Johannes Raddatz:

Eisenbahn in der Sächsischen Schweiz, Band 4

272 DIN-A4-Seiten mit Hartpappeinband mit ca. 600 schwarzweißen und farbigen Abbildungen, VBN Verlag Bernd Neddermeyer, Berlin 2012, ISBN: 978-3-941712-20-1, Preis: 36,80 EUR

Seit Mai 2012 ist der vierte Band oben genannter Reihe im Handel. Darin schüttet Hauptautor und Herausgeber Johannes Raddatz erneut ein Füllhorn an historischen Aufnahmen, Fahrplänen jeder Art, Zeichnungen, Fahrkarten und anderen Original-Dokumenten der vorgestellten Region aus.

Für die von ihm komplett neu gezeichneten oder aber bearbeiteten Gleispläne gebührt ihm wiederum große Anerkennung. Sie sind eines der vielen Indizien dafür, mit wie viel Herzblut und Liebe für seine sächsische Heimat er im fernen Norddeutschland arbeitet. Wie bereits im Band 3, so räumt der gebürtige Sachse auch im Band 4 inzwischen selbst ein, mit seinen Büchern keine „hochwissenschaftlichen Abhandlungen“ vorzulegen, sondern einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. Und dies ist ihm mit seiner aktuellen Materialsammlung zum vierten Mal gelungen. Kommende Autoren werden für tiefgreifendere Texte zahlreiche Dokumente und Hinweise nutzen können, die Johannes Raddatz mit seinen Mitautoren in den vergangenen Jahren mühevoll zusammengetragen haben.

Doch im vorliegenden Band 4 befinden sich durchaus auch in sich geschlossene und runde Kapitel, so z. B. zu einzelnen Bahnhöfen und Anschlüssen. Dank gilt dafür u. a. den ehemaligen Eisenbahnern Jürgen Müller aus Rathmannsdorf und Günter Weßner aus Sebnitz, die nicht nur tief in ihre privaten Sammlungen, sondern auch in ihren wertvollen Erinnerungsschatz gegriffen haben! Im Schwerpunkt thematisiert das neue Buch die Linie Bautzen – Schandau mit ihren Bahnhöfen und Anschlüssen, den grenzüberschreitenden Verkehr von Sebnitz nach Nieder Einsiedel, die 1951 abgebaute Schmalspurbahn Goßdorf-Kohlmühle – Hohnstein sowie den Bahnpostverkehr auf den genannten Strecken.

Das Niveau der Texte ist dabei extrem unterschiedlich! Gibt es zur schmalspurigen KH-Linie in Summe lediglich eine A4-Seite Fließtext, so werden manche Regelspurbahnhöfe über mehrere Seiten mit Bravour vorgestellt. Auffällig sind bei einigen Themen sich häufig wiederholende Aussagen, die bei einer durchdachten Gliederung zu vermeiden gewesen wären. Unschön ist auch, daß mehrere wesentliche Aussagen zur Geschichte der Strecken entweder gar nicht enthalten sind oder der Leser nur durch Zufall findet. Die Reihenfolge des Abdruckes vieler Originaldokumente muß ebenfalls als wirr bezeichnet werden. Letztendlich sind in dem Buch viele Details und Zusammenhänge zu den Strecken ohne Hintergrundwissen nur schwer deutbar, manche Texte stellen mehr Fragen als sie beantworten.

Zur Aussage des Autors, im Streit um den Namen „Semmeringbahn“ keine Stellungnahme abzugeben, stehen zuvor von ihm geäußerte Worte wie „unsagbares Gezänk“, „traurig“ oder „unbegreiflich“ massiv im Widerspruch … Von der Schwarzbachbahn findet der Leser mehrere bisher unveröffentlichte Bildfahrpläne und Zeichnungen (z. B. von den Tunneln). Alle abgedruckten Fotos sind hingegen bekannt; die auf Seite 116 in der Mitte veröffentlichte Aufnahme einer IV K des Baujahres 1892/93 mit einem DRG-beschrifteten Oberlichtwagen ist mit 1951 falsch datiert – bei Auswertung aktueller Literatur hätte der Autor den Hinweis auf 1935 gefunden.

Fazit:
Eine tolle Materialsammlung für den an den Eisenbahnen der Region interessierten Leser. Für die Lektüre ist jedoch mehrfach Hintergrundwissen hilfreich.
André Marks


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