Winfried Dörner:

Die Südharz-Eisenbahn – eine Region und ihre Bahnlinie

512 Seiten im Format 30,3 x 22 cm, Hartpappeinband, über 800 Abbildungen, 80 Farbseiten, überarbeitete und erweiterte 2. Auflage, Dörner-Medien-Verlag, Bad Salzdetfurth 2012, ISBN: 978-3-944110-00-4, Preis: 44,90 EUR

Dass es im Harz neben den beiden bekannten und noch betriebenen Schmalspurbahnen fast 64 Jahre lang eine weitere Strecke von Walkenried nach Braunlage mit einer Zweiglinie nach Tanne gab, ist jedem an diesem Thema interessierten Eisenbahnfreund geläufig. War man jedoch auf der Suche nach fundierter Literatur über die Südharz-Eisenbahn (SHE), musste man sich viele Jahre mit wenigen Seiten zufrieden geben. Das änderte sich zwar 2007 mit der ersten Auflage dieses Werkes, jedoch waren die Bücher trotz Kritik an der drucktechnischen Qualität schnell vergriffen. Umso erfreulicher, dass die zweite Auflage im Papier und in der Abbildungsqualität der Fotos enorm zulegen konnte und auch noch einige inhaltliche Erweiterungen erfuhr. Auf immerhin 512 Seiten bringt es die neue Ausgabe – packt man sie aus, kann man den Eindruck gewinnen, ein kleines Denkmal in der Hand zu halten.

Schaut man tiefer hinein, verfestigt sich dieser Eindruck. Unschwer kann man erahnen, mit welch großem Aufwand und mit wie viel Hingabe hier recherchiert wurde. Und die vielen Jahre in den Archiven haben eine erstaunliche Anzahl an Fotos, Zeichnungen und Zeitungsartikeln zu Tage gefördert – 55 Seiten kleingedruckte „Presseschau“ zum Ausgang des Buches zeugen von der lokalen Bedeutung der Bahn. Doch am Anfang steht selbstverständlich die Entwicklung der Südharz-Eisenbahn, gekonnt eingebettet in die Historie der Eisenbahnen bzw. verschiedener anderer Verkehrsprojekte des Harzes. Hierin liegt eine der Stärken des Buches: Der Blick über den Tellerrand ermöglicht Einsicht in die (Verkehrs-)Geschichte nicht nur der einzelnen Orte entlang der Gleise, sondern der ganzen umgebenden Harz-Region. Und die Geschichte meinte es nicht gut mit der kleinen Bahn, die immer etwas im Schatten der „großen“, den Brocken bezwingenden NWE stand. 1945 wurde die Strecke von Brunnenbachsmühle nach Tanne über Nacht geteilt und befand sich nun in zwei politisch auseinander driftenden Zonen. Die entwicklungshemmende „Zonenrandlage“ war sicher auch ein Grund für die Gesamteinstellung des Eisenbahnbetriebes Anfang der 1960er Jahre. Dabei hatte man noch kurz vor dem Ende in den modernen MAN-Schienenbus VT 14 investiert, der heute noch bei der Härtsfeldbahn erhalten ist.

Doch die SHE hatte noch weitere spannende Fahrzeuge zu bieten: Der VT 02 war ein 1931 aus einem Personen-Post-Gepäckwagen in der eigenen Werkstatt (!) umgebauter dieselelektrischer Triebwagen, der erst beim Abbau der Strecke verunfallte. Mit ihm gab es auf der SHE einige Jahre vor den anderen Schmalspurbahnen im Harz ein modernes Triebfahrzeug. Auch der erfolgreiche Umbau zweier Mallet-Loks auf Luttermöller-Antrieb durch die Firma Henschel dürfte aufwändig und nicht alltäglich für eine Schmalspurbahn gewesen sein. Trotzdem ist der Technik-Teil nicht die Stärke des Buches. So werden maßstabsgetreue Zeichnungen von vielen Fahrzeugen vermisst, auch sind z.B. Gleispläne über das ganze Buch verstreut zu finden. Manches Detail wird wiederholt aufgeführt, auch Fotos finden sich doppelt. Dem Lesefluss zuträglich wären auch größere Absätze der Textpassagen gewesen. Als systematisiertes Nachschlagewerk versteht sich das Buch aber sicher nicht, vielmehr ist es eine mächtige Sammlung von Fakten mit üppiger Bebilderung. Und obwohl manchem Foto eine weitere Bearbeitung gut getan hätte und einige potenzielle Streichkandidaten ihren Weg ins Buch gefunden haben, sind es die Bilder, die aus diesem Buch einen Schatz machen.

Fazit:
Mit viel Liebe zum Detail hat Winfried Dörner „seiner“ Südharz-Eisenbahn ein Denkmal zumindest in der Buchlandschaft gesetzt. Freunde der Harzbahnen, die dieses Buch noch nicht 2012 unterm Weihnachtsbaum vorfanden, sollten schnell zugreifen. Sonst entgeht ihnen trotz kleiner Schwächen eines der durchweg empfehlenswerten Glanzlichter der Schmalspurliteratur.

Armin-Peter Heinze


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