Rezensiert:

Autorenkollektiv:

Der Eisenbahnknoten Riesa

hrsg. vom Städtischen Zentrum für Geschichte und Kunst des FVG Riesa GmbH Eigenverlag Riesa 2004, 130 Seiten (A4), 83 SW- und 50 Farbfotos, ISBN: – (vom Hrsg. nicht beantragt), Preis: 19,80 Euro (zuzüglich 2 Euro Versand)

Nur wenige deutsche Städte verfügen länger als Riesa über einen Eisenbahnanschluß. Eine umfassende Darstellung über den Eisenbahnknoten Riesa war aus diesem Grund schon längst überfällig. Ein Autorenkollektiv, zu dem z. B. der ehemalige Riesaer Oberbürgermeister Werner Nüse und Eisenbahnfreunde wie Reiner Scheffler und Wolfgang Neubauer gehören, nahm sich nun im vorigen Jahr dem ergiebigen Thema an. Herausgekommen ist ein gut lesbares, kurzweiliges und lockeres Eisenbahnbuch, was reich mit Fotografien, Streckenskizzen und Faksimile illustriert ist.

Dabei schlagen die Autoren von der Geschichte der einzelnen durch Riesa führenden Eisenbahnstrecken über die der Eisenbahnbrücken, Maschinenhäuser, Werkbahnen und Fahrpläne einen weiten Bogen, der bis zu den Jubiläumsfeierlichkeiten „150 Jahre erste deutsche Ferneisenbahn“ im Jahr 1989 und der bisher wenig beachteten Riesaer Pferdebahn (1889-1924) reicht.

In den dreispaltigen Seitenaufbau fügen sich die Abbildungen mit Erklärungen in ungewöhnlich großer Schrifttype harmonisch ein; die Bildwiedergabe ist – abgesehen von ORWO-Farbfotos – hervorragend. Inhaltlich kann sich das Buch ebenfalls durchaus sehen lassen. Auffallend wenige Schreibfehler haben sich eingeschlichen, doch dies sind meist nur Kleinigkeiten. So wechselt die Bezeichnung der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen häufig in die Einzahl – Staatseisenbahn, was nicht korrekt, aber verschmerzbar ist. Noch ein paar Feinheiten: Wird auf Seite 9 vorbildlich herausgearbeitet, daß die Station Riesa zwar auf Flur des erst 1923 eingemeindeten Ortes Gröba liegt, aber dennoch ausschließlich den Namen Riesa trug, so ist dies dem Autor des Maschinenhauskapitels scheinbar noch nicht bekannt (– Seite 42). Allen Autoren entgangen ist die Abdankung des letzten sächsischen Königs im Jahr 1918 und die daraus resultierende Umwandlung der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen in die Sächsischen Staatseisenbahnen.

Als Friedrich List 1889 in Reutlingen geboren wurde, trug sein Geburtsort den Status einer „Freien Reichsstadt“ – lag also nicht in Württemberg! Völlige Geschichtsunkenntnis beweist der Autor des Kapitels zur Verbindung nach Nossen (Seite 24). Es gab niemals einen deutsch-österreichischen Krieg, da sich 1866 sowohl die Preußen als auch die gegen diese kämpfenden Sachsen, Bayern, Hessen und Württemberger UND Österreicher als Deutsche fühlten (Stichwort „Deutscher Bruderkrieg“!).

Zur Eisenbahn zurück: Verlängert die Kapitelüberschrift auf Seite 34 die Existenz der 1924 gegründeten DRG von 1937 fälschlicherweise auf 1945, so verkürzt die Überschrift auf Seite 35 die Existenz der Nachkriegs-Reichsbahn unverständlicher Weise um ein Jahr auf 1992. Schmalspurfreunde dürfen sich auf Seite 59 über eine bisher unbekannte Aufnahme des von der Starkstrommeisterei Riesa genutzten zweiachsigen 750-mm-Postwagens 1703 in Strehla freuen. Interessant sind aber auch die Hinweise und Fotos der 600-mm-Bahn im Stahlwerk Riesa.

Trotz zahlreicher abgedruckter Aufnahmen ist der Rezensent mit der Menge und vor allem den Erklärungen zu den publizierten Lokfotos unzufrieden. Hier hätte man mehr machen können! Während der Leser detaillierte Stationierungspläne oder Verzeichnisse vergeblich suchen muß, wird er über viele holprige Aussagen – vor allem im Kapitel Riesa 1989 – stolpern. Eine originelle Ausdrucksweise sollte sachliche Informationen nicht ablösen oder gar verfälschen!

Fazit:
Im „Eisenbahnknoten Riesa“ findet der Leser eine ansprechende Darstellung zu immerhin fast 170 Jahren Eisenbahngeschichte. Ein hoher Informationsgehalt mit schönen Aufnahmen läßt den an einigen Stellen mangelhaften technischen Tiefgang rasch vergessen.

André Marks

Zu beziehen ist das Buch ausschließlich über das Städtische Zentrum für Geschichte und Kunst, Poppitzer Platz 3 in 01589 Riesa, per Nachnahme oder Vorauskasse. Telefon: 0 35 25/65 93 00 und E-Mail: museum-riesa@t-online.de.


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