Rezensiert:

Ingrid Berg

Streifzug mit der „Bummelbahn“

Eigenverlag 2003, 122 Seiten, 18 Farbabbildungen, 210 S/W-Fotos, ISBN: 3-00-011661-3, Preis: 16,– Euro

Wer trockene Zahlen sucht, welche Dampflok einst von A-Dorf nach B-Dorf mit wie vielen Wagen welcher Bauart, wann genau, warum, weshalb, wieso unterwegs war, sollte Ingrid Bergs Büchlein sofort wieder weglegen. Er wird mit dieser Art von Eisenbahnbuch nichts anzufangen wissen. Wer sich hingegen einmal mit den Menschen auseinandersetzen möchte, die hinter den Reglern, Stellwerken und Vereinen standen oder stehen, damit der Eisenbahnbetrieb überhaupt stattfinden konnte oder kann – der sollte jetzt die Ohren spitzen.

Nach den Büchern „Gute alte Bimmelbahn“ und „Funkenflug“ veröffentlichte Ingrid Berg im Vorjahr nunmehr ihr drittes Werk im A5-Format mit liebevoll zusammengetragenen Episoden von und über sächsische Schmalspurbahnen. Gaben die Geschichten in ihren Büchern bisher vor allem Begebenheiten aus dem Osterzgebirge wieder, so schlägt sie nun eine Brücke vom Wilsdruffer Netz über die HK-Linie (Weißeritztalbahn) und Lößnitzgrundbahn bis in die Oberlausitz zur Zittauer Schmalspurbahn.

Schwerpunkt auch dieses Buches bleibt jedoch die 750-mm-Sekundärbahn von Klingenberg-Colmnitz nach Frauenstein. Vor allem in die Geschichte dieses 1898 eröffneten Endpunktes entführt die Freizeit-Chronistin auf unterhaltsame und spannende Art, wobei ihre einfühlsame Art, über die Ereignisse 1945 zu berichten, größte Hochachtung verdient! Ihre Schilderungen aus den letzten Kriegswochen halten deutlich den Wahnsinn der damaligen Situation vor Augen, ohne einseitig Partei zu ergreifen.

Doch nicht nur über die Geschichte der Eisenbahnen von einst (beginnend 1898), sondern auch über die Lage des Unternehmens „Deutsche Bahn“ findet der Leser einen wahren Schatz an Begebenheiten und Anekdoten, die helfen, sich ein Bild vom Aufstieg und Fall des Verkehrsmittels Eisenbahn zu verschaffen. So sind Ingrid Bergs Beschreibungen vom „Wackel-ICE“ auf der Sachsenmagistrale einfach nur köstlich und eine schallende Ohrfeige für die DB! Lesegenuß pur versprechen aber auch die Episoden aus der Nachkriegszeit, z. B. vom Wettfahren in Klingenberg, von der Rußwolke oder vom verlorenen Klöppel des Läutewerkes von 99 539. Stimmen die Erzählungen vom Hochwasser 2002 im Weißeritztal eher traurig und nachdenklich, machen die Berichte über die Wiederinbetriebnahme von 99 715 oder den Einsatz von 99 4511 zwischen Dipps und Seifersdorf hingegen Mut!

Illustriert ist der „Streifzug mit der ,Bummelbahn'“ mit aussagekräftigen und stets passenden Aufnahmen, wobei vor allem auch den Eisenbahnern und Beteiligten einmal ein publizistisches Denkmal gesetzt wird. Der Lokomotivfreund kann sich hingegen auf weitgehend unbekannte Fotos, z. B. der V K 99 612, IV K 99 578 und vieler VI K, freuen! Doch auch einige Regelspuraufnahmen (G 12) und -geschichten (Beschreibung 4.-Klasse-Wagen, Warschauer Zuganhalter 1903) sind in dem Büchlein zu finden. Dieses ist auch unter dem Gesichtspunkt des Lektorats bemerkenswert: Es lassen sich kaum Inhalts-, Schreib- oder Satzfehler entdecken.

Fazit:
Wer die Dinge zur Eisenbahngeschichte sucht, die bei kommerziellen Verlagen bisher „hinten herunter“ fallen, wer mehr über die Menschen in und auf den Zügen und Bahnhöfen erfahren möchte, und wen mehr als Technikgeschichte interessiert, der sollte sofort zuschlagen!

A. Marks

Anmerkung: Das Büchlein wird bei der IG Weißeritztalbahn e. V., Dresdner Straße 280, 01705 Freital, Telefon 0351/6412701 verkauft. Ein Teil des Erlöses aus diesen Büchern kommt natürlich der HK-Linie zu gute!


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