské zemské dráhy“ (Schlesische Landesbahnen/SZD), die im Sommer Nostalgiefahrten anbietet. Die Rollbockgrube ist ungenutzt, für das Verladen von Fahrzeugen gibt es eine kleine Rampe.

Zunächst verläuft die Schmalspurstrecke in leichtem Gefälle in Sichtweite der Normalspurstrecke immer oberhalb der Ortslage von Tremešná, die von der Pfarrkirche St. Florian dominiert wird. Nach der Durchfahrt eines Rechtsbogens überquert die Trasse auf einer Brücke eine Dorfstraße und kreuzt dann die Durchgangsstraße 57. Beständig an Höhe gewinnend, verlaufen die Straße nach Liptan (Liebenthal) und die Eisenbahn in Sichtweite zueinander. Der nächste, nicht nur am Singen der Kurve deutlich vernehmbare Gleisbogen ist mit einem Radius von 75 Metern der engste im gesamten Streckenverlauf und in der Tschechischen Republik auf öffentlich befahrbaren Linien überhaupt.

Schon ist der Scheitelpunkt der Schmalspurbahn erklommen, die Kirche von Liptan kommt in Sicht. Doch die Lokalbahn umfährt den kleinen Ort zunächst, bevor sie ausgangs eines Linksbogens mittels einer Brücke die Straße nach Horní Povelice (Ober Paulowitz) quert und den Bahnhof erreicht, dessen Gleisanlagen sich mit einem Nebengleis und zwei Weichen jedoch bescheiden ausnehmen. Das Trassee führt nun in Richtung Nordosten, jedoch stets in Bögen verlaufend. Zunächst noch freies Feld passierend, ist bald ein Waldstück erreicht, an dessen Saume sich die Schmalspurbahn entlang windet, um dann einen kleinen Bach zu überqueren und sich danach gen Südosten zu wenden. Nach einer kurzen Steigung und dem Verlassen des Waldes ist der idyllische Haltepunkt Divcí Hrad (Maidelburg) erreicht. Die Station befindet sich weit außerhalb des Ortes und des Schlosses und weist außer einem Unterstand keine weiteren Anlagen auf.

Die Trasse führt nun fast ohne Bögen zum Haltepunkt Horní Povelice. Ein massives, jedoch im schlechten Zustand befindliches Bahnhofsgebäude bildet seit August 2008 alles an Anlagen, zuvor konnte sich die Station des kürzesten Ausweichgleises in der Tschechischen Republik rühmen, das eine Nutzlänge für gerade einmal einen Waggon aufwies. Nach einem Bahnübergang beginnt wieder ein bogenreicher Abschnitt, die Sicht geht weit in das Land hinein. Die nächste Ortschaft, Amalín (Amalienhof) ist schon erkennbar, doch wendet sich die Strecke zunächst von ihr weg und erst nach einem weiten Bogen kommt der Zug unmittelbar am Ortsrand in einem Haltepunkt zum Stehen. Die hölzerne Wartehalle ist erkennbar älteren Datums und bietet dennoch zuverlässigen Schutz vor Wetterunbilden. Von Amalín aus ist das nächste Ziel bereits sichtbar, ist doch die Kirche von Slezske Rudoltice (Roßwald) eine bedeutende Landmarke.

Nur eineinhalb Kilometer trennen die beiden Betriebsstellen voneinander, in einem Bogen führt die Strecke etwas näher an den Ort heran, dennoch liegt der Bahnhof fast auf freiem Felde. Vor der Einfahrt in die Station ist auf einer Anhöhe die kleine Kapelle Rusín erkennbar. Ein Ausweichgleis mit sich anschließendem Abstellgleis sowie ein Empfangsgebäude bilden die Anlagen der Betriebsstelle in Streckenmitte. Wiederum mit einem Linksbogen führt das Trassee in leichtem Gefälle zunächst weiter über Felder, erreicht dann einen kleinen Wald und windet sich in diesem in mehreren Bögen in den Talgrund, wo sich die Station Koberno (Kowarno) befindet. Im weiteren Streckenverlauf nähert sich die Strecke dem Flüsschen Osoblaha und verläuft stets in Sichtweite des Gewässers. Rechts ist für einen kurzen Moment die Eichenmühle (Dubský mlýn) zu erkennen, bis 1972 bestand hier auch ein eigener Haltepunkt. In einem weiten Bogen geht es durch den Wald bis eine Lichtung erreicht ist, über der rechterhand die Burgruine Fulštejn (Füllstein) thront.

