Rezensiert:

Helge-Heinz Heinker

Leipzig Hauptbahnhof. Eine Zeitreise

Leipzig: Lehmstedt Verlag 2005, 272 Seiten, 160 Abbildungen (teilw. farbig), 24 x 27 cm, Festeinband, Fadenbindung ISBN 3-937146-26-1, Preis: 24,90 €

An Leipzigs Hauptbahnhof kommt kein Eisenbahnfreund vorbei, ohne daß ihn das Bauwerk in den Bann zieht. Egal ob es die unzähligen Gleise mit der bunten Mischung von Fern- und Nahverkehrszügen sind, die imposante Architektur oder die Wirkung, wenn man vor dem Gebäudekomplex steht. Gerade für die Eisenbahn in Sachsen ist der Leipziger Hauptbahnhof ein ganz besonderes Stück Geschichte. Der Autor der vorliegenden „Zeitreise“ hat sich der Aufgabe angenommen, diese unterschiedlichen Faktoren zusammenzufassen. Beginnend mit einer interessanten Zustandsbeschreibung der konkurrierenden Eisenbahnlinien in Leipzig Ende des 19. Jahrhunderts, als die Kleinstaaterei des Eisenbahnwesens ihre volle Blütezeit hatte, wird sehr einprägsam die Notwendigkeit einer Eisenbahnneuordnung für die Leipziger Stadtentwicklung, aber auch für den Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes insgesamt deutlich.

In einer eher ungewöhnlichen, aber sehr interessanten Weise wird der Leser in thematischen Abschnitten, die jeweils mit einem Satz überschrieben sind (z. B.: „Imponieren und Repräsentieren: Womit der Hauptbahnhof seine Besucher beeindruckt“, „Reisen und Speisen: Wie der kleine und der große Hunger gestillt wurden“) durch die Geschichte des Bauwerks bis zur Gegenwart geführt. Dadurch vermeidet der Autor die eher trockene Aneinanderreihung von Zahlen und Fakten. Der Kompromiß bedeutet aber auch die Notwendigkeit von Wiederholungen, um den Zusammenhang im jeweiligen Kapitel herzustellen. Dieser Umstand ist insofern kein Problem, da kaum ein Leser das Buch in einem Durchlauf lesen wird. Die Gliederung bietet vielmehr die Möglichkeit, das Buch und den Bahnhof immer wieder von einer neuen Seite kennenzulernen.

Auch der Rezensent hatte mehrere Jahre die Gelegenheit, den Bahnhof regelmäßig zu nutzen - bei der Betrachtung der Bilder und der Lektüre der Schilderungen wurden viele dieser Erinnerungen wieder geweckt. Das Buch erweckt sicher nicht den Anspruch, es sei ein wissenschaftliches Geschichtsbuch - es ist aber auf jeden Fall ein hochwertiges Buch mit vielen Seiten einer Geschichte. Und deshalb ist es, nicht nur für den Eisenbahnfreund, auf jeden Fall lesenswert.

Es fällt schwer, für das Buch Schwachpunkte zu nennen. Wenn dies überhaupt möglich ist, dann allenfalls hinsichtlich der Bildauswahl. Zahlreiche Fotos sind zweifelsohne exzellente zeitgeschichtliche Dokumente und gehören unbedingt auch in eingeschränkter Qualität in ein solches Buch. Einigen wenigen Aufnahmen aus den letzten Jahrzehnten mangelt es aber unberechtigt an der notwendigen Brillanz - vermutlich der Umwandlung von Farb- in Schwarzweiß-Darstellung und dem Zuschnitt bei Format und Motivauswahl geschuldet. Alles in allem verdient das Buch den Titelzusatz „Eine Zeitreise“ tatsächlich. Die historischen Daten und Fakten sind gut recherchiert und vorgestellt - ob damit die Geschichtsforschung zu diesem Thema nicht noch weitere interessante Details finden wird, steht auf einem ganz anderen Papier.

Fazit:
Insgesamt ist das Buch eine sehr gute Empfehlung für den geschichtsinteressierten Leser. Kenntnis des Systems Eisenbahn ist nicht einmal zwingend erforderlich, wo notwendig, hat der Autor die Zusammenhänge gut erklärt. Als Weihnachtsgeschenk also echt empfehlenswert.

Jörg Müller


zum Preß'-Kurier | Artikel älterer Ausgaben