Rezensiert:

Peter Bernhardt

Abgefahren – Vier Jahrzehnte Lokführer auf den Schienen Mitteldeutschlands

Verlag Böttger, 112 Seiten, 14 Farbabbildungen, 37 S/W-Fotos sowie 4 Grafiken, ISBN 3-937496-01-7, Preis: 15,80 €

Zwischen Baureihenbüchern und Streckenporträts ist es immer wieder eine willkommene Abwechslung, wenn der heimische Eisenbahnbücherschrank auch einige Titel hergibt, die nicht der streng „wissenschaftlichen“ Eisenbahnliteratur zuzurechnen sind, sondern in einem freien Schreibstil Erlebtes am oder auf dem Schienenstrang wiedergeben – völlig subjektiv, emotional und aus persönlicher Sicht geschrieben.

Nachdem 2003 beim Verlag Böttger mit „Reichsbahn, Ruß und Rollfilm“ bereits ein Werk dieses Genres erschienen war (siehe PK 72), wartete o. g. Verlag vor einigen Monaten nun mit einem zweiten derartigen Titel auf. „Abgefahren – vier Jahrzehnte Lokführer auf den Schienen Mitteldeutschlands“ ist dieses Mal allerdings nicht aus der Sicht eines Eisenbahnfreundes und -fotografen geschrieben, sondern das Buch im A5-Format schildert die Erlebnisse und Gedanken des ehemaligen Chemnitzer Lokführers Peter Bernhardt, der hier als Autor auftritt.

Seit Mitte der fünfziger Jahre und bis 1996 im Dienste der Eisenbahn stehend, ist Peter Bernhardt zweifelsohne dazu befähigt, ein Buch wie das Vorliegende mit authentischen Geschichten und Begebenheiten aus 40 Jahren Berufsleben zu füllen. Der Autor gehört einer Generation an, die sowohl noch das klassische Dampflokzeitalter, wie die Traktionsumstellung bei der Deutschen Reichsbahn seit den sechziger Jahren, als auch die neuzeitliche Entwicklung des deutschen Eisenbahnwesens seit 1990 miterlebt hat. Dementsprechend gehört er zum alten Schlag der Eisenbahner, was man anhand seines Schreibstils leicht erkennen kann. Dennoch klingen weder die Geschichten aus der Vergangenheit, noch die z.T. fast „philosophischen“ Gedankenansätze zur Neuzeit wie die Worte eines Ewiggestrigen.

Vielmehr merkt man als Leser, daß hier jemand ein Buch verfaßt hat, der in seinem Berufsstand in der Tat mehr gesehen hat als einen „Job“, der ausschließlich dem täglichen Geldverdienen zuträglich ist. Insbesondere für die junge Generation, die die heutige Arbeitswelt kennen lernt, ist es z.B. interessant zu erfahren, wie freundschaftlich sich früher oft Kollegenbeziehungen gestalten konnten, als es noch keine Shareholder-Value-Vorstellungen bei der Eisenbahn gab. Daß sich das in „Abgefahren“ Erzählte vor allem in Sachsen abspielt, dürfte den Inhalt des Buches insbesondere für den sächsischen Eisenbahnfreund zu greifbarer Materie machen.

Begleitet wird der Text von insgesamt 21 Abbildungen, die der vom Verlag Böttger gewohnten Qualität entsprechen. Bei einem typischen Lesebuch wie dem vorliegenden stellt dies keinen gravierenden Nachteil dar. Die Gestaltung des Buches wie auch die Verarbeitung (Druck, Bindung) lassen keine Wünsche offen.

Fazit:
Jedem, der sich nicht nur für rein sachliche Eisenbahnliteratur interessiert sondern auch für das, was früher in den Köpfen der Eisenbahner vorging, kann das Buch uneingeschränkt zum Kauf empfohlen werden. Es ist eine willkommene Abwechslung für den Bücherschrank.
Holger Drosdeck


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