André Marks, Helge Scholz:

Dampfbahn-Magazin-Spezial 15

Diesellokomotiven auf den Sächsischen Schmalspurbahnen

Jung-Typen, LKM-Loks, HF130C sowie V36K, 2091, L30H und L45H

SOEG mbH Verlag SSB Medien, Zittau 2012, Broschüre, 56 Seiten, Format A4, ISSN: 1866-2374, Preis: 4,90 EUR

Mit der ersten Kenntnisnahme der Ankündigung des Verlagstitels war für den Rezensenten klar, daß es sich um ein sehr interessantes Themengebiet handelt, auf die Geschichte und die unterschiedlichen Typen von Diesellokomotiven auf den sächsischen Schmalspurbahnen einzugehen. Auch den Autoren ist dies klar gewesen, in ihren Geleitworten stellen sie dies auch deutlich heraus: „Denn während über Dampflokomotiven auf schmaler Spur in Sachsen bereits Dutzende Veröffentlichungen existieren, gab es über die auf und an den ehemaligen 600- und 750-mm-Reichsbahn-strecken im Freistaat einst und heute vorhandenen Diesellokomotiven bisher noch keine umfassende Darstellung.“ Das Ziel wird mit einem hehren Wunsch verbunden: „Diese Lücke schließen wir natürlich gern.“

Um es vorwegzunehmen: Aus Sicht des Rezensenten ist dieser Wunsch nicht umgesetzt und leider kein großer Wurf gelungen, den das Thema absolut verdient hätte. Dem Rezensenten ist dabei zweifelsohne bewußt, daß er mit dieser Meinung und der folgenden Argumentation allein dastehen kann. Doch dem stehen einerseits der von den Autoren vorangestellte eigene Anspruch, andererseits aber auch das Wissen um das Qualitätsverständnis der Autoren und des Herausgebers gegenüber, die mit dem vorliegenden Ergebnis in extremen Kontrast stehen. Die vorliegende Rezension wird das wirtschaftliche Ergebnis des Verkaufs mit Sicherheit nicht beeinträchtigen und soll auch keine Kauf- oder Nichtkaufempfehlung sein, weil es eben doch sehr subjektive Kritikpunkte enthält.

Auf insgesamt nur 50 inhaltlich dem Thema gewidmeten Seiten den Gegenstand des Heftes umfassend abhandeln zu wollen, war vielleicht schon der erste und schwerwiegendste Fehler, ist doch allein bei der zu betrachtenden Zeitspanne und den schon im Titel genannten Loktypen zu vermuten, daß dabei radikal verkürzt werden muß. „Umfassend“ zu sein, ist dann aber doch etwas anderes. Die Einführung „Der Weg zur Diesellok“ stellt tatsächlich eine Kurzfassung von rund 50 Jahren Entwicklung dar. Für den technisch interessierten Leser, dem die Materie durchaus bekannt ist, reicht dies auch so völlig aus. Doch stößt man hier schon an ein Problem: Wen interessiert das Thema überhaupt? Die Frage nach der Zielgruppe sei an dieser Stelle aufgeworfen, sie wird an vielen folgenden Seiten des Heftes immer wieder hervortreten. Ist es der (vermutete) typische „Dampfbahn-Magazin-Leser“, dem vor allem die überblickshafte Darstellung von Themenfeldern aus der sächsischen Eisenbahnlandschaft mit interessanter und qualitativ hochwertiger Bildauswahl als Motivation genügt? Oder ist es der „Eisenbahnfan“, der inhaltlich, technisch und historisch interessiert ist und Detailwissen erlangen will? Das sind Stereotypen, überspitzt und mit dem Versuch verbunden, einen Gegensatz darzustellen. Aber die Frage sei dennoch erlaubt, denn mit dem vorliegenden Heft werden leider immer wieder „weder der Eine, noch der Andere“ tatsächlich erreicht.

Der folgende Abschnitt „Die ersten Dieselloktypen: Vor 1945“ versucht wahrscheinlich den zweiten Typus an Lesern zu bedienen, vielleicht auch zwangsläufig, weil es keine hochwertigen Fotos aus der besagten Zeit gibt - genauer gesagt: Im Heft befindet sich von den sächsischen Strecken kein einziges aus der Zeit vor 1945. Doch im Text werden Lebensläufe von Maschinen aneinander gereiht, die schon sehr fundierte Ortskenntnisse voraussetzen und manches Mal einen sehr krassen Sprung im Textfluß mit sich bringen. Warum gibt es im gesamten Heft eigentlich keine Übersichtskarte, so daß sich der Leser selber orientieren kann, wo denn die besprochenen Loks beheimatet waren? Ungewöhnlich ist auch die ziemlich nahtlose Überleitung aus einer chronologischen Betrachtung in die hersteller- bzw. baureihenbezogene Sicht.

