Rezensiert:

David Falk

Leipzig–Großkorbetha 150 Jahre Geschichte einer Eisenbahnverbindung

Herausgegeben vom PRO LEIPZIG e. V., 48 Seiten, 21,5 x 20,5 cm, 50 schwarzweiße Abbildungen sowie über 30 Farbfotos, ISBN: 3-936508-14-3, Preis: 8,– Euro

Leipzigs Eisenbahngeschichte ist deutsche Landesgeschichte – Teil der Geschichte Sachsens und der Geschichte Preußens. Gerade die Eisenbahnen – Symbol des Fortschritts – waren im 19. Jahrhundert Spielbälle der Politik, Spielbälle zweier Mächte, die nicht zuletzt durch den „Raubfrieden“ von 1815 (Sachsen war gezwungen, fast zwei Drittel seines Territoriums an Preußen abzutreten) und den Deutschen Bruderkrieg von 1866 (in dem Preußen u. a. gegen Sachsen Krieg führte) stark verfeindet waren. Zwar konnte Bismarck 1871 die Reichsgründung durchsetzen, doch die Vorbehalte zwischen Sachsen und Preußen waren dadurch keinesfalls ausgeräumt.
In mitten dieser spannenden Zeit entstand 1855/56 die 32 km lange Eisenbahnstrecke von Leipzig ins preußische Corbetha (seit 1933 Großkorbetha), eine Verbindung zwischen Sachsen und der Thüringer Stammbahn Erfurt – Halle (Saale).

David Falk aus Kötzschau ist es in seinem vom Verein „Pro Leipzig“ herausgegebenen Büchlein gut gelungen, diese brisanten Rahmenbedingungen darzustellen. Er erwartet jedoch vom Leser diverse Vorkenntnisse. Seinen Schwerpunkt setzt Falk auf die Entstehungs- und Anfangszeit der Bahnlinie. Über die Entwicklung der Bahnlinie – Schlagworte Übergang auf die KPEV bzw. Reichsbahn, die Elektrifizierung, Fliegende Züge, Reparationen, Wiederelektrifizierung etc. – findet man lediglich Notizen in einigen Bildtexten und einer groben Zeittafel. Wo sich einst und wo sich heute die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten befand/befindet, erfährt der unkundige Leser erst auf den Seiten 23/24.
Doch der Rezensent möchte dem Buchautor auch ein Lob aussprechen: David Falk hat sich nachweislich mit Primärquellen beschäftigt, anstatt aus Sekundärliteratur abzuschreiben. Er trug dabei liebevoll viele Details aus den 1850er Jahren zusammen und liefert einen lesenswerten Text.

Ein weiteres Lob gilt dem Buch hinsichtlich seines Druckes sowie seiner Bindung und Lesefreundlichkeit. Der Text ist in einer angenehmen Schriftgröße und mit ausreichend Durchschuß gesetzt. Bei der Bebilderung hat sich „Pro Leipzig“ e. V. Mühe gegeben. Kleine Schätze stellen z. B. die Aufnahmen auf den Seiten 9, 26 oder 36/37 dar. Die Bildauswahl stellt für den Rezensenten jedoch auch einen der größten Kritikpunkte dar. Was sollen in einem Buch über eine preußische Eisenbahn so viele Aufnahmen sächsischer Fahrzeuge und fremder Bahnobjekte? Die LDE und die abgebildeten Loks der K.Sächs.Sts.E.B. haben keinerlei direkten Bezug zur porträtierten Strecke!

Dem Urheber der Bildtexte sei erklärt, dass die Aufnahme Seite 8 unten den sogenannten K-Oberbau der Reichsbahn zeigt, der erst 1925/26 eingeführt wurde. Die auf Seite 10 abgebildete Karbidlampe ist keinesfalls von 1860, sondern eher von 1940, die roten Mützen trugen nicht die Zugführer, sondern die Aufsichtsbeamten (S. 47). Die Aufnahmen auf Seite 3 oben sowie Seite 48 reißen das fotografische Niveau unnötig in den Keller – das nächste Mal solche „Fotoversuche“ bitte weglassen!

Fazit:
Wer sich für die Anfangszeit dieser Eisenbahn interessiert, für den könnte das Buch eine Fundgrube darstellen. Die DRG-/DRB- sowie DR-Zeit ist hingegen mangelhaft dargestellt; die Bebilderung des Buches ist didaktisch fragwürdig. Puristen werden bei vorliegendem Buch mehrmals tief einatmen müssen, dennoch kann es als Nachschlagewerk verwendet werden. Der Text liest sich angenehm und flüssig.

André Marks


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