„Die Wagen der sächsischen Schmalspurbahnen“, Band 1

– Hintergründe und Hinweise –

Anfang Februar 2012 ist bei SSB-Medien in Zittau der erste Band einer neuen Buchreihe „Die Wagen der sächsischen Schmalspurbahnen“ erschienen (siehe Seite 46 im PK 124). Im Schwerpunkt widmet er sich den ursprünglichen Bauarten aller 750- und 1000-mm-spurige Reisezugwagen Sachsens – d. h. allen Personen-, Gepäck- und Postwagen.

Grundlage der neuen Monographie stellt das 1998 im EK-Verlag veröffentlichte Buch „Die Wagen der sächsischen Sekundärbahnen“ dar. In diesem waren auf 235 Seiten im A4-Format sowohl die für regelspurige als auch die für schmalspurige Sekundärbahnen beschafften Reisezug- und Güterwagen* vorgestellt worden (* für die regelspurigen Sekundärbahnen in Sachsen gab es keine speziellen Güterwagen). Aufgrund eines irreparablen Lesefehlers am 1998 angefertigten Datenträger war eine unveränderte Neuauflage des seit etwa 2004 vergriffenen EK-Buches technisch nicht möglich. Da die Freunde der „IG Wagen“ um Hauptautor Rainer Fischer in den vergangenen knapp 15 Jahren zahlreiche neue Forschungsergebnisse verzeichnet hatten, zeigten sie an einem Nachdruck des EK-Buches allerdings auch kein Interesse.

Vor drei Jahren bot sich SSB-Medien an, eine Überarbeitung des Wagenbuches zu verlegen. Dabei kam die Idee, zusätzlich zu den von Rainer Fischer gezeichneten Maßskizzen auch jeweils zwischen 1881 und 1932 angefertigte Original-Dokumente von allen Wagentypen als Faksimile abzudrucken. Ingo Neidhardt regte als Leiter der Verlagsabteilung an, mehrere vom 2005 verstorbenen Gernot Bahr angefertigte maßstäbliche Farbzeichnungen im A4-Format ebenfalls aufzunehmen. Den Autoren erschien es zudem wichtig, den Lesern diesmal im Tabellenteil auch Listen sortiert nach „DRG-Nummern“ zu liefern.

All diese Gedanken führten zu der Festlegung, das Thema auf zwei Bücher zu verteilen – unter Ausschluß der regelspurigen Sekundärbahnwagen. Damit waren die Rahmenbedingungen gesteckt – aber erst 2011 fanden die beruflich überdurchschnittlich stark eingebundenen Autoren die Zeit, die ersten neuen Texte und Tabellen abzuschließen. Dabei stellte sich heraus, daß die geplante saubere Trennung in Reisezug- und Güterwagen aus Platzgründen nicht möglich ist. Mehr als 240 Seiten für den Band 1 bezeichnete der Verlag als wirtschaftlich nicht vertretbar. Die Beschreibung der modernisierten Sitz- und Gepäckwagen wurde deshalb in den Band 2 verschoben.

Neue Forschungsergebnisse

Zahlreiche Besitzer von Band 1 – bzw. daran interessierte Eisenbahnfreunde – fragen sich inzwischen, was hat sich darin gegenüber dem EK-Buch von 1998 inhaltlich verändert? Es ist der Verdienst von Rainer Fischer, daß diese Frage mit „sehr viel“ beantwortet werden muß. Denn letztendlich stecken in jedem Kapitel neue Informationen – allerdings eben unterschiedlich umfangreiche und relevante. Alle neuen Forschungsergebnisse anzureißen, ist auf zwei Seiten des PK unmöglich. Doch es seien in Folge mehrere Beispiele genannt, die die Tragweite der Veränderungen im Vergleich zum Buch von 1998 aufzeigen sollen:

Beruhigt waren die Autoren darüber, bereits vor 15 Jahren alle jemals gebauten Schmalspurwagen erfaßt zu haben. Allerdings bemerkten sie bei der Auswertung von Betriebsbüchern und historischen Unterlagen, daß sowohl die Baujahre als auch die Hersteller mehrerer Fahrzeuge 1998 falsch angegeben worden waren. So ist inzwischen belegt, daß sich auch die Eigenen Werkstätten (E.W.) der K.Sächs.Sts.E.B. in Chemnitz am Bau der 2.-/3.-Klasse-Wagen der lfd. Nr. 711 beteiligt haben. Bisher war behauptet worden, daß die E.W. nach den Oberlichtwagen der lfd. Nr. 716 keine weiteren Schmalspur-Personenwagen hergestellt hätten.

