Frank Barteld:

Kohlebahnen im Bornaer Revier

Witznitz Böhlen/Zwenkau Espenhain

264 Seiten, Format 23 x 21 cm mit Festeinband, 258 Schwarzweiß- und 124 Farbaufnahmen sowie 59 Karten/Skizzen, Verlag Barteld, Berga (Elster) 2011, ISBN-10: 3-935961-14-6, ISBN-13: 978-3-935961-14-1, Preis: 34,90 EUR

Von wegen: Kohlebahnen sind langweilig! Diesen Zahn hat sich der Rezensent beim Lesen von Frank Bartelds aktuellem Buch über die Eisenbahnen der Braunkohlenreviere Borna, Witznitz, Böhlen/Zwenkau und Espenhain selbst gezogen. Unweigerlich zogen ihn die Berichte des Autors über die Entstehung, Hochphase und den Niedergang der Gruben im Süden Leipzigs in ihren Bann.

Für Einsteiger in die Materie besonders hilfreich sind die vielen Vergleiche mit anderen Fördergebieten in Mitteldeutschland sowie die Einordnungen in den jeweiligen wirtschaftspolitischen Kontext. Nur so ergibt die Dichte an Brikettfabriken sowie Anlagen der Landesenergieversorgung und Karbochemie einen Sinn - und nur so versteht man die Vernetzung dieser mit Gruben- und staatlichen Eisenbahnen.

Das zweite Vorurteil des Rezensenten - die auf den Grubenbahnen eingesetzten Eisenbahnfahrzeuge wären überschaubar und eher eintönig - ging bei der Lektüre des Titels und vor allem beim Betrachten der Aufnahmen ebenfalls „über Bord“. Frank Barteld liefert allerdings auch ein wahres „Feuerwerk“ an historischen Lichtbildern, die zahllose Überraschungen bergen. Sie beginnen mit einem regelspurigen E-Kuppler aus Grafenstaden, der nach dem Zweiten Weltkrieg südlich von Leipzig Verwendung fand, beinhalten schmalspurige Benzol- sowie Dampfspeicherloks und reichen bis zu Wagen preußischen Ursprungs. Das Spektrum an Fahrzeugaufnahmen geht also weit über das Zeigen von Motiven mit den (natürlich zu recht erwarteten) EL 2 und EL 3 hinaus.

Thematisch bedingt, stellt Barteld dabei sowohl regelspurige als auch 900-mm-spurige Kohlebahnen vor. Dabei werden Vorkriegs- ebenso wie Nachkriegsfahrzeuge gezeigt, so u. a. Babelsberger LKM-B-Kuppler und V10C. Aus dem Text erfuhr der Rezensent, daß selbst Ns4 sowie Rollwagen auf dem 900-mm-Netz verwendet wurden. Die Beschreibungen des Autors verschaffen den von Reichsbahnern manchmal etwas belächelten Kohlebahnern quasi postum Achtung und Anerkennung. Denn in den dreißiger Jahren rollte alle drei Minuten ein Zug durchs Gleisdreieck Espenhain - mehr als im nahen Leipziger Hauptbahnhof! Barteld stellt zudem heraus, daß der Zugbetrieb im Braunkohlenbergbau der DDR in den achtziger Jahren die dreifache Transportleistung der Deutschen Reichsbahn erbrachte.

Anders als die öffentlichen Eisenbahnen befindet sich das Schienennetz im Kohlerevier ständig im Wandel - diese Veränderungen werden im besprochenen Titel anhand dutzender Zeichnungen und Aufnahmen bestens dokumentiert. Damit setzt der Autor diesem Teil der Industrie- und Technikgeschichte ein vortreffliches Denkmal. Möglich ist dies nicht zuletzt, weil es sich um ein abgeschlossenes Kapitel handelt: Der letzte schmalspurige Kohlezug verließ den Tagebau Zwenkau im Herbst 1999, kurz darauf endete auch der Normalspur-Kohlebahnbetrieb im Revier. Der nach dem „Zeitz-Weißenfelser Revier“ zweite Band zu Kohlebahnen südlich von Leipzig besticht wiederum auch durch einzigartige Luftbilder sowie zahlreiche Pläne, die den Betrachter die Standorte einordnen und die Bahnlinien nachverfolgen lassen.

Sehr angetan ist der Rezensent auch vom Druck. Die Bildwiedergabe wird höchsten Ansprüchen gerecht - das ist in der Branche (leider) nicht selbstverständlich.

Fazit:
Die Geschichte der Kohlebahnen im behandelten Gebiet wird im neuen Werk von Frank Barteld informativ und umfassend vorgestellt. Mehr als 400 Abbildungen veranschaulichen das Geschriebene. Sowohl hinsichtlich der Druckqualität als auch der Bildwiedergabe gibt es keinerlei Mängel, so daß der Preis für das Buch gerechtfertigt ist. Wer sich über den Tellerrand von Reichsbahnstrecken hinauswagt, wird es nicht bereuen.
André Marks


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