Rezensiert:

Dirk Endisch

Generalreparatur und Großteilerneuerung Die „Reko-Loks“ 9915-60, 9964-71, 9973-71, 99450, 99451, 99464 und 99470

Verlag Dirk Endisch, 144 Seiten mit etwa 90 Abbildungen (teils farbig), ISBN 3-936893-04-7, Preis: 22 Euro

Warum kam nur bisher keiner auf die Idee, über diese Lokomotiven ein Buch herauszugeben, haben sie doch trotz unterschiedlichster Herkunft alle etwas gemeinsam: Sie wurden in den sechziger Jahren im Raw Görlitz für eine längere Einsatzzeit „tauglich“ gemacht. Diese Eingangsfrage stellte sich unweigerlich auch der Rezensent beim Stöbern in Dirk Endischs neuer Monografie. Mit dieser bietet er zu den teils fast komplett neu gebauten Schmalspurlokomotiven der DR umfassende Texte, die nur wenige Fragen offen lassen. Doch bevor Endisch auf die einzelnen Maschinen eingeht, findet der Leser einen hervorragenden Einführungstext in die Situation der Schmalspurbahnen in der SBZ bzw. DDR nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehrere Tabellen mit fast immer richtigen Strecken- und Fahrzeugdaten werten das Buch zusätzlich auf.

Beschrieben sind anschließend nicht nur die Hintergründe und Abläufe der Generalreparatur und Großteilerneuerungen, sondern auch die technischen Besonderheiten der neu bekesselten oder neu entstandenen Lokomotiven. Dabei erreicht Endisch eine Tiefgründigkeit, mit der er hohe Maßstäbe setzt. Mit seinen Beschreibungen zur Ausführung der neuen Kessel mit Angaben zur Rohranzahl, zur oft veränderten Steuerung und anderer Einzelheiten stellt sich das kleine unscheinbare Büchlein vom Niveau her neben Baureihenbüchern zu regelspurigen Lokomotiven. Möglich wurde die Wiedergabe so detaillierter Angaben durch die Wahl einer sehr kleinen Schrifttype und eines sehr engen Zeilen- und Letterabstandes, was beim Lesen sehr anstrengt. Da aber gerade dieses Buch vor allem als Nachschlagewerk zu einzelnen Fahrzeugen dienen dürfte, stört es nicht, daß die Schmerzgrenze nach dem Lesen mehrerer Kapitel überschritten wird.

Dieser Mangel im Schriftbild hat jedoch auch einen Vorteil: So war es möglich, eine überdurchschnittlich große Textmenge in ein 144-seitiges Büchlein zu pressen, was nur wenig größer als A5 ist, dessen Preis aber – bei ähnlichem Inhalt – deutlich unter den EK-Baureihenbüchern liegt. Allerdings ist die Anzahl der abgedruckten Fotografien im Endisch-Buch vergleichsweise sehr gering ausgefallen. Als einen gravierenden Mangel empfindet es dabei der Rezensent, daß nur von wenigen vorgestellten GR-Lokomotiven Abbildungen der ursprünglichen Maschinen, die ihre Identität und Betriebsnummernschilder spendeten, abgedruckt worden sind. Solche Gegenüberstellungen – wie bei 99 4511 praktiziert – hätten den großen Aufwand der GR bzw. Großteilerneuerung noch deutlicher herausgestellt.

Fehlerhaft sind z. B. mehrere Bildunterschriften. So wurde beispielsweise 99 573 (S. 97) – wie auf den S. 94 und 102 ausgeführt – eben später doch noch mit einem Neubaukessel versehen, war 99 516 (S. 81) eben nicht eine, sondern die älteste IV K der Nachkriegs-DR, wie auch die Aufnahme S. 67 nicht in Burg entstanden sein kann. Der Neubau von 99 594 (Tabelle S. 94, Bildtext S. 103) fand nicht 12/62, sondern 5/1963 statt (siehe Kesselnummer!).

Nicht gelungen ist es Endisch, zwei seit Jahren überlieferte Falschangaben zur IV K-Erneuerung zu entdecken. So wird erst das in diesen Tagen in den Handel kommende neue IV K-Buch vom EK-Verlag richtigstellen, daß 99 573 eben nicht 1965 oder 1966, sondern erst 1969 einen neuen Kessel erhielt – nämlich den der 1968 ausgemusterten Rügener 99 553. Ebenso fehlt der Hinweis, daß die im August 1963 mit einem neuen Kessel versehene Prignitzer 99 557 drei Jahre später – im August 1966 – auch einen neuen Rahmen erhielt. Zu den weiteren Ungenauigkeiten und (Tip-)Fehlerchen gehört u. a. die Aussage auf S. 21 zu 99 715: Auch wenn es die heutigen Eigentümer und „Klaus Richwald“ nicht wahrhaben wollen – diese Lok wurde 1991 vom VSE gekauft, die GbR 99 715 wurde erst später gegründet... Ebenso verhält es sich mit den IV K 99 562 und 566 (Tabelle S. 102, Text S. 111): Beide wurden nicht 1991 an das Sächsische Eisenbahnmuseum in Chemnitz-Hilbersdorf verkauft – auch dieser Verein gründete sich erst später –, sondern 11/1992 an IGP und VSE. Während 99 566 nach der Vereinsgründung umgehend von den Chemnitzern übernommen wurde, übergaben VSE und IGP 99 562 bereits 1993 an das DDM!

Des weiteren: 99 555 (S. 20) – GR 11/62; S. 21: 99 713 vermietet an DB-Services Südost GmbH; 99 791 kam 1939 zur DRB, nicht DRG – diese war seit Februar 1937 aufgelöst; S. 24: 99 4532 befindet sich seit 2001 im Eigentum des Interessenverbandes der Zittauer Schmalspurbahnen e. V.; S. 25: 99 4631 befindet sich seit 2002 in Prora auf Rügen – und: Sachsens Staatsbahnen kürzten sich offiziell mit E. B. am Ende ab! (1869 bis 1918 K. Sächs. Sts. E. B., danach Sächs. Sts. E. B.) Doch solche Kleinigkeiten fallen natürlich kaum ins Gewicht.

Umsomehr stechen das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis sowie die stabile, qualitative hochwertige Bindung des, sauber gedruckten Buches positiv hervor. Übrigens: Das Wort „Reko-Lok“ verwendet Endisch lediglich in Einleitungstexten, arbeitet er doch bestens heraus, daß dieser heute so weit verbreitete Begriff auf keine Schmalspurlok zutrifft! Bravo!

Fazit:
Endisch hat ein hervorragendes recherchiertes Buch zu einer bisher in der Literatur nur partiell publizierten Thematik vorgelegt, was umfassende Angaben zu den einzelnen Lokomotiven bietet. An DDR-Schmalspurgeschichte Interessierten kann die Monographie zu einem fairen Preis uneingeschränkt empfohlen werden: Kauftip!
André Marks


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