Rezensiert:

Friedemann Tischer

Die Muskauer Waldeisenbahn

Kenning-Verlag Nordhorn 2004, 112 Seiten (A4), 120 Abbildungen, teils farbig, ISBN 3-933613-63-9, Preis: 24,80 Euro

Zur Waldeisenbahn Muskau (WEM) gab es bereits mehrere Veröffentlichungen unterschiedlichen Umfangs und unterschiedlicher Qualität. Mit dem vor kurzen beim Kenning-Verlag erschienenen A4-Buch liegt jedoch nun eindeutig die bisher tiefgründigste und beste Publikation zur dieser 600-mm-Bahn vor. Der Autor, Friedmann Tischer, ist nicht nur der Vorsitzende des Vereins „Waldeisenbahn Muskau e. V.“, sondern auch ein hervorragender Kenner der Geschichte der ehemaligen Gräflich von Arnimschen Kleinbahn. Dabei baut Tischer u. a. auf „sein“ Anfang der neunziger Jahre beim Bufe-Verlag erschienenes WEM-Buch auf. Im gegenseitigen Einvernehmen war der Autor nach Nordhorn gewechselt, nachdem Bufe von einer Nachauflage abgesehen hatte.

In angenehmer und informativer Art und Weise schildert Tischer nun in einem Kenning-Buch den Werdegang der WEM von der Entstehung bis zur heutigen Museumsbahnzeit. Dabei hat er die neuesten Forschungsergebnisse einfließen lassen. Illustriert ist das Buch mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Fotografien, aber auch den notwendigen Standardaufnahmen. Daß dabei auf der WEM einst nicht nur die bekannten Brigadeloks und die „Diana“ zum Einsatz kamen, sondern auch zweiachsige sowie dreiachsige Schlepptenderloks (teils mit Nachlaufachse) veranschaulichen mehrere gute Aufnahmen aus deren Einsatzzeit.

Untypisch für Kenning-Bücher war es lange Zeit, Mängel an den abgebildeten Zeichnungen zu finden. Doch die Streckenskizzen im vorderen Teil des WEM-Buch können nicht unkommentiert bleiben: Die Stationsnamen sind viel zu klein! Verdrießlich stimmte den Rezensenten auch die Gliederung im vorderen Buchteil. Fragte er sich bereits, warum man für die Zeit von 1918 bis 1933 bei nur einer Seite Text überhaupt ein Kapitel bilden mußte, so stößt die Überschrift „Zwischen 1. Weltkrieg und Nazizeit“ bei ihm auf völliges Unverständnis. Fielen einerseits „Die Nazis“ nicht wie kleine braune Männchen 1933 vom Himmel und verschwanden dann 1945 auf unerklärliche Weise im Nichts, so hatten andererseits die politischen Rahmenbedingungen auf die Kleinbahn anfangs kaum Einfluß, so daß die abgedroschene Formulierung „Nazizeit“ für ein Fachbuch deplaziert ist. Politiker und Massenmedien zeigen mit solch einem Gefasel lediglich, daß sie sich mit dieser komplexen Thematik ebenso wenig intensiv beschäftigt haben, wie diejenigen, die Jahre zuvor vom „faschistischen Regime“ sprachen, ohne zu wissen, was Faschismus bedeutet – auch wenn die NSDAP einst behauptete, in Deutschland ein faschistisches System aufgebaut zu haben.

Doch zur WEM-Buch-Gliederung zurück: Besser wäre es gewesen – wenn überhaupt – 1935 anläßlich der Pensionierung des ersten Betriebsdirektors eine Zäsur zu ziehen. Dann wären Graf Arnims Dienstanweisung von 1932 auch nicht in das Kapitel „Drittes Reich“ gerutscht... Doch das Anführen solcher peniblen Details verrät es bereits: Tischers Buch hat keine gravierenden Mängel! Fahrzeugliebhaber finden hervorragend recherchierte Angaben zu den Loks und Wagen, die viele Irrtümer der Vergangenheit aufdecken. Aussagekräftige Tabellen und Kästen unterstützen diese Absicht. Die Schilderung des Wiederaufbaus der WEM seit den neunziger Jahren läßt ebenfalls keinerlei Wünsche offen. Kompliment!

Fazit: Mit dem neuen Kenning-Buch liegt eine hervorragende Beschreibung der WEM vor. An dieser Kleinbahn in der Oberlausitz Interessierte, die bereits frühere Publikationen zu diesen 600-mm-Strecken besitzen, können viele bisher unveröffentlichte Details finden, was den Kauf des neuen Buches lohnenswert macht. Bei 24,80 Euro bietet es ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

André Marks


zum Preß'-Kurier | Artikel älterer Ausgaben