Bernd Kuhlmann:

Die Müglitztalbahn Heidenau – Altenberg

Die Zeit der Schmalspur und der Normalspur

256 Seiten im Format 28,5 x 22,5 cm, Hartpappeinband, 331 Schwarzweiß- und 186 Farbfotos, 138 Pläne und Zeichnungen sowie 22 historische Ansichtskarten, Bildverlag Böttger GbR, Witzschdorf 2012, ISBN: 978-3-937496-47-4, Preis: 34,80 EUR

Mehr als zehn Jahre gab es im Buchhandel keine Streckenmonographie über die Müglitztalbahn. Nun erschien im Sommer 2012 im Bildverlag Böttger ein stabil gebundenes Werk mit 256 Seiten in Übergröße, um diese Lücke zu schließen. In diesem Umfang hat sich bisher kein Buch der Schmal- und Regelspurzeit der Strecke Heidenau – Altenberg gewidmet.

Beim ersten Durchblättern besticht das Buch durch eine Fülle an Aufnahmen, zahlreiche Zeichnungen und ein sauberes Schriftbild. Doch wie ist der Inhalt im Detail zu bewerten? Eine klare Antwort fällt dem Rezensenten auf diese Frage schwer – quälten ihn beim Lesen der Texte doch wieder einmal widersprüchliche Empfindungen.

Das vorbildlich gegliederte Buch beinhaltet alle Themen, die man von einem Streckenporträt erwarten kann: Nach einer Einführung in die Region schildert der Autor ausführlich den Bau und Betrieb der Schmalspurbahn nach Geising, ihre Verlängerung nach Altenberg, die Umspurung in den 1930er Jahren sowie die Entwicklung dieser außergewöhnlichen Bahnverbindung formal bis in die Gegenwart. Beeindruckende Berichte z. B. über die unmittelbare Nachkriegszeit, die Eisenbahnschule in Altenberg oder das August-Hochwasser 2002 enthalten viele bisher unveröffentlichte Zusammenhänge. Hier hat Bernd Kuhlmann sorgfältig recherchiert.

Natürlich findet der Leser aber auch die für so ein Buch unumgänglichen Darstellungen zur Baureihe 84 und zu den Mitteleinstiegswagen der Bauart Heidenau-Altenberg. Erfreulich ist auch, dass der Autor als bekennender Regelspurfreund die Zeit der Schmalspurbahn mit in dieses Werk aufgenommen hat. Er muss sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen, gerade auf diesen Seiten wenig Gründlichkeit an den Tag gelegt zu haben.

Die Fülle an Falschaussagen war für den Rezensenten dahingehend enttäuschend, als dass Kuhlmann nur in neueren Veröffentlichungen hätte nachschlagen brauchen. Es liegt deshalb die Vermutung nahe, dass die in den vergangenen 20 Jahren erschienene Literatur über Schmalspurbahnen von ihm kaum oder gar nicht ausgewertet worden ist. Wenn doch, dann hat der Autor ungenügend deren Inhalt verinnerlicht, denn wie sind sonst z. B. Mutmaßungen über einen VI K-Einsatz im Jahr 1914, der Begriff „Schlitzpufferkupplung“ oder Aussagen zu schmalspurigen Einheitswagen 2./3.-Klasse (in einem Fahrzeug) erklärbar? Auffällig ist aber vor allem das Fehlen anderswo veröffentlichter Informationen zur Schmalspurzeit – z. B. zu den I K. Von der Lektüre der S. 129 (Einsatz Schmalspurwagen) rät der Rezensent aufgrund der hohen Fehlerquote gänzlich ab!

Den Unterschied zwischen einer Altbau- und einer Neubau-IV K (siehe S. 127) nicht zu erkennen, ist keine Schande; auf dem Buchtitel eine Aufnahme aus dem Weißeritztal zu drucken schon eher. Dieser Fauxpas offenbart, dass Kuhlmann keinen (?) Kontakt zu jüngeren Kennern der sächsischen (Schmalspur-)Bahnen gesucht hat. Das obere Titelbild ist zweifelsfrei im Seifersdorfer Grund entstanden, wie seit 2009 bewiesen.

Im um Welten besseren Regelspurteil sind ebenfalls mehrere Pannen zu finden, die in Summe die Frage stellen: Wer hat das Buch inhaltlich lektoriert? Selbst im geschichtlichen Einführungskapitel sind Ärgernisse versteckt. Beispielsweise tritt die stupide Erstnennung tschechischer Ortsnamen die Wahrheit mit Füßen. So dehnte sich der Bergbau im 15. Jahrhundert nicht nach „Predni Cinovec“, sondern vielmehr nach Vorderzinnwald aus. Es gab dort damals kaum jemanden, der Tschechisch verstanden hätte… Das gestörte Verhältnis zwischen Sachsen und Preußen allein auf den deutschen Bruderkrieg von 1866 zurückzuführen, ignoriert die Abtrennung von zwei Dritteln Sachsens an Preußen 1815.

Die Bildwiedergabe wird – wie beim Bildverlag Böttger üblich – heutigen Standards nicht gerecht. Viele Aufnahmen gehen so manchmal etwas unter. Nicht verschwiegen werden soll aber, dass das Buch zahlreiche Bildraritäten enthält – so ist auf S. 41 erstmals eine Aufnahme mit einer III K im Müglitztal veröffentlicht und Freunde der Regelspur finden ein Feuerwerk bisher unbekannter Fotografien aus der Dampflokzeit! Ein dickes Lob gebührt dem Buch auch für die veröffentlichten Bahnhofszeichnungen! Vor allem aufgrund der inhaltlichen Mängel im Schmalspurteil hofft der Rezensent dennoch darauf, dass vorliegendes Werk nicht das letzte zur Müglitztalbahn sein wird. Es gibt zu viel Wissen, was man noch einbringen könnte.

Fazit:
Endlich wieder ein Buch über die Müglitztalbahn! Es bietet viel neues Wissen und tolle Aufnahmen, deren Wiedergabequalität jedoch Verbesserungspotenzial besitzt. Trotz inhaltlicher Mängel, die sich im Schmalspurteil konzentrieren, kann das Buch zum Kauf empfohlen werden. Sein Verkaufspreis liegt deutlich unter dem Durchschnitt.
André Marks


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