Natürlich ist eine traktionsspezifische Betrachtung keine Strecken-Monographie. Und doch sind es immer wieder die räumlichen Splitter in den Abschnitten, die dem Leser das Gefühl geben, doch schon mal etwas dazu gelesen zu haben – weil sich manche Zusammenhänge eben bei den Fahrzeugtypen wiederholen. Inwieweit es tatsächlich Sinn ergibt, die 600-mm-Waldeisenbahn Muskau zu berücksichtigen, andere 600- oder gar 750-mm-Werk- und Anschlußbahnen (z. B. Sproitz) in Sachsen aber außen vor zu lassen, ist wahrscheinlich nur mit der (organisatorischen) Nähe zur DampfbahnRoute zu erklären. Aufgrund direkter Bezüge zu sächsischen Bahnen werden aber auch die außersächsische Mansfelder Bergwerksbahn oder der Pollo (im V10C-Kapitel) explizit benannt, nur eben dort anzumerkende weiterführende Einsatzinformationen weiterer Dieselloktypen wieder komplett abgeschnitten. Zurück bleibt das sehr deutliche Gefühl, nur Teilwissen geliefert bekommen zu haben.

Der Abschnitt über die Ns-Lokgenerationen und die V10C füllt erwartungsgemäß einen größeren Seitenumfang aus. Die Vielzahl der Fahrzeuge und deren Bewegungen zwischen den verschieden Einsatzorten sorgt sehr schnell dafür, daß man den Überblick verliert. Nun kommt ein weiterer, wirklich heftiger Kritikpunkt: Warum kann man, gerade bei der Darstellung eines solchen Themas sehr hilfreich, nicht mit ordentlichen Tabellen für Übersicht sorgen? Die in mehrzeiliger Form dargestellten Lebenslaufinformationen der Loks sind nicht leicht lesbar und lassen Vergleiche und das Erkennen von Zusammenhängen gänzlich scheitern. Für den bekannten Standard des Dampfbahn-Magazins jedoch gänzlich ungewohnt ist die für den Rezensenten unbefriedigende Bildauswahl in diesem Abschnitt. Allein aus den vergangenen 20 Jahren sollten auch „einfach schöne“ Ansichten zu finden sein.

Es folgt eine Abhandlung über die HF130C auf sächsischen Gleisen, der man aufgrund der nur drei besprochenen Loks durchaus eine gewisse Großzügigkeit in der Platzzuordnung zusprechen kann, was der Verständlichkeit und Aussagekraft des Textes durchaus hilft. Doch auch hier birgt die Bildauswahl oder Bildausschnittswahl Optimierungspotential. Der Abschnitt über die V36K der Deutschen Reichsbahn kommt einem nicht nur aus einer früheren Veröffentlichung bekannt vor, er geht vergleichsweise verschwenderisch mit dem Platz um. Gerade wenn man auch bedenkt, daß die auf den folgenden Seiten benannten Baureihen L30H, 2091 und L45H mit nur 13 Seiten auskommen müssen, aber die vergangenen 20 Jahre auf den sächsischen Schmalspurbahnen ganz erheblich geprägt haben und bestimmt noch eine ganze Menge Wissenswertes zu diesen Loks vermittelt werden könnte, ist die Platzverteilung unverständlich.

Hier fragt sich der Rezensent dann endgültig, was Herausgeber und Autoren denn so gedrängt hat, dieses Thema in ein Heft zu quetschen? Warum konnte man nicht, wie man es zum Beispiel bei den Dampflokomotiven auch getan hat, einfach eine Teilung des Themas vornehmen? Die Spezial-Ausgaben des Dampfbahn-Magazins erscheinen vier Mal im Jahr auf ein bestimmtes Thema bezogen. Wäre da wirklich kein Platz im Verlagsprogramm gewesen, zum Beispiel mit der V36K einen Schnitt zu machen und den nach 1990 neu in Erscheinung getretenen Loktypen ein separates Heft zu widmen?

Denn die Kompression der Informationen und Fotos bedauert man in den Abschnitten der rumänischen und österreichischen Importe mehrfach, man ist bemüht, die Seite mit den Informationen dazwischen noch zu finden. In allen drei Kapiteln der neuzeitlichen Fahrzeuge in Sachsen sucht man jedoch etwas umfangreichere Darstellungen (z.B. Zeichnungen, Prinzipskizzen) oder mehr auf die Historie der Loktypen eingehende Informationen vergeblich. Hier ist wohl noch am ehesten der erstgenannte Lesertyp angesprochen, doch auch diese Leser hätten für manche Bildansicht einfach mehr Platz verdient. Vom Text und der fortlaufenden Auflistung von Fahrzeugnummern, Orten und Namen der Beteiligten (besonders im Abschnitt zur L45H) wird sich aber wiederum keiner der „Standardleser“ angesprochen fühlen. Auch hier hätte einfach eine Übersichtstabelle hilfreich sein können. Fazit: André und Helge, ihr habt es schon oft bewiesen – das könnt ihr besser

Jörg Müller

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