Thomas Frister (Hrsg.):

Alte Meister der Eisenbahn-Photographie: Günter Meyer

144 Seiten 260 x 215 mm, gebunden im Hartpappeinband, mit 225 schwarzweißen Abbildg., EK-Verlag, Freiburg (Breisgau) 2013, ISBN: 978-3-88255-323-9, Preis: 29,80 Euro

Eine lange Vorgeschichte

Seit den 1990er Jahren stellen wir im Preß´-Kurier regelmäßig neu erschienene Eisenbahnbücher vor. Diese widmen sich thematisch entweder schmal- oder regelspurigen sächsischen Strecken, in oder für Sachsen gebauten Fahrzeugen oder aber schmalspurigen Eisenbahnen in Mitteleuropa. Einen Anspruch auf so eine Rezensierung hat dabei kein Verlag – vielmehr läuft es in lockerer Art auf Zuruf zwischen den Redaktionsmitgliedern, die wiederum versuchen, den PK nicht mit ihren Meinungen über Neuerscheinungen zu überladen. Mein privater Anspruch ist es, möglichst alle Bücher mit Bezug zu sächsischen Eisenbahnen zu besitzen, um sie als Nachschlagewerk zu verwenden. Das ist für mich zugleich die Basis dafür, mir überhaupt ein Urteil über die Arbeit anderer erlauben zu können. Wie schon in den 1990er Jahren als Lehrling und später als Student passiert es mir hin und wieder aber, dass ich ein neu erschienenes Buch „vergesse“, mir zu beschaffen – so geschehen 2013 mit dem aktuellsten EK-Buch mit Aufnahmen von Günter Meyer.

Getreu meiner Überzeugung, eine Veröffentlichung von und über Günter Meyer ungesehen kaufen zu können, gönnte ich mir Anfang dieses Jahres die Publikation meiner Ex-Kollegen und begann darin zu stöbern. Seitdem habe ich ein neues Lieblingsbuch; zwar handelt es sich dabei erstmals um kein Nachschlagewerk, aber es hat mich emotional tief bewegt – und deshalb möchte ich es hiermit allen Eisenbahnfreunden wärmstens empfehlen!

Vermutlich zeigte mir mein Vater schon in den späten 1970er oder Anfang der 1980er Jahre die ersten Aufnahmen von Günter Meyer – sie prägten mein Bild von der Deutschen Reichsbahn in den Nachkriegsjahrzehnten wie die keines anderen Fotografen. Das Wissen über den 1927, im selben Jahr wie meine verstorbene Großmutter, geborenen Mann in Aue blieb für mich viele Jahre schwammig – erst als ich in den 1990er Jahren aktiv dabei half, im Preßnitztal neue Gleise zu legen, erfuhr ich mehr über ihn.

Günter Meyer und der Preß´-Kurier

Das Idol vieler Eisenbahnfotografen unterstützt die IG Preßnitztalbahn e.V. seit ihrer Gründung. So überreichte Günter Meyer dem Verein in den 1990er Jahren verschiedene Aufnahmen der Strecke Wolkenstein – Jöhstadt für das Vereinsarchiv und gab uns Redakteuren des Preß´-Kurier bis vor kurzen wertvolle Hinweise zu unseren Texten. Denn die Koryphäe aus Aue ist nicht nur ein begnadeter Fotograf, sondern auch ein wandelndes Lexikon – immer auf Genauigkeit bedacht, war er nicht nur als Fotograf z. B. an den beiden Bänden des Lokomotiv-Archives Sachsen beteiligt!

Privates Geständnis: Niemand anderes als Günter Meyer redete mir den Unfug aus, vor eine konkrete Loknummer die Buchstaben „BR“ für Baureihe zu setzten … Wann immer wir im PK über die Bergung eines Wagenkastens in Sachsen, im Spreewald, beim Pollo, auf Rügen oder in Thüringen berichteten – ich konnte darauf Wetten, von Günter Meyer kam kurz danach eine Aufnahme des betreffenden Fahrzeuges aus seiner Betriebszeit!

