Wilfried Rettig:

Das Raw Görlitz

Vom Bahnbetriebs- zum Ausbesserungswerk für Schmalspurlokomotiven

160 DIN-A4-Seiten mit Hartpappeinband und 314 Abbildungen, davon 41 in Farbe, EK-Verlag GmbH, Freiburg 2013, ISBN-13: 978-3-88255-771-8, Preis: 35,00 EUR

Fast 50 Jahre wurden sie in Görlitz gehegt, gepflegt, neu gebaut und verschrottet: die vielfältigen Schmalspurlokomotiven der Deutschen Reichsbahn der DDR, aber auch Werklokomotiven, Loks der DB AG, von Privatbahnen und einige Exemplare aus dem Ausland. Für den Schmalspurfreund lagen hier Freud und Leid oft dicht beieinander, doch war die tägliche Arbeit bei aller Nostalgie nüchtern betrachtet schlicht dazu da, die dampfenden Arbeitsmittel betriebsfähig zu halten. Wilfried Rettig konnte dieses Treiben 24 Jahre lang aus nächster Nähe begutachten: Der Autor war im benachbarten Wissenschaftlich-Technischen Zentrum der DR tätig. Dabei hat er nicht nur fotografiert, sondern stand auch im engen Kontakt zu den Mitarbeitern des Werkes, das 1909 als Güterzug-Bw Schlauroth gegründet wurde und ab 1955 den bekannten Namen „Reichsbahnausbesserungswerk ‚Deutsch-Sowjetische Freundschaft‘ Görlitz“ führen durfte.

Klar strukturiert wird im vorliegenden Buch der Verlauf der Geschichte bis zum Ende des Betriebes 1998 aufgezeigt. Darin eingebettet sind Kapitel zu den schmalspurigen Lok- „Patienten“ unterteilt nach Spurweite, zum technologischen Ablauf, aber auch zu den „Nebenaufgaben“ wie der Aufarbeitung von schmalspurigen Rollwagen und Rollböcken sowie der Fertigung der Dreikraftbremse für regelspurige Rangierbahnhöfe. Auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mitarbeiter werden behandelt.

Besonders hervorzuheben sind die Kapitel zu den in Görlitz ebenfalls unterhaltenen Schmalspurtransportwagen und der als „Streifzug in Farbe“ betitelte ergiebige Fototeil. Sehr ausführlich wird auch die Entwicklung nach der politischen Wende in der DDR beschrieben, der Kampf des Werkes ums Überleben und die langsame Auflösung zu Gunsten des heutigen Dampflokwerkes in Meiningen. Über 6000 Aufarbeitungen von Lokomotiven konnten am Ende bilanziert werden und dem Leser wird klar, dass ohne die engagierte Arbeit im Raw Görlitz die Schmalspurwelt heute sicher eine kleinere wäre.

In der Bilanz des Buches sind jedoch einige Dinge zu kritisieren, zum Beispiel der unkritische Umgang mit dem kapazitätsbedingt prekären Zustand der Schmalspurlokomotiven in den letzten Jahren vor der Wende. Bei den Ungenauigkeiten fallen vor allem die Bildunterschriften auf. Mehrfach werden Lokomotiven falsch bezeichnet, besonders bei denen aus dem Norden ist die „Erkennungsrate“ gering. Dafür wird manche Bildlegende mit offensichtlich erkennbaren, sehr langen Wagennummern oder Revisionsdaten gefüllt. Oder aber die rhetorische Frage gestellt, ob die 1988 abgestellte Harzer Mallet-Lok 99 5904 auf einem Bild von 1989 ihre letzte Aufarbeitung erhält (sie wurde als letzte „Sünde“ 1990 in Görlitz verschrottet).

Einige Loks sind auf einem sogenannten „Fettfleck“ abgelichtet, der leider nicht erklärt wird. Doch das vielleicht größte Defizit: Dass 99 4511, die heute in Jöhstadt „Meppel“ genannt wird, als letzte in der DDR entstandene Schmalspurdampflok 1965/66 in Görlitz gebaut wurde, findet sich nur als Tabelleneintrag!

Fazit:: Dieses Buch war überfällig. Es hebt zwar keine verborgenen Schätze aus dem inzwischen brachliegenden Gelände im Görlitzer Stadtteil Schlauroth, ist aber eine sehr willkommene Bereicherung der meist aus Streckenmonografien und Baureihenbeschreibungen bestehenden Bibliothek des Schmalspurfreundes. Trotz kleiner Mängel eine empfehlenswerte Publikation, die dem einstigen Raw ein ausführliches Denkmal setzt.
Armin-Peter Heinze


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