Rezensiert:

Werner Hormann, Wolf-Dietger Machel:

Greifswalder Kleinbahnen

224 A4-Seiten gebunden im Hartpappeinband mit 356 Abbildungen, darunter zahlreiche Gleispläne, Skizzen und Tabellen, VBN Verlag Bernd Neddermeyer, Berlin 2014, ISBN 978-3-941712-37-9, Preis: 32,– Euro

Klein Zastrow oder Karrin haben Sie noch nie als Namen von Bahnstationen gehört? Dann wird es Zeit, sich mit den einst im Raum Greifswald existenten schmalspurigen Kleinbahnen zu beschäftigen! Nachdem die Autoren bereits 1998 ein 184-seitiges Buch über die Greifswald-Jarmener Kleinbahn (GJK), die Kleinbahn Greifswald–Wolgast (KGW) und die 600-mm-spurige Anklam-Lassaner Kleinbahn (ALKB) vorgelegt hatten, erschien nun bewusst in Zusammenarbeit mit einem anderen Verlag im Juli 2014 eine Monographie allein über die beiden erstgenannten 750-mm-Bahnen.

Auf 224 Seiten präsentieren die beiden Autoren ein noch detaillierteres Bild dieser beiden Bahngesellschaften, die ab 1940 innerhalb der Pommerschen Landesbahnen unter anderem auch gemeinsam mit der RüKB geführt wurden. Anders als die Schmalspurbahnen auf der Insel Rügen fielen jedoch nach 1945 sowohl die Gleise der GJK als auch KGW unter die Reparationsforderungen der Sowjets. Umso verdienstvoller ist es, dass die Autoren knapp 70 Jahre nach dem Ende und Abbau der Gleisanlagen dieser Schmalspurbahnen so viele neue Informationen und Aufnahmen zusammengetragen haben. Grundlegend neu ist natürlich kein Kapitel aus der Betriebszeit, aber Machel und Hormann haben viele Aspekte genauer und ausführlicher beschrieben sowie 1998 falsch veröffentlichte Details korrigiert.

Getreu der von allen Autoren gehassten Wahrheit „kein Buch ohne Fehler“ haben sich dafür leider auch wieder ein, zwei andere Punkte eingeschlichen, die falsch sind. So ist auf Seite 178 eben kein ehemaliger GJK-Wagenkasten in Putbus zu sehen, sondern der ehemalige RüKB-Wagen 125, zuletzt 97-42-86. Der fälschlicherweise genannte 97-42-78 kann es schon deshalb nicht sein, weil er über eine Bühne verfügte … Trotzdem verdienen die Fahrzeugkapitel allerhöchste Achtung, sind doch alle Lokomotiven und Wagen darin mit Baujahr und Hersteller minutiös erfasst und herrlich illustriert.

Erneut setzt damit ein Buch auch dem ab 1935 von den GJK eingesetzten „Fliegenden Jarmener“ ein Denkmal. Es stimmt traurig, dass die Sowjets diesen Triebwagen – ebenso wie fast alle anderen Triebfahrzeuge und Wagen der behandelten Gesellschaften – beschlagnahmten und abtransportierten. Die Floskel „auf nimmer Wiedersehen“ trifft zumindest auf zwei KGW-Wagen nicht zu. Entsprechend ist der Rückführung, Restaurierung und Aufstellung der beiden Fahrzeuge auf dem Gelände des Lubminer Seebadzentrums ein eigenes Kapitel gewidmet, das diese einzigartige Aktion würdigt. Schön ist auch, dass der menschliche Aspekt im Buch ebenfalls nicht zu kurz kommt. So schildert die letzte noch lebende Schaffnerin der KGW, Anni Schätzchen, ihre Erlebnisse mit der Kleinbahn und deren Abbau – erzählte Zeitgeschichte kann nicht spannender sein!

Und was hätte besser gemacht werden sollen? Die auf Seite 9 „versteckte“ Streckenkarte für beide Kleinbahnen wäre an einer schneller wiederfindbaren Stelle besser aufgehoben gewesen. Anstrengend ist es auch, die Großbuchstaben C und G im Fließtext zu unterscheiden. Der Lesefluss des Rezensenten stockte wann immer ihm das unleserliche große G als C ins Auge sprang … Und noch ein letztes Manko: Wenn alle Buchinnenseiten schwarzweiß gedruckt sind, dann hätten doch wenigsten auf der Rückseite des Einbandes ein oder zwei der Farbaufnahmen von 1941 bis 1943 gezeigt werden können?

Fazit:
Eine brillante Fleißarbeit mit einer überraschenden Fülle eindrucksvoller Aufnahmen. Die Gleispläne und Tabellen werten das Buch zusätzlich auf, was für 32 Euro bei diesem Umfang überraschend preiswert angeboten wird.
André Marks


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