Rezensiert:

Horst Siebert

Mein Leben und meine Zeit.
Erlebtes und Beobachtetes.

Verlag Rockstuhl 1998 170 Seiten, 38 s/w-Abbildungen
ISBN 3-932554-23-X Preis: 29,80 DM

Nein, keine Heldentaten am Regler à la Johann stehen im Mittelpunkt dieser Lebensgeschichte. Überhaupt kam Horst Siebert, geboren wenige Monate nach Ausbruch des ersten Krieges, erst als Pensionär zur Deutschen Reichsbahn, wurde Schrankenpostenwärter und bildete zusammen mit einem weiteren Veteranen der Arbeit ein sogenanntes "Rentnerkollektiv".

73jährig schied er aus dem Eisenbahndienst aus, nachdem eine Haltelichtanlage seinen Arbeitsplatz ablöste. Allein dieser heute undenkbare Aspekt läßt das erste Mal schmunzeln. In seinem vorigen Berufsleben war der gelernte Tischler in einem Zeulenrodaer Möbelbetrieb und nach dem Zweiten Weltkrieg in der eigenen Landwirtschaft, später in der Verwaltung einer LPG, tätig. Während all seiner Lebensjahre hat er mit wachem Verstand und kritischem Auge seine Zeit und Umgebung betrachtet.

Das Normale, Alltägliche läßt seine Zeit lebendig werden: Kinderstube im Kaiserreich, Schulzeit in der Weimarer Republik, aufkommende Hitlerei, Leben im 3. Reich, Nachkriegszeit mit beginnender deutscher Teilung, SBZ, endlich eigene Familie, DDR, der erste eigene "Trabi", Deutschland ab 1990, Wiedersehen mit Afrika. Zufälle des Lebens, Tragikomödie: Urlaubsreise in das Vaterland aller Werktätigen bis an die Grenze zu Tschetschenien, während zeitgleich Mathias Rust auf dem Roten Platz landete.

Beweggründe, Motivationen werden verständlich; Obwohl von seinem Betrieb als "uk" vom Kriegseinsatz reklamiert, meldete er sich im Sommer 1942 quasi freiwillig, um nicht als Drückeberger zu gelten... Horst Siebert landete bei Rommels Afrikakorps und dann in amerikanischen und britischen Kriegsgefangenenlagern und berichtet weiterhin von seinen Arbeitseinsätzen in den USA.

Der Verlag tat gut daran, das Manuskript nicht zu redigieren. So ist man im Geiste mit Siebert auf seinen Fahrradtouren durch Deutschland in den dreißiger Jahren unterwegs oder bleiben die in einfacher, plastischer Sprache geschilderten Reisen in das zerbombte Dresden oder Berlin besonders eindringlich.

Fazit:

Wer sich für deutsche Geschichte im Großen und Kleinen interessiert zeitgleich zu Stalins Tod gab es einen Trauerfall in seiner eigenen Verwandtschaft , vielleicht auch noch die beschriebene Gegend um Zeulenroda samt Bahnlinie Weida Mehlteuer kennt, dem sei der Band wärmstens empfohlen.

Nachtrag:

Gekauft hatte ich mir das Büchlein, um beim Warten am Motiv darin zu schmökern. Gelesen habe ich es dann fast in einem Zuge. Übrigens war ich im Sommer 1970 eine Zeit lang Nachbar von Horst Siebert ohne es natürlich zu wissen. Doch gefiel es leider meiner Mutter auf der Pfefferleite nicht, und wir landeten wieder in Jena. Schade, denn ich fühlte mich in der wald- und seenreichen Umgebung sehr wohl und wäre sicherlich kein Eisenbahnnarr, sondern Angler geworden.

Andreas Petrak


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