Rezensiert:

Dietrich Conrad

Claus Köpcke Bauingenieur und Wissenschaftler

Sandstein Verlag, Dresden 2010, 112 Seiten mit 126 ein- bzw. zweifarbigen sowie 31 mehrfarbigen Abbildungen, Hartpappe, Format ca. 220 x 220 mm, ISBN 978-3-942422-04-8, Preis: 14,80 EUR

Am 21. Juni präsentierten der Sandstein Verlag und der Autor Dietrich Conrad in der SLUB in Dresden im Rahmen einer Buchvorstellung ein Werk, das einem Mann gewidmet ist, der von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des leistungsfähigen sächsischen Eisenbahnnetzes war - ohne daß dies bisher in der Öffentlichkeit entsprechenden Bekanntheitsgrad erlangt hat.

Insofern weckte die Ankündigung der Neuerscheinung natürlich das Interesse, da hier eine klaffende publizistische Lücke gefüllt werden sollte. Interessant ist in dem Zusammenhang natürlich, daß von anderen Autoren momentan noch an einem weiteren Buch über das Lebenswerk von Claus Köpcke gearbeitet wird, das zum Jahresende 2010 erscheinen soll. Ein etwas pikanter Aspekt daran (an diesem leider nicht so seltenen Umstand der Parallelarbeit an einem Thema) ist, daß der Autor als langjähriger Direktor des Verkehrsmuseums Dresden (1992-2000) offensichtlich nur wenig aktuelle Unterstützung aus Archiv und Bibliothek des Museums nutzte, während durch Museumsmitarbeiter aktiv Recherche für das „andere Köpcke-Buch“ betrieben wird. Zumindest dem Rezensenten stehen da Fragezeichen vor den Augen.

Grundsätzlich ist es dem Autor gut gelungen, die fachliche Entwicklung des 1831 in Borstel bei Hamburg geborenen Claus Köpcke mit den wesentlichen Berufsstationen Hannover, Berlin und Dresden darzustellen. Verkompliziert wird das Verständnis der Lebensabschnitte allerdings dadurch, daß der Autor versucht, thematische Komplexe der Schaffensperioden zu konstruieren, wodurch die Verständlichkeit der Chronologie teils schwierig wird. Dies könnte man durchaus akzeptieren, schön wäre dann für die Nachvollziehbarkeit der Lebensstationen aber eine übersichtliche chronologische Darstellung im Anhang, die dem Leser über die Zeitsprünge in der Erzählfolge hinweg helfen könnte. Auch die fortlaufende Aufzählung wichtiger Personen im Leben von Köpcke, egal ob in Studienzeit, in den verschiedenen Arbeitsstationen in Hannover und Berlin oder der Zeit in Dresden, wäre für den Leser deutlich verständlicher, wenn man ein Namensregister mit den wichtigsten Lebensdaten und Stationen dieser Personen im Anhang finden könnte. Der Anhang weist wiederum sehr umfangreich auf Köpckes Publikationen wie auch Schrifttum über ihn hin.

In der Darstellung des Lebensweges ist auch eine stark subjektive Schwerpunktsetzung seitens des Autors zu erkennen. Abschnitte mit sehr detaillierter Beschreibung der Handlung und Arbeitsweise von Köpcke wechseln mit eher streiflichtartiger Behandlung ab. Insofern bietet das Buch tatsächlich, wie vom Autor bei der Buchvorstellung selbst zugegeben, noch genug Raum für weitere Forschung und Ergänzung zum Thema. Besonders Informationen aus dem direkten Lebensumfeld, aus Familie und Freundeskreis sowie entsprechende Illustrationen vermißt der Leser, was wohl auf fehlenden Zugang zum Familienarchiv der Nachkommen von Köpcke zurückzuführen ist.