Auf der linken Seite fällt der Blick auf einen Badesee und eine Ferienhaussiedlung, bevor der Bahnhof von Bohušov (Gottfriedsdorf bzw. Füllstein) erreicht wird. Hier hat sich scheinbar seit der Betriebseröffnung nicht viel verändert, die Gleisanlagen entsprechen denen von Slezské Rudoltice und das Ensemble aus Empfangsgebäude und Güterschuppen ist eines der bekanntesten Motive der Strecke. Nun verbleiben noch dreieinhalb Kilometer bis zum Endpunkt der Strecke. Durch überwiegend ebenes Gelände führt die Bahn noch entlang der Ortslage und der Osoblaha. Nach zirka zwei Kilometern ist auf der rechten Seite eine Baumreihe zu sehen, hinter der sich ein kleines Dorf versteckt. Diese Ortschaft liegt bereits in Polen, vom Zug aus sind die Grenzsteine deutlich erkennbar. Die polnisch-tschechische Grenze begleitet uns noch bis zum Endbahnhof in Osoblaha, der außerhalb des Ortskerns liegt. Unsere Reise endet hier, ein zweiständiger Lokschuppen und einige Abstellgleise sind vorhanden. Auf ihnen stehen nicht benötigte Reisezugwagen.

Eine Lok, ein Wagen – ein Zug

Für deutsche Schmalspurfreunde mögen die Regelzüge auf der Schmalspurbahn nach Hotzenplotz langweilig wirken, bestehen sie doch lediglich aus einer Lok der Reihe 705.9 (ex T47.0) und einem Reisezugwagen der Gattung Btu590.

Vorhanden sind die Lokomotiven 705.913, 914 und 917, wobei lediglich die ersten beiden noch zum Einsatz kommen und letztere als Ersatzteilspender dient. Im Februar 2014 kam 705.916 ins Eisenbahnmuseum nach Lužná u Rakovníka, wo sie seitdem als Ausstellungsobjekt dient. Vorrangig zum Einsatz kommt die 913, die im Zuge einer Rekonstruktion im Jahre 2010 eine neue Antriebsanlage und modernisierte Führerstände erhielt. Damit konnte der Treibstoffverbrauch fast um die Hälfte reduziert werden, was der Wirtschaftlichkeit des Betriebes zugute kommt. Alle Diesellokomotiven sind 1958 gebaut und befinden sich seit ihrer Inbetriebnahme in Osoblaha. Neben dem Motorraum und den beiden Führerständen verfügen die Maschinen auch über einen Gepäckraum für Traglasten. Anders als bei den südböhmischen JHMD in Jindrichuv Hradec (Neuhaus) tragen alle Triebfahrzeuge in Osoblaha den gleichen dunkelroten Lack mit dem charakteristischen spitz zulaufenden weißen Streifen auf der Front.

Von den einst neun nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten tschechischen Personenwagen, deren Bezeichnung und Nummerierung sich mehrfach änderte, sind heute noch sechs vorhanden, die derzeit Nummern ab 901 tragen und außerdem nach UIC-Norm beschriftet sind. Für den täglichen Turnus ist lediglich ein Wagen vonnöten, ein zweiter wird bedarfsweise zur Verstärkung genutzt, falls Ausflugsverkehr oder Gruppenanmeldungen dies erfordern. Im Sommer gelangen zwei Btu590 auch regelmäßig in den Sonderzügen der SZD zum Einsatz. Die übrigen beiden Wagen sind ohne Fristen abgestellt und dürften wohl nicht mehr eingesetzt werden. Vorgesehen ist, dass vorrangig der Wagen 901 eingesetzt wird. Im Rahmen einer Modernisierung erhielt er ein optisches und akustisches Fahrgastinformationssystem, ein neues Heizungssystem sowie eine optische Auffrischung des Innenraums. Diese Arbeiten führte die Werkstatt der JHMD im Auftrag der Tschechischen Bahnen (Ceské Dráhy, CD), dem Betreiber der Strecke, im Jahre 2011 aus. Die übrigen Personenwagen sind unmodernisiert und werden es aus wirtschaftlichen Gründen auch bleiben. Zu erwähnen ist, dass der einzige modernisierte Wagen eine Art Retrolack besitzt, er trägt ein crèmefarbenes Fensterband und eine altrote Grundlackierung. Die Standardlackierung ist fast gänzlich umgekehrt. Fahrzeuge für den Güterverkehr sind keine mehr vorhanden, für Streckenkontrollfahrten ist in Tremešná ein Schienenkraftwagen (MUV) stationiert.

