Rezensiert:

Günther Reiche

Richard Hartmann und seine Lokomotiven

Oberbaum Verlag GmbH 1998, 338 Seiten, zahlreiche S/W-Abbildungen, ISBN: 3-928254-56-1, Preis: 50,10 Euro

Es war schon längst überfällig, und doch ist es vier Jahre nach seinem Erscheinen noch immer nicht allen Freunden der sächsischen Lokomotiven und Eisenbahnen bekannt – Günther Reiches Buch „Richard Hartmann und seine Lokomotiven“. Erschienen ist es im Verlag Oberbaum, der als Verleger von Eisenbahnliteratur in Sachsen eher unbekannt ist. Den Vertrieb des Buches haben die Mitglieder des Sächsischen Eisenbahnmuseums Chemnitz-Hilbersdorf übernommen, wo es jederzeit bestellt und erworben werden kann.

Der Autor Günther Reiche, der seit vielen Jahren im Westen Deutschlands lebt, widmete das Hartmann-Buch vor allem seiner Heimatstadt Chemnitz. Jahrzehntelang sammelte er fleißig Informationen zum Bau und Verbleib der Lokomotiven aus der sächsischen Lokomotivfabrik, aber auch über die Person Richard Hartmanns, seiner Familie und seiner Nachfolger.

Diese Recherche zeigt sich auch in der Gliederung seines Buches. Nach einem Bericht über den jungen Elsässer Richard Hartmann, seine ersten Jahre in Chemnitz, die Gründung seiner Maschinenfabrik, die Aufnahme der Lokomotivfertigung, deren Verlauf und deren Ende, was knapp ein Fünftel des 338seitigen Buches in Anspruch nimmt, bildet das mit zahlreichen Werk- und Einsatzfotografien illustrierte chronologische Lieferverzeichnis den Hauptteil des Buches. Hier findet der Leser von der ersten 1848 fertiggestellten Lokomotive „Glück Auf“ bis hin zur 1929 gelieferten letzten Lokomotive (einer Diesellok mit der Fabriknummer 4699 für die späteren Esso-Werke) aus der Sächsischen Lokomotivfabrik vormals Richard Hartmann Chemnitz AG, deren Gründung im Jahre 1869 auf den alten Hartmann selbst zurückgeht.

Liebevoll genau hat Reiche jede der 4699 Lokomotiven mit Fabriknummer, Bauart, Gattung, Baujahr, Spurweite, Empfänger, Name/Betriebsnummer und – soweit bekannt – Ausmusterung angeführt. In diesen Rubrik-Zeilen ist jedoch ein kleiner – und deshalb verschmerzbarer – Fehler: Reiche nennt die Lieferjahre, nicht aber die Baujahre. Immerhin stimmen Baujahr und das Jahr der Auslieferung nicht in allen Fällen überein. Bestes Beispiel sind die Schmalspurlokomotiven der Gattung IV K, deren erste Exemplare schon 1891 im Werkhof der SMF standen, ehe sie 1892 von den Staatseisenbahnen übernommen worden sind.

An dieser Stelle zeigt sich für den Kenner der Länderbahnzeit in Reiches Buch eine kleine Schwachstelle, die der akribischen Arbeit des Autors einen unnötigen Abstrich zuteil werden läßt: Reiche läßt Hartmanns Lokomotiven oft an Bahngesellschaften gehen, deren Bezeichnungen seiner eigenen Phantasie entspringen, aber nicht mit den offiziellen Schreibweisen übereinstimmen. So trug Sachsens staatliche Eisenbahngesellschaft von 1869 bis 1918 den Namen „Königlich Sächsische Staatseisenbahnen“, ab 1919 entfiel das Wort „Königlich“, der Plural blieb! Natürlich fallen solche Feinheiten nur unwesentlich ins Gewicht. Unter dem Strich bleibt eine hervorragende Fleißarbeit, alle Chemnitzer Lokomotiven in einem Buch gut überschaubar dem Leser kurz vorzustellen.

Unerquicklich, aber ebenfalls verschmerzbar, sind die Fehler in der Auflistung der noch erhaltenen Lokomotiven. Diese Zusammenstellung entstand offensichtlich bereits viele Jahre vor Druckbeginn und wurde später nur halbherzig aktualisiert.

Fazit:
Wer endlich mehr über Richard Hartmann und „seine“ Lokomotiven erfahren will, was über die Verzeichnisse in gängigen Archiven hinausgeht, dem sei das Buch von Günther Reiche wärmstens empfohlen. Die in sich geschlossene und komplette Auflistung aller jemals gebauten Maschinen ist eine famose Grundlage für weitere Forschungen und zeigt viele bisher unbekannte bzw. nicht nachvollziehbare Zusammenhänge auf. Der Preis von 50,10 Euro ist sehr stattlich, aber auf Grund der Exklusivität des Werkes noch vertretbar.
André Marks


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