Thomas Frister:

Zwickau – Johanngeorgenstadt - Eine Zeitreise mit Günter Meyer

112 Seiten, Format A4 quer, in Leinen gebunden mit 143 Schwarzweißfotos sowie drei Grafiken EK-Verlag, Freiburg (Breisgau) 2016, ISBN: 978-3-8446-6218-4, Preis: 29,80 EUR

Als Fotograf hat sich Günter Meyer bereits zu Lebzeiten unsterblich gemacht. Weniger bekannt ist, dass der sympathische Eisenbahner aus Aue auch Aufsätze verfasste – denn eine Aufnahme von einer Lok, von einem Wagen, einem Bahnhof oder einer Eisenbahnbrücke war ihm zu wenig! Meyer ging es stets auch um die Hintergründe, zum Beispiel wann eine Eisenbahnstrecke oder ein Fahrzeug entstand. Wozu diente eine Eisenbahn, was für Güter transportierte sie und wohin fuhren die Reisenden in den Zügen?

Eine langjährige berufliche Einsatzstrecke von Günter Meyer und zugleich Ausgangspunkt für einen Großteil seiner Eisenbahntouren durch die DDR war die Strecke Schwarzenberg – Zwickau. Aber auch die Verlängerung von Schwarzenberg nach Johanngeorgenstadt war ihm als Eisenbahner wie seine Westentasche vertraut.

Aus Anlass des 125. Jahrestages der Inbetriebnahme der Obererzgebirgischen Eisenbahn nach Schwarzenberg sowie anlässlich des 100. Jubiläums der Linie Johanngeorgenstadt – Schwarzenberg verfasste Günter Meyer im Jahr 1983 ein Manuskript über Geschichte und Gegenwart dieser Strecken. Zu einer Veröffentlichung kam es in der DDR jedoch nicht. Knapp ein Vierteljahrhundert später sandte er den Text im Jahr 2007 dem damaligen Chefredakteur des EK-Verlages und zugleich seinem Freund Thomas Frister zu. Dieser war etwas hilflos: Für einen Aufsatz im Monatsheft oder in einem Sonderheft war der Text zu lang, für ein ganzes Buch zu kurz ... Erneut blieb der Text unveröffentlicht liegen.

Nach dem Tod von Günter Meyer im November vorigen Jahres entschied sich Thomas Frister nun kurzfristig, aus diesem Manuskript einen neunten Bildband mit Aufnahmen des großen Mannes aus Aue zu machen. Dieses Buch ist seit Anfang des Jahres unter oben genannten Titel im Handel. Offengestanden hat der Rezensent das Buch blind und ungesehen bestellt, ganz nach seiner Überzeugung: „Bei Günter Meyer kann man nichts falsch machen.“ Bevor das Buch bei ihm eintraf, hörte er dann aber bereits von Freunden enttäuscht: „Naja, viele neue Aufnahmen gibt es darin ja nicht!“

Dieser Vorwurf ist leider nicht von der Hand zu weisen. Wer über die vorangegangenen Bildbänder vom EK-Verlag mit Aufnahmen von Günter Meyer sowie über das eine oder andere EK-Monatsheft verfügt, der wird mindestens zwei Drittel der Aufnahmen tatsächlich kennen. Trotzdem ist der Rezensent von dem letzten Meyerband aus der Hand von Thomas Frister angetan. Weil eben jene herrlichen Fotos nun in einem einzigen Buch zu finden sind – und weil es eben diesen wunderbaren Text von Günter Meyer dazu gibt! Wer aus der Feder des Altmeisters der DDR-Eisenbahn-Fotografie ein trockenes Sachbuch erwartet, der wird enttäuscht sein. Wer aber neugierig auf Meyers Blick auf Strecke, Vergangenheit und Details ist, der wird keinesfalls enttäuscht! Allein die Verknüpfung der Streckengeschichte mit dem Zustand des Jahres 1983 stellt ein ganz besonderes Zeugnis der Zeitgeschichte dar.

Meyer erzählt in seiner unvergleichbaren Art in leisen Tönen mit viel Kraft aus seiner Kindheit, von seinen Erwartungen, von der Industrie und vom Bergbau entlang der Strecke, vom zweigleisigen Ausbau, vom Fleiß der Kollegen bei der Reichsbahn, von Unfällen, von Schienenprofilen und vielen anderen Dingen am Rande. Dass diese Linie wieder einmal eingleisig werden würde, ist beim Lesen und Betrachten der Aufnahmen von Günter Meyer unvorstellbar! Und so kommt bei der Lektüre in lichten Momenten auch etwas Wehmut auf – denn das Buch erinnert an eine Eisenbahnstrecke, wie es sie nicht mehr gibt. Und mit dem Band setzt Thomas Frister seinem Freund Günter Meyer nochmals ein Denkmal – danke dafür!

Fazit:
Dieser Bildband enthält nur wenige bisher unveröffentlichte Aufnahmen. Dieses Buch lebt von seinem Text und von seiner Gesamtaussage. Deshalb bereute der Rezensent die Anschaffung des Bildbandes keine einzige Sekunde. Aufgrund der geringen Scankosten hätte es aber preiswerter sein können.
André Marks


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