Der Bahnhof Osoblaha bildet eine eigene Einsatzstelle des CD-Lokdepots Olomouc (Olmütz). Vier Lokführer teilen sich den Dienst auf der Strecke das ganze Jahr hindurch, die Schaffner sind auch auf anderen Strecken unterwegs.

Die Lokomotiven der Sonderzüge

Die Fahrzeuge der Schlesischen Landesbahnen (SZD) sind hingegen in Tremešná stationiert. Für die Triebfahrzeuge gibt es seit 2008 einen Lokschuppen, der damit 110 Jahre jünger als sein Pendant in Osoblaha ist. Ansprüche an historische Korrektheit sollte man an die Zugverbände der SZD nicht stellen. Neben einem Generatorwagen, der aus einem ehemals dem Güterverkehr dienenden Bremswagen entstand, handelt es sich vorwiegend um Wagen rumänischen Ursprungs, die teilweise über 100 Jahre alt sind. Außerdem sind Aussichtswagen in die Züge eingereiht, dazu je ein Wagen, um das tschechische Nationalgetränk anzubieten – so genannte pivní vagon (Bierwagen). Auch an Fahrradtouristen ist gedacht, der Fahrradwagen ist vermutlich oberschlesischen Ursprungs und wurde für den neuen Einsatzzweck entsprechend umgespurt und umgerüstet. Für die Traktion der Züge der SZD sind eine Diesellok und zwei Dampflokomotiven vorhanden. Bei einer davon handelt es sich um die U57.001, eine 1949 von Škoda in Pilsen für eine bosnische Waldeisenbahn gebaute fünfachsige Schlepptenderdampflok. Nach ihrer Außerdienststellung erwarb sie 1989 der österreichische Verein „Club 760“ und ließ sie 2008/09 betriebsfähig aufarbeiten. Gemäß einer Vereinbarung zwischen dem Club 760 und den SZD kommt sie langfristig auf der Hotzenplotzer Schmalspurbahn zum Einsatz. Seit der Saison 2009 ist sie planmäßig vor den Dampfzügen auf der Strecke anzutreffen.

Bei der zweiten Dampflokomotive handelte es sich um eine 1958 in Rumänien gebaute vierachsige Waldbahnlok, die bis 1992 in den Karpaten genutzt wurde. Nach einer Zeit als Ersatzteilspender erwarben die SZD die Maschine und ließen sie bei der Firma OLPAS Moravia in Krnov betriebsfähig aufarbeiten. Seit 2004 ist sie als U46.002 vor den touristischen Sonderzügen im Einsatz. Die Diesellokomotive der SZD ist ebenfalls rumänischen Ursprungs. Die Lokomotivfabrik „23. August“ Bukarest lieferte sie einst nach Polen, wo sie bis 2003 in der Zuckerfabrik Kruszwica im Einsatz war. Im Jahr 2005 erwarben sie die SZD und ließen sie bei der Firma OLPAS Moravia aufarbeiten. Sie kommt seit Juni 2006 auf der Schmalspurbahn in „Mährisch Schlesien“ zum Einsatz und führt in der Nebensaison einige Züge.
Martin Junge

(Fortsetzung folgt)


Die Schmalspurbahn Tremešná – Osoblaha (Röwersdorf – Hotzenplotz)