Breiten Raum nimmt im Buch die in unterschiedlichen Lebensetappen immer wiederkehrende Beschäftigung mit konstruktiven Lösungen und der baulichen Ausführung von Brücken ein. Dabei werden sowohl die theoretischen Ansätze als auch die publizistische Tätigkeit für Zeitschriften und Vortragsveranstaltungen mehrfach betont. Eine Schilderung der fachlich-inhaltlichen Aufgaben in den Beschäftigungsverhältnissen bei den Königlich Hannoverschen Staatseisenbahnen, im technischen Büro für Eisenbahnangelegenheiten beim Königlich Preußischen Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten in Berlin sowie in der III. Abteilung des Königlich Sächsischen Finanzministeriums in Dresden vermißt man jedoch. Hier bleibt der Autor sehr allgemein.

Geradezu Ignoranz in der Verarbeitung bekannter Informationen muß man dem Autor aber in Bezug auf den durch den Verein zur Förderung Sächsischer Schmalspurbahnen e.V. seit 2003 jährlich ausgelobten „Claus-Köpcke-Preis“ bescheinigen. Gerade einmal sieben Zeilen werden auf Seite 61 genutzt, diesen Preis zu benennen. Zwar gibt es im Buch auch einen Abschnitt „Lebensabend - Würdigungen“, doch daß der Preis auch in der Öffentlichkeit wohl den entscheidenden Beitrag dafür leistete, den Namen Köpcke heute wieder in Erinnerung zu rufen, findet im Buch keine Erwähnung. Kein Wort wird eingesetzt, um diesen Hintergrund zu erläutern - zudem ist die kurze Nennung im Text gerade dort plaziert, wo der Autor zu begründen versucht, warum Claus Köpcke seiner Ansicht nach nur geringe Bedeutung für die Entwicklung des sächsischen Schmalspurnetzes zukommt.

Dies jedoch aufgrund von fehlender Nennung des Namens Köpcke in verschiedenen Werken über die Schmalspurbahnen quasi aufgrund von Indizien zu schlußfolgern, erscheint zumindest dem Rezensenten sehr überzogen. Das 1895 von den Herren Ledig und Ulbricht vorgelegte Werk „Die schmalspurigen Staatseisenbahnen im Königreiche Sachsen“ wurde „Im Auftrag des Königl. Sächs. Finanzministeriums … bearbeitet“. Mithin dürfte Köpcke der wahre Auftraggeber dieser Untersuchung sein. Da er jedoch nicht der zuständige Minister war, erklärt sich auch das Fehlen einer Namensnennung. Das ist heute auch noch so üblich.

Typographisch ist das Buch gut verarbeitet, Rechtschreib- oder Satzfehler fehlen beinahe gänzlich, Satzbau und Ausdrucksweise bieten einen guten Lesefluß. Unklarheit bleibt für den Leser auf Seite 63/64 zurück, in denen im Text (19. Februar 1876) und als Bildbeschriftung (17. Februar 1875) unterschiedliche Tage als Zeitpunkte für den Einsturz der von Wilhelm Fränkel gebauten Riesaer Elbbrücke genannt werden. Noch komplizierter wird es, wenn der Autor formuliert, daß die Hauptpfeiler der Brücke während eines Frühjahrshochwassers brachen. Doch weder 1875 noch 1876 dürfte der 17. bzw. 19. Februar im Frühjahr anzusiedeln sein.

Fazit:
Das vorliegende Buch ist ein erster Baustein, das Jahr 2011 durch eine intensive Aufarbeitung zu einem „Claus-Köpcke-Jahr“ werden zu lassen - 100. Todestag und 180. Geburtstag dieser „grauen Eminenz“ des sächsischen Eisenbahnwesens bieten dazu wahrlich den besten Anlaß. Das Buch kann, trotz der beschriebenen Kritikpunkte und besonders Dank des sehr moderaten Preises von 14,80 Euro, jedem an Geschichtsinformationen interessierten Eisenbahn- und Bauwerksfreund empfohlen werden.
Jörg Müller


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