Uwe Köhler:

Die Kiesbahn in Leipzig-Lindenau

112 Seiten, Format: 21 x 29,7 cm, Hartpappeinband, 207 Bilder, davon 65 Farbbilder, 79 Skizzen, 13 Tabellen, Verlag Kenning, Nordhorn 2015, ISBN-13: 978-3-933613-90-5, Preis: 24,95 Euro

Auf den ersten Blick könnte der unbedarfte Betrachter meinen, die sächsische Schmalspurlandschaft bestünde nur aus 750-mm-Strecken, die ausschließlich von IV K befahren werden. Gott sei Dank ist die Realität weitaus vielfältiger und so widmet sich das jüngst im Verlag Kenning erschienene Buch einer der interessantesten Abweichungen von dieser scheinbaren Norm, nämlich den Kiesbahnen im Leipzig-Lindenauer Revier. Während sich viele Monographien zur Industriegeschichte oftmals ermüdend ausführlich in Nebensächlichkeiten ergehen, erfreut sich der Leser bei der Lektüre des vorliegenden Buches an einem ausgesprochen kurzweiligen und gut lesbaren Text. Er erfährt nicht nur von Karl Heine, seinen Kanalbaubemühungen und den damit einhergehenden frühen Feldbahnen, sondern auch vom damals hochmodernen Betrieb der expandierenden Kiesgruben mit elektrischen Abfuhrbahnen und stattlichen Abbaugeräten. Immer mit Blick auf die gesamtwirtschaftlichen und -politischen Entwicklungen finden natürlich auch der Zeitraum zwischen den Kriegen, der letzte Aufschwung in der Nachkriegszeit und der allmähliche Niedergang in den letzten Jahren der DDR ausführlich Berücksichtigung.

Einige Worte zu den Abbauverfahren und den daraus resultierenden Randbetrieben hätten dem technisch unbeschlagenen Leser die Nachvollziehbarkeit der vielen Erweiterungsmaßnahmen allerdings deutlich vereinfacht. Ob dagegen die doppelseitige Wiedergabe der Werkbahnordnung von 1954 einen wesentlichen Erkenntnisgewinn verspricht, ist wohl eher eine Frage persönlicher Interessen. Großes Lob verdient wiederum die Vielzahl detaillierter Gleispläne und eine Übersicht der einzelnen Werksteile, mithilfe derer sich auch der ortsfremde Leser schnell zurechtfinden wird, auch wenn wöllte man das Haar in der Suppe finden bei allen Skizzen der Nordpfeil fehlt und eine der doppelseitigen Aufsichten nur zur Hälfte farbig abgedruckt wurde.

Sehr unterhaltsam sind die eingestreuten Kurzgeschichten, die im lockeren Erzählstil jeweils eine Episode aus dem Kiesgrubenalltag verschiedener Betriebsepochen erlebbar werden lassen eine sehr charmante und gelungene Abwechslung, die mit einem Augenzwinkern noch viele interessante Details vermittelt und dem Rezensenten große Freude bereitet hat.

Weitere Kapitel widmen sich den baulichen Anlagen (erfreulicherweise auch dem nicht an die Kiesbahn angebundenen Instandhaltungswerk in der Leipziger Pittlerstraße) und dem interessanten Fahrzeugpark. Letzteres hält neben reichhaltigen Informationen sowohl technische Daten als auch Angaben zum Lebenslauf oder zumindest Zu- und Abgangsdaten für sämtliche Triebfahrzeuge und Wagen je eine Maßskizze bereit. Selbstverständlich wird auch die heutige Museumsfeldbahn und deren Fahrzeugpark in Wort und Bild vorgestellt. Die Illustration des Buches glänzt mit einer Vielzahl hochinteressanter Aufnahmen, insbesondere aus der Frühzeit des Feldbahnbetriebes. Deren Aufbereitung ist durchweg hervorragend und kommt bei den überwiegend angenehm großen Abbildungen auch sehr gut zur Geltung. Überhaupt: Das Layout verschwendet keinen Quadratzentimeter Platz, wirkt aber dennoch nirgends unübersichtlich ein wirklich gelungener Kompromiss!

Wer nun beim Platz schaffen im Bücherschrank bemerkt, dass es schon 1998 ein Buch aus Nordhorn zum Lindenauer Felbahnnetz zu kaufen gab, dem sei noch gesagt: Zwischenzeitlich hat die Recherche des Autors viel Neues zutage gefördert, so dass die Texte nicht nur umfassend erweitert, sondern mitunter gegenüber der ersten Ausgabe auch korrigiert wurden: Das aktuelle Buch repräsentiert also den derzeitigen Forschungsstand. Vor allem wurde aber die Druckqualität deutlich verbessert, wovon insbesondere die Abbildungen profitieren.

Fazit:
Ein liebevolles und unterhaltsames, zugleich aber fachlich versiertes Portrait eines wenig beachteten Feldbahnbetriebes. Die Anschaffung kann man jedem Eisenbahnfreund uneingeschränkt empfehlen.
Sebastian Günther


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