Die Abkürzung „lfd. Nr.“ vor beispielsweise 711 wird mehrere Leser vermutlich stutzig machen, hieß es doch bisher meist „sächsische Gattung 711“. Doch bei den dreistelligen Zahlen handelt es sich gemäß der offiziellen Fahrzeugverzeichnisse der K.Sächs.Sts.E.B. nie um Gattungsangaben! Die Generaldirektion benutzte für ihre Wagen vielmehr „ganz normale“ Gattungsbuchstaben wie zum Beispiel „O“ für offene, „G“ für gedeckte Güterwagen oder „B“ für 2.-Klasse-Wagen. Um in die Vielzahl an baulich unterschiedlichen Wagen der einzelnen Gattungen eine Ordnung zu bekommen, führten die Staatsbahnen jedoch alle Fahrzeuge (fast) identischer Ausführung innerhalb „laufender Nummern“ – abgekürzt eben mit „lfd. Nr.“. Erst dies machte es möglich, einen vierachsigen Wagen der Gattung CC mit Oberlicht von einem CC ohne Oberlicht zu unterscheiden – davon abgesehen, daß auch alle regelspurigen Sitzwagen 3. Klasse mit Drehgestellen der Gattung CC angehörten ... Im EK-Buch falsch angegeben war jedoch auch der Hersteller von fünf 2.-Klasse-Wagen: Die Einheitswagen K21 bis K25 sind jedoch zweifelsfrei 1930 in Werdau gebaut.

Völlig überarbeitet wurde z.B. das Kapitel zum Einsatz sächsischer Schmalspurwagen außerhalb Sachsens in den Weltkriegen. Es enthält nun sogar konkrete Betriebsnummern.
Technisch brillanter und teils überarbeitet (z.B. lfd. Nr. 713 und 751) zeigen sich die von Rainer Fischer angefertigten Fahrzeugzeichnungen, die mehrfach um Detailansichten von Dachaufbauten oder Bremsvorrichtungen ergänzt worden sind. Zudem gibt es nun erstmals auch Zeichnungen der nach 1938 von der RBD Dresden genutzten Schmalspurwagen der ehemaligen Friedländer Bezirksbahnen.

Gedanken- und Tippfehler

Wie in jede Erstauflage, so haben sich auch in das neue Wagenbuch von SSB-Medien mehrere Gedanken- und Tippfehler eingeschlichen. Beispielsweise ist auf Seite 27 fälschlicherweise von einer „Jüterbog-Luckenwalder Kleinbahn“ zu lesen. Für die Zeit von 1945 bis 1947 ist hingegen natürlich „Luckenwalde-Jüterboger Kleinbahn“ (LJK) korrekt.
In der Tabelle auf Seite 32 gibt es Wagen der Gattung B4osm – es fehlt aber die Erklärung, wofür der Kleinbuchstaben „o“ steht: für Ofenfeuerung. Wann dieses Nebengattungszeichen genau eingeführt wurde und wann es offiziell entfiel, ist jedoch noch ungeklärt. Bei dem auf den Seiten 145/147 aufgeführten 970-318 in Schönheide handelte es sich selbstverständlich um einen Wagen der lfd. Nr. 711. In der Aufzählung erhaltener Wagen der lfd. Nr. 720 hat er nichts verloren.
In der Legende zur Bahr-Zeichnung auf Seite 136 wird als DRG-Grünton die RAL-Angabe 6009 getroffen – richtig ist RAL 6008. Mitautor André Marks führt eine Korrigenda mit allen bisher bekannten Fehlern, Hinweise nimmt er gern entgegen.

Gesamteindruck

Das neue Wagenbuch bietet nicht zuletzt aufgrund des gewählten Großformates eine Fülle neuer Aufnahmen und Informationen. Aufgrund des erstmaligen Abdruckes der Zeichnungen von Gernot Bahr (entweder im Maßstab 1:43,5 oder 1:60) sowie aus dem Fahrzeugverzeichnis der K.Sächs.Sts.E.B. fanden jedoch überraschend wenige Fotografien aus der DDR-Zeit in den Band 1. Damit sind die Autoren selbst nicht glücklich, liegt doch Material in Hülle und Fülle vor.

Die bessere Gliederung des Buches und der erweiterte Tabellenteil erhöhen den Nutzwert des SSB-Titels massiv. Sehr zufrieden sind Verlag und Autoren aber auch mit dem sauberen Druck. Dennoch läßt auch die neue „Wagen-Bibel“ wieder verschiedene Detailfragen offen – z.B. zu Farbtönen in der Länderbahnzeit. Restexemplare von Band 1 sind noch lieferbar, der Druck von Band 2 ist für 2013 angekündigt.

André Marks


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