Rezensiert:

Rudolf Heym

Das Buch der Deutschen Reichsbahn

Gera -Mond- Verlag, 144 Seiten, 63 Färb-, 74 SW-Fotos sowie 29 Grafiken und Hintergrundbilder, ISBN 3-7654-7246-8, Preis: 29,90

Pünktlich vor Weihnachten 2002 kam es zur Auslieferung: Das neue "Buch der Deutschen Reichsbahn" aus dem Verlag Gera-Mond, der Buchsparte des Gera-Nova-Verlages. Bestimmt kein schlechter Zeitpunkt, wenn ein solches Werk einen guten Verkaufsstart haben soll. Sicherlich hat es diesen gehabt, verspricht doch schon der verheißungsvolle Titel ein beliebtes und interessantes Thema.

Doch wer ein geschlossenes und gut recherchiertes Kompendium zur Deutschen Reichsbahn in der DDR erwartet, wird etwas enttäuscht sein. Vielmehr vermittelt das Buch den Eindruck, ein Werk "von Eisenbahnfreunden für Eisenbahnfreunde" zu sein. Wer selbst in der DDR in den siebziger und achtziger Jahren als Eisenbahnfreund und -fotograf aktiv war, wird in dem Buch sicher eigene Erinnerungen wieder finden. Wer hingegen ein eher "wissenschaftliches" Werk erwartet hatte, wird mit dem Titel nicht bedient. Dies gilt sowohl für den Hauptteil als auch für den Anhang des Buches, in welchem sich eine Chronologie aller Reichsbahnjahre von 1945 bis 1993 befindet.

Der Textteii des Buches ist wie erwähnt keine Ausarbeitung zur DR im engeren Sinne, sondern schildert in großen Teilen die Erinnerungen von Eisenbahnern an besondere Ereignisse im Dienst. Und auch Eisenbahnfotografen lassen persöniiche Erlebnisse aus der vergangenen Epoche der DR Revue passieren. Der Historie an sich widmet sich das Buch zu oberflächlich. Dem Leser fällt sofort die starke Bebilderung des Werkes ins Auge. Viele motivlich schöne, aber sehr großformatige, zum Teil auch zwei Seiten große Fotos säumen den Haupttext. Somit ist das Werk schnell gefüllt. In manchen Fällen mußten augenscheinlich (Kleinbiid?-)Dias herhalten, deren Qualität für einen so großen Abdruck bei weitem nicht ausreicht.

Innerhalb des beschriebenen Rahmens bietet das Buch aber einige interessante Themen, die noch nicht unbedingt weitläufig bekannt sind. Zum Beispiel dürfte das Kapitel zu den Werklokomotiven im Geiseltal für recht viele Leser Neuland sein. Konzeptionell ein hervorragender Ansatz ist die erwähnte Chronologie der Nachkriegsreichsbahnjahre am Ende des Werkes. Leider bleibt auch dieser Buchabschnitt nicht ganz ohne Kritik. Grundsätzlich gut ist die Idee, die Ereignisse bei der Eisenbahn im Kontext zur gesellschaftlichen und politischen Entwicklung darzustellen. Was Jedoch Erich Honeckers Besuche in Syrien und Zypern 1982 oder die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko mit der Deutschen Reichsbahn der DDR zu tun haben, bleibt ein Geheimnis des Verfassers.

Fazit: Wer ein Stück DDR-Reichsbahn zwischen zwei Buchdeckeln "schnuppern" möchte, dem kann man "Das Buch der Deutschen Reichsbahn" empfehlen. Wer ein umfassend recherchiertes Kompendium zu diesem Thema erwartet hat, sollte von dem Buch die Finger lassen.

Holger Drosdeck


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