Ingo Neidhardt/Helge Scholz:

Schmalspur-Album Sachsen Deutsche Reichsbahn 1945–1972

Lommatzsch – Meißen Triebischtal (ab Leutewitz); Meißen Triebischtal – Wilsdruff

208 Seiten im Format 29,7 x 24 cm, Hartpappeinband, ca. 210 Farb- und 500 SW-Aufnahmen SSB-Medien, Zittau 2014, ISBN-13: 978-3-00-046410-2, Preis: 48,– Euro

Was kann man zu einer Buchreihe, die nunmehr schon 15 Bände umfasst, noch Neues schreiben? Lohnt es wirklich, all die vielfach geäußerten Lobesworte zu wiederholen? Lassen Sie uns doch lieber so anfangen: Wie definiert man eigentlich den Begriff „Album“? Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat dazu Folgendes zu sagen: „Album (v. lat.: albus weiß, weißes Blatt) ist ein Sammelbehältnis in Buchform, in das zusammengehörige Dinge zu Sammelzwecken eingeordnet werden.“ Wer im jüngsten Spross der „roten Reihe“ blättert, der hält gemäß dieser Definition ein Album allerersten Ranges in der Hand: Reich gefüllt mit über 700 Aufnahmen ist es Zeugnis wahrer Sammelleidenschaft und lässt jedes Familienfotoalbum vor Neid erblassen.

Doch zunächst zum Offensichtlichen: Endete die Reise durch die Lommatzscher Pflege im vorletzten Schmalspur-Album noch in Leutewitz, so können wir mit dem jüngst erschienenen Band nun die restlichen Streckenkilometer nach Meißen und den Abschnitt bis Wilsdruff erkunden. Tatsächlich ist beinahe jeder Streckenkilometer bildlich dokumentiert, teilweise auch aus mehreren Ansichten – eine wahre Fundgrube. Angesichts der Abgeschiedenheit der behandelten Strecken ist diese Vielfalt überwiegend unveröffentlichter Aufnahmen, noch dazu mit einem sehr hohen Farbfotoanteil, wirklich bemerkenswert. Kein Kritikpunkt, aber doch erwähnenswert ist, dass die Meißener Güterstraßenbahn dabei eher am Rande gestreift wird. Ungeteiltes Lob verdient die gelungene Aufbereitung der Vorlagen, welche erstaunliche Ergebnisse hervorbrachte, ohne das Alter der Aufnahmen vertuschen zu wollen und ihnen jeglichen Charme zu rauben.

Neben den vielen Fotoraritäten – beispielsweise etlichen Aufnahmen der V36K oder der interessanten regelspurigen Transportwagen für Schmalspurwagen in Meißen – werden den Leser vor allem die vielen Szenen am Rande der Schienen in ihren Bann ziehen. Mitunter scheint es gar, als hätten sich Karl-Ernst Maedels meisterliche Kleinbahn-Erzählungen zu ebensolchen Fotos verdichtet, die abseits technischer Details vom Leben der Landbevölkerung mit ihrer Schmalspurbahn berichten und nicht zuletzt der Arbeit zahlreicher Eisenbahner ein Denkmal setzen.

Doch: Kann es auch zu viel des Guten sein? Der Versuch, auf 208 Seiten möglichst viele Aufnahmen unterzubringen, führt zwangsläufig zu einer geringeren Abbildungsgröße jedes einzelnen Bildes. Wozu diese Häufung kleiner Bildchen mit teilweise sehr ähnlichen Inhalten oder ganzer „Sequenzen“ von Zugvorbeifahrten? Diese Frage rührt auch am Selbstverständnis der Schmalspur-Alben: Wollen sie eine möglichst umfassende An-„Sammlung“ (siehe Einleitung) sein – die letztlich aber auch wertlos ist, wenn man viele Details kaum erkennen kann – oder eher ein Reigen atmosphärisch dichter und gleichzeitig verkehrs- und heimatgeschichtlich wertvoller Bilder für Genießer? Natürlich liegt es im Ermessen der Autoren und am Geschmack der Leser, in welcher Form dieser Spagat zu meistern ist – im Bewusstsein völliger Subjektivität würde sich der Rezensent für die kommenden Bände jedoch wieder mehr größere oder gar ganzseitige Abbildungen zulasten des beworbenen „Feuerwerks an Bildern“ wünschen. Die meisten Aufnahmen hätten es unbedingt verdient!

Die Begleittexte sind wieder umfassend und kenntnisreich in Form der fingierten Streckenbereisung einer fidelen Gesellschaft von Eisenbahnfreunden formuliert, auch wenn sie mitunter etwas hölzern wirken: Den melancholischen Charme der Fotos ob der bevorstehenden Streckenstilllegung untermalen sie ganz hervorragend. Die Zuordnung zu den entsprechenden Aufnahmen gelingt überwiegend problemlos. Fahrzeugkenner müssen sich allerdings auf Defizite in der Typenkunde von Wagen z. B. der Gattungen OO und OOw einstellen.

Fazit:
Wer die bisherigen Schmalspur-Alben bereits besitzt, wird auch von diesem Band nicht enttäuscht sein. Für alle anderen ist er eine gute Einstiegsdroge – die Reise auf den sächsischen Schmalspurgleisen der Nachkriegszeit hat gerade erst begonnen und es wird noch viele Eindrücke zu sammeln geben …
Sebastian Günther


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