Rezensiert:

Wolf-Dietger Machel

Die Schmalspurbahnen der Zuckerfabriken an der MPSB Friedland – Jarmen – Anklam

Wolfgang Herdam Fotoverlag 2002, 80 Seiten, 3 Farb- und zahlreiche S/W-Fotos, ISBN: 3-933178-11-8, Preis: 27,50 Euro

Der Norden der DDR wurde von den Großgrundbesitzern über Jahrhunderte ausgebeutet, der Aufbau einer Industrie unterblieb, was auch an der mangelhaften Erschließung mit Eisenbahnen dieser Regionen sichtbar ist.“ Dieser Satz aus dem DDR-Geographie-Unterricht spukte dem Rezensenten voller Ironie durch den Kopf, als er Wolf-Dietger Machels Buch zu den Schmalspurbahnen der Zuckerfabriken an der MPSB zum ersten Mal durchblätterte. Was für eine Unfug wurde damals doch gelehrt! Immerhin konnte sich in diesem Gebiet das Netz aus normal- und schmalspurigen Klein- und Privatbahnen zwischen den Reichsbahnstrecken bis 1945 durchaus mit anderen deutschen Regionen messen.

Dies unterstreicht auch einmal mehr Machels neues Buch. Mögen die Anhänger der Staatsbahnen über das Thema mit dem Kopf schütteln, allein wer das stabile, A4-große Buch zum ersten Mal durchblättert, wird merken, hier geht es nicht um Lorenbahnen mit Jim Knopf und Pferd „Kunigunde VII.“, sondern hier werden wirtschaftlich teils bis in die sechziger Jahre dringend notwendige Verkehrsanlagen der Zuckerrübenverarbeitung und Fahrzeuge vorgestellt, deren Bedeutung zu Unrecht oft mit einer Handbewegung abgetan wird. Wie auf der nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlichten MPSB, findet man hier Krauss-Lokomotiven, stabile Güterwagen, anspruchsvolle Gleisanlagen und erste Diesellokomotiven. Die Beförderungsleistungen in und zu den Zuckerfabriken bleiben hinter den der privaten oder kreiseigenen Bahnen öffentlichen Verkehrs kaum zurück.

Wolf-Dietger Machel gelingt es in seinem Buch, dieses schnell belächelte Thema auf packende und interessante Art und Weise dem Leser nahezubringen. Dabei beschränkt er sich nicht auf rein technische Beschreibungen von Fahrzeugen, sondern gibt einen umfassenden Einblick in die Notwendigkeit und den Betrieb dieser Bahnen, die bisher im Schatten der MPSB standen. Doch auch Details kommen nicht zu kurz. Wußten Sie zum Beispiel, daß fünf aus der Prignitz umgesetzte 750-mm-Ow umgespurt auf 600 mm lange Jahre in Jarmen im Einsatz standen, die erst 1997 verschrottet wurden? Wußten Sie, daß eine der Kemmlitzer (bei Mügeln) Dieselloks vom Typ V 10 C ihre Karriere in Jarmen auf 600-mm-Gleisen begann?

Faszinierend ist, wie gut Machel seine Erklärungen illustrieren kann. Wer Günter Meyer aus Aue schon immer in Verdacht hatte, früher nur mit dem Finger auf dem Auslöser seiner Kamera durch deutsche Lande gestreift zu sein, der wird mit dem Herdam-Buch seine Hypothese sicher bestätigt sehen. Von der einfachen Weichenstraße im Pflaster bis hin zu spektakulären Fahrzeugaufnahmen – von Günter Meyer, Klaus Kieper, aber auch zahlreichen anderen Fotografen wurde mehr von diesen Werkbahnen der Nachwelt festgehalten, als man glaubt. Sauber gezeichnete und übersichtliche Gleispläne runden den positiven Gesamteindruck ab. Lediglich Skizzen der eingesetzten Fahrzeuge sucht man vergebens.

Bemerkenswert ist das Kapitel über die einzige Fabrik für schmalspurige Güterwagen in Vorpommern, die von 1896 bis 1901 in Jarmen produzierte. Sie wird damit erstmals in der Literatur gewürdigt.

Fazit:
Wessen Horizont über reine DR-Schmalspuridylle hinaus geht und wer sich für den Charme der ländlichen Region zwischen Friedland, Jarmen und Anklam erwärmen kann, dem sei Machels neues Buch ans Herz gelegt. Wer beim Lesen des Buchtitels ein bleilastiges, langweiliges Werk erwartet hätte, wird enttäuscht sein. Machel zieht einen fesselnden Bogen aus Industriegeschichte, Anschluß- und Werkbahnentwicklung bis hin zur Spurensuche, was heute noch von einst zu sehen ist. Der Preis von 27,50 Euro ist für das Buch hoch, aber aufgrund des Inhalts und der niedrigen Auflage gerechtfertigt.

André Marks


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