Rezensiert:

Erich Preuß / Reiner Preuß:

Schmalspurbahnen in Sachsen
Mehr als ein Jahrhundert Eisenbahngeschichte

Transpress-Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-613-71079-X, Preis: 49,80 Mark

Es gehört zu den Standard-Werken eines sächsischen Eisenbahnfreundes - "Schmalspurbahnen in Sachsen", verlegt bei Transpress, Berlin 1983. Seit 1998 ist unter gleichem Titel eine "völlig überarbeitete Neuauflage" des bewährten Buches von Erich und Reiner Preuß auf dem Markt.

Das prächtige Titelbild von 99 758 (SOEG) bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Bertsdorf und das Foto von "199 030-8" (Döllnitzbahn) auf dem Rücktitel machen neugierig - werden hier die Schmalspurbahnen vom Bau bis zur heutigen Situation erschöpfend beschrieben? Beim ersten Durchblättern schüren neue großformatige Bilder und viele von 1983 bekannte Fotos diese Hoffnungen.

Das Vorwort gibt zunächst Recht: "...gegenüber 1983 (gibt es) auch neue Bilder und neue Erklärungen. Die Zeiten haben sich ja auch geändert." Die Gebrüder Preuß schreiben im Vorwort (Dezember 1997) weiter: "An zwei wiederaufgebauten Teilstrecken wird uns ein Museumsbahnbetrieb vorgeführt, der zeigt, wie die kleine Eisenbahn einst die Landschaft belebte. Trotzdem oder gerade deswegen; die verbliebenen Strecken sollten besucht und bereist werden."

An dieser unverständlichen Stelle sollte jeder, der endlich auch eine Würdigung der Arbeit in Schönheide und Jöhstadt erwartet hätte, das Buch schließen. Zu sehr könnte er enttäuscht sein, daß die Bemühungen der Museumsbahnen lediglich mit drei Fotos und kurzen Bemerkungen abgetan werden. Die beiden Aufnahmen der Preßnitztalbahn sind noch dazu vom gleichen Tag, gleichen Zug und gleichen Standpunkt fotografiert. Daß Erich und Reiner Preuß dennoch von den im Vorwort erwähnten "neuen Zeiten" gehört haben, beweisen etwa 15 Fotos der anderen Strecken mit zugehörigen ausführlicheren Erklärungen, die nach 1990 entstanden.

Seit 1990 scheinen aber auch die Fachlektoren und Korrekturleser ihre Arbeit eingestellt zu haben. Die Autoren selbst hatten nur einen Tag Zeit, das Manuskript vor dem Druck nochmals zu lesen. Dadurch haben sich in manche Abschnitte einige Fehler eingeschlichen. Besonders auf der vom Verlag verfaßten Rückseite des Buches kommt man ins Stolpern.

So wurde die Verstaatlichung von Strecken in Sachsen eben nicht schon 1869 abgeschlossen, denn schließlich bewahrte die LDE, eine der bedeutendsten sächsischen Linien, ihre Selbständigkeit bis 1876. Eine weitere Privatbahn, die ZOJE, betrieb die Zittauer Schmalspurbahnen immerhin von 1890 bis 1906. Ab 1880 begann auch nicht die Königliche Generaldirektion der Staatseisenbahn, sondern die der Staatseisenbahnen (Plural), das "Weihnachtsland" zu erschließen. Bei aller Verklärtheit wirkt die Ausdehnung des Begriffes "Weihnachtsland", womit üblicherweise das Erzgebirge gemeint ist, auf ganz Sachsen außerdem eher lächerlich.

Die häufig regelrecht apokalyptischen Formulierungen ("Nur fünf Strecken blieben erhalten, doch ob sie alle überleben werden, ist ungewiß", Bahnen würden derzeit als "lästiger Ballast" betrachtet) malen ein düsteres Bild von der Eisenbahnpflege in Sachsen. Und das, obwohl in keinem Bundesland mehr Strecken erhalten bleiben, es mehr Schmalspurmuseen gibt, mehr Bahndenkmäler erinnern und mehr Enthusiasten sich für die kleinen Strecken engagieren als in Sachsen.

Die Chance, diese Tatsachen zu würdigen, wurde vertan. Die Schwarzmalerei der aktuellen Lage ist aber nicht nur für Museumsbahner verletzend, sondern auch für die Landkreise und Gesellschaften wie die SOEG und BVO, die mit großem Idealismus Strecken übernahmen.

