Rezensiert:

Werner Schiendl

Die Waldviertler Schmalspurbahn

Edition Bahn im Film, Wien 2010, Format A4 mit Hartpappeinband, 191 Farb- und 33 Schwarzweißfotos, ISBN-13: 978-3-9502250-9-9, Preis: 48 EUR

Mit über 80 km Gesamtlänge gehören die Waldviertler Schmalspurbahnen nicht nur zu den längsten Lokalbahnen mit 760 mm Spurweite in Österreich, sondern auch zu den bekanntesten in unserem Nachbarland. Dr. Werner Schiendl, dessen Vorfahren väterlicherseits aus einem Ort am Nordast nach Litschau stammen, selbst aber seit vielen Jahren in Wien lebt, setzt den insgesamt drei Linien nun ein publizistisches Denkmal. Er schildert mit viel Detailliebe, die sein tiefgründiges Quellenstudium untermauert, die Entstehung und Entwicklung der Bahnen von Gmünd nach Litschau mit der Zweigbahn von Alt Nagelberg nach Heidenreichstein sowie der Linie Gmünd – Groß Gerungs im Zeitraum von 1895 bis zum Mai 2010.

Mit dem gut gegliederten und vollständigen Abriß der Streckengeschichte liegt eine erste sehr umfassende Darstellung der Waldviertler Schmalspurbahnen vor, die Maßstäbe setzt. Für den Rezensenten besonders beeindruckend ist der hohe Anteil an Farbfotos, der eben nicht nur aus den siebziger und achtziger Jahren, sondern auch aus den fünfziger und sechziger Jahren stammt. Die Schmalspurbahn wird dabei in äußerst reizvollen Motiven gezeigt. Für die Qualität der Aufnahmen stehen Urheber wie Harald Navé (†) und Alfred Luft, aber auch der Buchautor selbst. In Schwarzweiß ergänzen unverzichtbare Lichtbilder von den Eröffnungszügen sowie aus den Anfangsjahren der Schmalspurbahnen die Streckenmonographie.

Dem Kenner sächsischer Sekundärbahnen bieten sich in Schiendls Werk hervorragende Vergleichsmöglichkeiten, so beispielsweise, wenn auf das 1895 verabschiedete niederösterreichische Landeseisenbahngesetz verwiesen wird, welches die Grundlage zum Bau von Bahnen untergeordneter Bedeutung in diesem Teil unseres Nachbarlandes war. Der geneigte Leser möge aber auch an die Stahlbetonbrücken zwischen Wilzschhaus und Carlsfeld oder im Schwarzbachtal von 1897 denken, wenn er von Österreichs erster derartiger Brücke bei Gmünd von 1899 liest.

Fahrzeugfreunde finden selbstverständlich in Schiendls Buch ausführliche Hinweise zum Lokomotiveinsatz einschließlich Beschreibungen der „Exoten“. Unschön ist es, daß die beiden sächsischen VI K (99 643 und 99 647) als 1948 nach Deutschland zurückgegeben geführt werden, obwohl sie hier bekanntermaßen nicht mehr auftauchten, sondern den Weg in die Sowjetunion nahmen. Unbefriedigend für den Rezensent ist auch der Umfang des Wagenkapitels, hier hätte man mehr schreiben können.

Fazit:
Endlich liegt über die Waldviertler Schmalspurbahnen eine umfassende Darstellung vor. Das auf mattem Papier sauber gedruckte Buch läßt nur wenige Wünsche offen. Sowohl der Text als auch die groß und deutlich gedruckten Fotos machen Lust darauf, diese Linien selbst einmal wieder zu besuchen.
André Marks

Bezugsmöglichkeit in Deutschland: Andreas W. Petrak, Untere Leite 3, 95502 Himmelkron, Tel. (09273) 96 63 73; E-Mail: info@edition-bohemica.de


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