Dennoch sollte es bis zum Anfang des Jahrtausends dauern, bevor ich den „Bellingrodt des Ostens“ persönlich kennenlernte: Als damaliger Redakteur des EK-Verlages stellte ihn mir unser Chefredakteur Thomas Frister bei einem Autorentreffen vor – in Hamburg – an einem Tisch mit Gerhard Moll sitzend … So kam ich später in den Genuss, zu den Menschen zählen zu dürfen, die einmal in der Schwarzenberger Straße 79 in Günter Meyers Wohnung saßen, die staunend vor seinen legendären Fotoschränken standen sowie die unglaublich bescheidene und liebenswürdige Art dieses Mannes erlebt haben – ein Eisenbahner mit Leib und Seele, wie es ihn schon aufgrund der DB AG- Gründung niemals wieder geben wird!

Große Vorfreude auf das Buch

Selbstverständlich stehen die acht EK-Bildbände mit Aufnahmen von Günter Meyer in meinen Regalen, die in anderen Büchern veröffentlichten Fotos des Altmeisters sind mir ebenfalls vor Augen. Umso gespannter war ich darauf, was mich im neuen EK-Buch erwarten würde. Meine Vorfreude wurde nicht enttäuscht! Thomas Frister ist es als Herausgeber gelungen, das Buch mit einem spannenden Querschnitt aus Günter Meyers fotografischen Schaffen zu illustrieren. Obwohl nicht wenige Aufnahmen bereits in anderen EK-Büchern zu finden sind, bereitet es einfach nur Freude, in dem Band zu blättern und zu genießen! Denn der EK-typische brillante Druck nach professionellster Bildbearbeitung gepaart mit einem abwechslungsreichen Layout garantiert maximalen Genuss für das Auge.

Und so taucht der Betrachter in die große Zeit der stolzen 19er, der G12 und der Schmalspurbahnen ein. Er darf sich sowohl auf bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus Sachsen als auch von der von Günter Meyer so geliebten MPSB freuen. Garantiert nicht nur meine Interessen hat Thomas Frister bedient, indem er mehrere Aufnahmen von Wagen und Wagenkästen in das Buch aufgenommen hat. Absolute Überraschungen sind für mich die Aufnahmen Meyers aus der Tschechoslowakei und von der Geraer Straßenbahn. Ebenso schön ist es, dass der Meister selbst auf sehr vielen Aufnahmen zu sehen ist. Das hat er verdient!

Ein dickes Lob für die Begleittexte

Meine große Begeisterung für das neue EK-Buch fußt jedoch nicht nur auf den ausgewählten Aufnahmen, sondern auch auf den begleitenden Textkapiteln. In einem solchen schildert Günter Meyer selbst sein ungewöhnliches Leben und seinen Werdegang bei der Deutschen Reichsbahn. Viel habe ich davon schon am Telefon oder bei Treffen erzählt bekommen, aber dennoch waren für mich neue Details dabei. Absolut gelungen und zutreffend sind ebenfalls die Texte von Thomas Frister sowie von Gerhard Moll und Reiner Scheffler, letztere verbindet mit Günter Meyer bis heute nicht nur der Beruf des Eisenbahners. Schließe ich die Augen, dann höre ich förmlich die Stimmen von Frister, Moll und Scheffler, wie begeistert sie über „den Meyer Günt“ sprechen.

Dessen aus gesundheitlichen Gründen rar gewordenen Anrufe „Hier Meyer, Aue“ vermisse ich sehr, er wohnt heute gemeinsam mit seiner Frau in der Nachbarschaft seines Sohnes in Zwickau. Meyers Alter fordert inzwischen seinen Tribut – und so möchte ich mit dieser sehr persönlichen Besprechung des liebevoll geschriebenen und treffend illustrierten Bildbandes ihm einerseits nachträglich alles Gute zu seinem am 1. Februar begangenen 87. Geburtstag wünschen – meine alltägliche Redaktionshektik verhinderte das Schreiben eines Briefes – und andererseits Günter Meyer noch einmal zu Lebzeiten meine Hochachtung für sein Schaffen als Fotograf sowie als Forscher, nicht nur sächsischer Eisenbahngeschichte, öffentlich aussprechen.

Fazit:
Wer den 2013 erschienenen Bildband noch nicht erworben hat – rasch zum Händler! Neben zahlreichen bisher unveröffentlichten Aufnahmen warten auch die sehr persönlich gehaltenen Texte auf dankbare Rezipienten. Es wird niemand bereuen – das Preis-Leistungsverhältnis stimmt!
André Marks


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