Inhaltliche Fehler findet man beispielsweise in der Tabelle zur Stationierung der erhaltenen IV K. So geben Erich und Reiner Preuß die in den siebziger Jahren zerlegte 99 1563 als noch in Plauen existent an, 99 1584 (seit 1993 Döllnitzbahn) wird nach Schönheide beheimatet, 99 1585 (seit 1992 Schönheide) fehlt schließlich gänzlich und 99 1594 (1995-1999 Putbus) glauben die Autoren, in Berlin gesehen zu haben. Während bei 99 1542 das Jahr 1992 (übrigens falsch, der Kauf fand 1991 statt) als Zeitpunkt der Übernahme durch die Preßnitztalbahn erwähnt ist, fehlt der Hinweis bei 99 1568, die am gleichen Tag erworben wurde, bei den Schönheider Maschinen und anderen IV K ganz.

Die Lok "Trusetal" mit der späteren Nummer 99 4532 wurde 1924 auch nicht zusammen mit ihrer Schwesterlok "Glückauf" (spätere DR-Nummer 99 4531) geliefert, sondern allein, da "Glückauf" bereits 1908 die Werkhallen von Orenstein & Koppel verlassen hatte.

Ein weiterer Kritikpunkt könnte ein inhaltlicher Widerspruch sein. So wird zwar die Phrase gedruckt, bei der Preßnitztalbahn habe der Personenverkehr (bis 1984) nie eine große Rolle gespielt, doch belegen alle Fotos der Strecke eher das Gegenteil, worauf sogar in der Bildunterschrift auf Seite 175 hingewiesen wird. Apropos Hinweis, daß in Steinbach bald wieder Züge halten sollen, wäre bei Redaktionsschluß Ende 1997 in der Bildlegende Seite 37 sicherlich nicht zuviel verlangt gewesen.

Allgemein hätte die Verherrlichung des Vergangenen an einigen Stellen etwas spärlicher ausfallen können. Eine kritische Bemerkung zu dem Transportpolizisten, der am Bildrand Seite 9 zufällig (?) abgebildet ist, wäre fast wichtiger gewesen, als auf die historischen Eisenbahner-Uniformen einzugehen. Machte doch damals wohl fast jeder ehrliche Fotograf mit dieser Spezi unangenehme Erfahrungen, egal ob aus Ost oder West. (Es sei denn, er konnte sich entsprechend ausweisen ... )

Positiv muß an "Schmalspurbahnen in Sachsen" angemerkt werden, daß die Entstehung der Bahnen, die technischen Ausrüstungen und viele andere grundlegende Angaben zu Sachsens Schmalspurbahnen wiederum ordnungsgemäß und ausführlich dargestellt sind. Der unter maßgeblicher Hilfe von Karlheinz Uhlemann aus Dresden erstellte Teil zu den Wagen gibt den 1997 bekannten Wissensstand in informativer Weise wieder. Erst seit Erscheinen des EK-Buches von Fischer, Schulz und Hoyer: "Die Wagen der sächsischen Sekundärbahnen" kann Tiefergehendes nachgeschlagen werden.

In "Schmalspurbah-nen in Sachsen" findet man die wesentlichsten Angaben in kompakter Form. Erich und Reiner Preuß ist es auch gelungen, neue, teils unbekannte Fotos aus der Anfangszeit der Schmalspurbahnen aufzunehmen. Die von 1983 übernommenen Fotos illustrieren treffend und ausreichend die Texte. Die nunmehr besseren Druckmöglichkeiten des Verlages zeigen viele der Aufnahmen jetzt ansehnlicher.

Fazit: Mit "Schmalspurbahnen in Sachsen", Transpress 1998 liegt ein Querschnitt zu Geschichte und Gegenwart sächsischer Schmalspurbahnen vor, dessen Hauptaugenmerk zeitlich auf den ersten zwei Dritteln liegt. Der gut recherchierte Inhalt von 1983 ist weitestgehend übernommen, teils sind Passagen neu gestaltet und verbessert. Die heutige Lage mit ihren vielfältigen Entwicklungen ist nur selektiv und teils unzureichend eingearbeitet.

Wer einen bequemen und allgemeinen Überblick zu Sachsens Schmalspurbahnen sucht, dem sei das Buch mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis dennoch empfohlen. Es bietet für alle Einsteiger in die Materie eine ergiebige Fundgrube. Suchen jedoch Besitzer des Originals von 1983 fortführende Erklärungen, sollten diese aber eher auf inzwischen erhältliche Monographien zu einzelnen Strecken und weitergehende Fachbücher ausweichen.

André Marks


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