Teil 2

Das Zugangebot auf der im Teil 1 beschriebenen Strecke von Tremešná nach Osoblaha ist übersichtlich geworden. An Schultagen verkehren immerhin noch fünf, in den Schulferien sowie am Sonnabend vier und sonntags sogar nur drei Zugpaare auf der Linie. Dieses Fahrplanangebot, das einen Vierstundentakt vorsieht, gibt es seit Dezember 2008, als einige Zugpaare abbestellt wurden und seitdem nur noch eine Zuggarnitur zum Einsatz kommt. Lediglich in den Sommermonaten ist auch der bereits erwähnte Zug der Schlesischen Landesbahnen (SZD) unterwegs, der in Slezské Rudoltice (Roßwald) den Planzug kreuzt, jedoch nach eigenem Tarif verkehrt. In Tremešná besteht jeweils ein kurzer Übergang von und nach Krnov (Jägerndorf). Die Züge der Schmalspurbahn sind auf die Eilzüge ausgerichtet, trotzdem es auch noch Nahverkehrszüge gibt, die bedeutend häufiger fahren. Reist man aus Richtung Jeseník (Freiwaldau) an, entstehen längere Übergangszeiten.

Der Betrieb wird nach dem vereinfachten Nebenbahndienst durchgeführt, der Streckendispatcher hat seinen Sitz in Krnov. Die Sicherungstechnik beschränkt sich auf Trapeztafeln an den Bahnhofseinfahrten und einen einzigen gesicherten Bahnübergang. Die tschechische Eisenbahn zeigt sich hier nicht von ihrer spendabelsten Seite. Kennt man aus der Tschechischen Republik ansonsten vorwiegend gepflegte und besetzte Bahnhöfe, zählt die Kursbuchstrecke 298 zu den Ausnahmen. Es sind alle Bahnhöfe unbesetzt und die Anlagen wirken, mit wenigen Ausnahmen, ungepflegt. Insbesondere die ungenutzten Bahnhofsgebäude von Horní Povelice (Ober Paulowitz) und Koberno (Kawarn) sind wenig einladend.

Einzige Kontaktperson für die Fahrgäste ist der Zugschaffner, der unter anderem für die Abfertigung der Züge und den Fahrkartenverkauf zuständig ist. Tariflich gibt es auf der Schmalspurbahn keine Besonderheiten, es gelten ausnahmslos alle Fahrkarten aus dem Sortiment der Tschechischen Bahnen (CD) und auch das Lösen von Fahrkarten einmal quer durch die Republik stellt kein Problem dar. Die einfache Fahrt kostet gegenwärtig 35 Kronen (ca. 1,25 Euro), die Rückfahrkarte ist geringfügig ermäßigt. Es gibt attraktive Gruppenfahrkarten und darüber hinaus für die einzelnen Bezirke und auch das Gesamtnetz der CD Tageskarten.

Künstlich verlängert?

Vielfach wird behauptet, dass die Eisenbahntrasse zwischen den beiden Städten aufgrund eines Gesetzes, nach dem nur Strecken über 20 Kilometer Länge genehmigt worden wären, künstlich verlängert werden musste. Die Luftlinie beträgt von Tremešná ve Slezsku bis Osoblaha 15 Kilometer, die Bahnstrecke misst jedoch knapp über 20 Kilometer. Diese moderne Sage ist jedoch nicht haltbar, denn in den Jahren des Bahnbaus sind in Österreich-Ungarn andere Strecken entstanden, die deutlich kürzer sind als diese Schmalspurbahn. Schon seit 1872 existierten Planungen für einen Anschluss von Hotzenplotz an das Eisenbahnnetz, hauptsächlich vorangetrieben durch die örtliche Zuckerfabrik. Diese wünschte sich einen Anschluss nach Neustadt in Oberschlesien (ab 1945 Prudnik), ein Vorhaben, dass die Regierung in Wien wegen der Grenzquerung ablehnte. Daraufhin projektierten die k. k. österreichischen Staatsbahnen (k.k.St.B.) eine regelspurige Lokalbahn, die im Wesentlichen dem dann ausgeführten Bau entspricht, ihren Ausgangspunkt jedoch in Olbersdorf (Mesto Albrechtice) nehmen sollte. Zur Kostenersparnis veränderten die k.k.St.B. später diese Planungen zugunsten eines Anschlussbahnhofes in Röwersdorf und der bosnischen Spurweite von 760 mm. Die Zuckerfabrik in Hotzenplotz konnte so durch die Zuckerrüben entlang der Bahnlinie versorgt werden, anderweitiger Güterverkehr fand mittels Rollböcken statt. Die bogenreiche Trassierung hat ihren Ursprung im Gedanken, einerseits möglichst viele Orte an die Eisenbahn anzubinden, vor allem aber in der Absicht, auf Kunstbauten wie Dämme, Einschnitte und Brücken möglichst zu verzichten, um die Baukosten so gering wie möglich zu halten.

