Ludger Kenning:

Kleinbahnreise durch die Prignitz

368 Seiten, 25 x 21 cm gebunden, 121 Farb- und 445 Schwarzweißfotos, 81 Skizzen, 39 Tabellen, Verlag Kenning, Nordhorn 2013, ISBN 978-3-933613-60-8, Preis: 48,95 Euro

In diesem Sommer erschien im Verlag Kenning der von den Freunden des Pollo sehnlich erwartete Bildband über die Kleinbahnen in der Prignitz. Dabei handelt es sich nach Meinung des Rezensenten um das interessanteste Buch für Schmalspurbahnfreunde des Jahres 2013! In dem Prachtwerk findet der Käufer eine ungeahnte Vielzahl an bisher unbekannten Aufnahmen der schmal- und regelspurigen Kleinbahnen im Nordwesten Brandenburgs, wobei die einst auf 1435-mm-Gleisen verkehrende Westprignitzer Kreisringbahn lediglich 21 Seiten einnimmt. Im Mittelpunkt des Buches stehen die 750-mm-Strecken der ehemals Ost- und Westprignitzer Kreiskleinbahnen. Bis auf wenige Ausnahmen konzentriert sich der Autor dabei auf die Nachkriegszeit, also die 1950er, 1960er und frühen 1970er Jahre. Zusätzlich gibt es jedoch eine 34-seitige Darstellung der Aktivitäten und Fahrzeuge des Prignitzer Kleinbahnmuseums Lindenberg e.V.

Was macht aber das Buch so interessant – und damit gewissermaßen gleichzeitig auch gut? Es sind die saubere Gliederung, die erreichte Texttiefe sowie der Umfang und die Art der Illustrationen! Wer einen Bildband erwartet, der rechnet heute allgemein mit fotografisch anspruchsvollen Aufnahmen. Diesen Anspruch erfüllt das Kenning-Buch mit Bravour! Dem Verleger und Autor in einem ist es gelungen, ein phantastisches Bilderfeuerwerk zu zünden. So jubelte der Rezensent beim Betrachten zahlreicher Aufnahmen innerlich auf und freute sich darüber, dass es von bestimmten Stellen und Wagen sowie Fahrzeugkompositionen also doch Aufnahmen gibt. Begeisterung erzeugten bei ihm aber auch die kurzen Einführungskapitel und vor allem die einzelnen Bildunterschriften. Diese transportieren eine unerwartet hohe Menge an Wissen, was durch die abgedruckten Streckenskizzen und Gleispläne phantastisch unterstützt wird.

Das Fahrzeugkapitel enthält schließlich zusätzlich zu den Aufnahmen noch Tabellen mit technischen Daten, mehrere Zeichnungen sowie hervorragende Wagentabellen. Denn Ludger Kenning hat nicht nur Fotografen und Vereine in vielen Ländern Europas um Unterstützung mit Fotos und Dias gebeten, was sich wie das „Wer ist Wer?“ der mitteleuropäischen Eisenbahnfotografie liest, sondern auch zahlreiche namhafte Experten zu den in der Prignitz eingesetzten Fahrzeugen und Besonderheiten kontaktiert.

Das Buch besticht also auch durch eine gründliche Recherche und ein gutes Lektorat, wobei der Zustand der „Fehlerfreiheit“ bei einer Erstauflage – wie bei allen Verlagen üblich – nicht erreicht worden ist. So holpert es bei 99 791, der in einem Satz zwar die für 1938 korrekte DRB-Nummer, aber trotzdem eine Zugehörigkeit zur im Vorjahr „aufs Abstellgleis geschickten“ DRG angedichtet wird. Doch die Anzahl solcher falsch dargestellten Feinheiten ist überschaubar. Beim Stöbern in dem Buch überwiegt die Freude über die teils grandiosen Aufnahmen und wunderbar kompetenten Bildunterschriften – weit weg von imaginären Bubenwanderungen.

Trotz aller Begeisterung für den vermeintlichen Bildband haftet dem Buch für den Rezensenten jedoch auch ein fader Beigeschmack an – eben weil das Werk über den üblichen Inhalt eines Bildbandes um Welten hinausgeht. Damit ist keinesfalls der stattliche Umfang gemeint, sondern das hier eigentlich bereits gelobte Vorhandensein von Gleisplänen, Tabellen und Skizzen. Dadurch „räubert“ der Bildband im Revier einer Streckenmonographie – ohne jedoch dessen Qualität zu erreichen, da die Zeit vor 1949 sowie Gebäude und andere dort übliche Gliederungspunkte ausgespart werden. Hart gesagt: Für einen Bildband bietet er zu viel – und für ein „richtiges“ Streckenbuch zu wenig. Dadurch blockiert er aber die Herausgabe eines Fachbuches mit neuen Forschungsergebnissen zur Zeit vor 1949.

Fazit: Das Buch bietet eine fulminante Fülle an vor allem unbekannten Aufnahmen. Mit seinen Illustrationen geht es weit über den üblichen Inhalt eines Bildbandes hinaus. Für Pollo-Freunde ist es einfach ein Muss; sein Preis ist für eine derartige Fleißarbeit und für diesen Inhalt unbedingt gerechtfertigt.
André Marks

Die PK-Redaktion empfiehlt interessierten Eisenbahnfreunden, den Kenning-„Bildband“ beim Pollo-Verein in Lindenberg zu bestellen und diesen damit zu unterstützen. Seine Adresse lautet: Prignitzer Kleinbahnmuseum Lindenberg e.V., Lindenberg 7, 16928 Groß Pankow (Prignitz), www.pollo.de


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