Am 14. Dezember 1898 eröffneten die k.k.St.B. den Verkehr auf der Lokalbahn. Für den Betrieb standen anfangs die Lokomotiven U.13 bis U.15 der österreichischen Type U sowie zweiachsige Güter- und Reisezugwagen zur Verfügung. Im Ersten Weltkrieg kam für die an die Front abgegebene U.15 ersatzweise eine Dampflokomotive der österreichischen Type A zum Einsatz, die die CSD später innerhalb der Reihe U25.0 führten. Das Zugangebot beschränkte sich im Winterfahrplan 1918/19 auf zwei Zugpaare täglich.

Nach Bildung der Tschechoslowakei begann schon früh die Verdieselung der Traktionsleistungen vieler ehemaliger Lokalbahnen, so auch auf der Hotzenplotzer Strecke. Ab Ende 1928 kamen zwei Triebwagen der CSD-Reihe M11.0 zum Einsatz, hergestellt im Tatra-Werk in Koprivnice (Nesselsdorf). Dank dieser zweiachsigen Fahrzeuge konnten die CSD den Fahrplan verdichten, die Staatsbahn führte mehrere neue Personenzugpaare ein. Außerdem entstanden die Haltestellen Maidelberg/Divcí Hrad und Eichmühle/Dubský mlýn. Neben reinen Personenzügen gab es auch gemischte Züge. Nach dem Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Jahre 1938 übernahm die DRB auch den Betrieb dieser Schmalspurbahn und reihte die vorhandenen Fahrzeuge in ihren Park ein. Dabei erhielten die von den CSD zuvor als U47.002 bis 004 geführten Dampfloks der Reihe U die Betriebsnummern 99 7841 bis 99 7843, die Triebwagen der Reihe M11.0 hingegen die Nummern CismvT 136 001 bis 002. Der baugleiche VT 136 003 kam 1939 aus Neuhaus nach Hotzenplotz. Außerdem spurte das RAW Jägerndorf mehrere aus Sachsen stammende vierachsige Traglastenwagen für den Einsatz auf der Hotzenplotzer Strecke auf 760 mm um.

Treibstoffmangel verursachte gegen Kriegsende eine Reduzierung des Zugverkehrs, obwohl das Kursbuch für 1944 sieben Zugpaare aufführte. Vom Krieg blieb die Eisenbahn bis zum Eintreffen der Roten Armee verschont. Die Verteidigung der Stadt Hotzenplotz forderte zahlreiche Opfer, die Stadt selbst wurde dabei fast völlig zerstört. Die Kriegshandlungen zogen aber auch mehrere Gemeinden um Hotzenplotz in Mitleidenschaft. Die schlimmsten Schäden der Schmalspurbahn erlitt das Rollmaterial: So brannten die Triebwagen aus und die noch vorhandenen Dampflokomotiven waren nicht mehr betriebsfähig. Nach dem Krieg ließen die nunmehr wieder zuständigen CSD die Strecke sowie die reparablen Fahrzeuge instand setzen. Ab 1946 trafen die beiden zweiachsigen Triebwagen M11.007 und 008, die beiden vierachsigen Triebwagen M21.006 und 007 sowie die Dampflok U37.001 von anderen Strecken in Tremešná ein. Von Juni 1948 bis Ende Mai 1957 war mit der Dampflok U58.001 aber auch die ehemalige 99 702 aus Sachsen in Osoblaha stationiert.

Ende der 1950er Jahre fabrikneu angelieferte Diesellokomotiven der Reihe T47.0 lösten einerseits die letzten Dampflokomotiven ab, zum anderen aber auch die vergleichsweise wirtschaftlicher verkehrenden Triebwagen. Einen von ihnen ließen die CSD zum Sitzwagen umbauen. Bis zum Eintreffen der bis heute vorhandenen 2.-Klasse-Wagen der Gattung Balm/ú befanden sich außerdem die sächsischen Traglastenwagen im Bestand. Ab 1966 bestimmten die vier Lokomotiven der Reihe T47.0 und die vierachsigen Balm/ú das Bild der Strecke, alle anderen Fahrzeuge musterten die CSD sukzessive aus.

Das Zugangebot blieb über Jahrzehnte hinweg konstant, von früh morgens bis spät am Abend waren die kleinen Züge unterwegs, am Wochenende fuhren ein paar Züge weniger. In den 1970er Jahren erhielten einige Gebäude entlang der Strecke eine grundhafte Renovierung. Der Oberbau jedoch ist erst erneuert worden als feststand, dass die Bahn nicht eingestellt wird. Überlegungen zur Stilllegung gab es häufig und auch heute ist der Fortbestand der Schmalspurbahn nicht gänzlich gesichert. Nach der Samtenen Revolution und dem Ende der Tschechoslowakei ging der Betrieb von den CSD auf die CD über. Die Infrastruktur betreibt heute die SŽDC, welche auch für die Stationen zuständig ist. Der Oberbau befindet sich überwiegend in gutem Zustand, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 40 km/h. Das Zugangebot hielt sich viele Jahre nach der Wende noch konstant zwischen sieben und neun Zügen an Werktagen. Hierfür waren auch zwei Zuggarnituren im Einsatz, doch nach einer massiven Abbestellung von Leistungen kann darauf verzichtet werden.

Fototipps für Eisenbahn und Region

Das geringe Zugangebot sollte den geneigten Schmalspurfreund aber nicht davon abhalten, das Hotzenplotzer Ländchen und seine Schmalspurbahn zu besuchen! Zahlreiche Bögen und Neigungswechsel ergeben Fotomotive für fast jeden Sonnenstand und ein Motiv findet sich links und rechts der Strecke immer. Bei einer eventuellen Tourenplanung lohnt es sich übrigens, auch den Busverkehr mit einzubeziehen. Die Busse fahren zwar nicht häufig, können aber bei einem Standortwechsel gute Dienste leisten. Im Sommer bieten sich Ausflüge mit dem Fahrrad an, natürlich gibt es auch zahlreiche Möglichkeiten zum Wandern. Keinesfalls versäumen sollte man es, auch einen Blick in die Ortschaften zu werfen – so gibt es in Slezské Rudoltice ein jüngst saniertes kleines Schloss; Osoblaha ist durch seine fast völlige Zerstörung zwar weitgehend ohne Altbausubstanz, lohnt aber dennoch einen kurzen Besuch. In einigen Dörfern befinden sich Gastwirtschaften oder kleine Lebensmittelläden, Übernachtungsmöglichkeiten sind etwas rarer und kaum über das Internet buchbar. Hier empfiehlt es sich, eventuell auf die Hotelangebote in Krnov zurückzugreifen.

Fazit des Autors

Allzu zögerlich sollte man mit einem Besuch nicht sein, denn die kleine Bahn wird immer wieder im Zusammenhang mit Einstellungsplänen erwähnt. Zwar läuft der Verkehr mittlerweile wirtschaftlicher, insbesondere durch den Verzicht auf die zweite Zuggarnitur, doch die Bevölkerungsdichte ist sehr gering und nur bei Ausflugswetter oder an Schultagen sind die Züge gut besetzt. Das liegt nicht nur an der abgeschiedenen Lage der Eisenbahn, sondern auch daran, dass ein gezieltes Marketing wie bei der JHMD fehlt oder nicht mehr weiterverfolgt wird. Zwar handelt es sich nicht um eine Touristenbahn, dennoch geht der Autor davon aus, dass doch einige Reisende mehr den Weg in die Züge fänden, wenn es nur entsprechende Werbung gäbe. Dazu gehören auch die schon angesprochene Pflege der Anlagen und der Zugang zu Informationen vor Ort. Es bleibt zu hoffen, dass auch in der Zukunft noch planmäßige Personenzüge die knapp 20 Kilometer zurücklegen werden.
Martin Junge


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